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Die Bundeswehr hat vor kurzem die Einsatzprüfung zum Absetzen von Fallschirmjäger mit automatischer Auslösung des Fallschirms aus dem Airbus A400M erfolgreich abschließen können. Soldat & Technik sprach mit Brigadegeneral Jens Arlt, Kommandeur Luftlandebrigade 1, über die Teilnahme an der Einsatzprüfung und die Bedeutung des erfolgreichen Abschlusses für die deutsche Luftlandetruppe.

S&T: Herr General, Sie sind als erster deutscher Soldat aus der A400M im Automatik-Verfahren gesprungen, wie fühlte es sich an?

Arlt: Ein toller Moment, Teil des Teams gewesen zu sein und die neue Ära für die Fallschirmjäger und Luftlander mit einzuläuten! Mit der erfolgreichen Einsatzprüfung des beidseitigen Absetzverfahrens im Reihensprung aus dem A400M hat für die Luftlandetruppe ein neues Zeitalter begonnen. Gleichzeitig war es aber auch ein besonderer Moment der Kameradschaft und des Miteinanders. Ohne die Kameraden des Lufttransportgeschwaders 62, der Wehrtechnischen Dienststelle 61 und der Luftlande-/Lufttransportschule wäre dieser Meilenstein unerreichbar gewesen. Eine wahre Teamleistung, auch wenn natürlich ein wenig Wehmut mitschwingt. Die erfolgreiche Einsatzprüfung bedeutet auch einen weiteren Schritt zur Außerdienststellung der C-160 Transall Ende dieses Jahres, aber alle Beteiligten haben an diesem Tag Geschichte geschrieben.

S&T: Was ist das Besondere im Vergleich zum Springen aus anderen Luftfahrzeugtypen?

Brigadegeneral Jens Arlt ist 1989 in die Bundeswehr eingetreten, er ist ein Einsatzerfahrener Kommandooffizier und seit April 2020 Kommandeur der Luftlandebrigade 1 in Saarlouis. (Foto: Bundeswehr)

Arlt: Eine Erprobung ist natürlich immens sportlich, weil niemand vorher genau abschätzen kann, was auf ihn zukommen wird. Es beginnt mit der notwendigen Anpassung an internationale Standards, dazu musste auch mit liebgewonnenen Traditionen gebrochen werden. Die Kommandos werden von nun an auf Englisch gegeben. Die Luftlandetruppe ist multinational. Dazu gehört es auch eine gemeinsame Sprache zu sprechen. Ein weiterer Aspekt ist sicherlich auch die Änderung der Abläufe innerhalb des Luftfahrzeuges, z.B. öffnet der Absetzer nicht mehr die Tür. Diese wird durch die Luftfahrzeugbesatzung geöffnet und im weiteren Verlauf des Verfahrens an die Absetzer übergeben. Dies ist ebenfalls eine Anpassung an internationale Standards. Dazu zählt auch die Notwendigkeit eines weiteren Absetzers pro Sprungreihe. Dies ist schlichtweg der enormen Größe der A400M geschuldet, damit der Überblick und damit die Sicherheit für die Soldaten weiterhin gewährleistet werden kann. Ein weiterer Aspekt ist die Ausstattung mit Sprechsätzen für das Absetzpersonal, ohne die eine Kommunikation ebenfalls nicht möglich wäre. Wesentlich ist auch zu erwähnen, dass der Absetzer nicht mehr als letzter Soldat das Luftfahrzeug verlassen kann, um der Truppe hinterher zu springen. Dies hat auch Auswirkungen auf die taktischen Planungen.

Der Absprung selbst gestaltet sich ebenfalls anders, als im Vergleich zur C-160. Der A400M wird über eine Art Trittbrett verlassen. Der Springer befindet sich vor dem Absprung bereits schon außerhalb des Luftfahrzeuges. Um eine Verdrehung der Fallschirmkappe während des Öffnungsvorgangs zu vermeiden, ist eine kompakte Absprunghaltung essenziell. Dies gewährleistet zudem eine stabile Flugbahn in der Luft. Bedingt durch die Verlängerung der Aufziehleine, verlängert sich auch der Aufziehvorgang des Fallschirms aus dem Packsack. In diesem Moment wirken enorme Kräfte in Form der Anströmung auf den Springer. Dieser bewegt sich im Vergleich zur C-160 Transall eine längere Zeit horizontal durch die Luft. Die Phase ab der Schirmöffnung ist unverändert dank des altbewährten Fallschirmsystems T-10.

S&T: Welche Rolle hatte die Luftlandebrigade 1 bei der Einsatzprüfung?

Arlt: Der Luftlandebrigade 1 als Heimat der Fallschirmjäger und Luftlandetruppen ist natürlich der Bedarfsträger dieses Verfahrens. Dazu gehört es selbstverständlich auch im Rahmen von Erprobungen und Einsatzprüfungen mit all unseren Fähigkeiten mitzuwirken. Hierzu stellte die Luftlandebrigade 1 neben den Fallschirmspringern auch die Absetzer zur Verfügung. Neben den technischen Auswertungen des eigentlichen Fallschirmsprungs durch die WTD 61, konnte sich das Fachpersonal, welches sich im Flugzeug befindet, dazu gehören beim Fallschirmsprung die Soldaten der Luftwaffe sowie die Absetzer der Fallschirmjäger, auf gemeinsame Verfahrensanpassungen und Optimierungen verständigen. Jeder der Teilnehmer trug mit seinem Fachwissen zum gemeinsamen Erfolg dieses Projekts bei.

S&T: Ist schon absehbar wann die ersten Sprungausbildungen der Truppe mit der A400M möglich sein werden?

Arlt: Die derzeit schon durchgeführten und natürlich zukünftigen Absetzerlehrgänge an der Luftlande-/Lufttransportschule in Altenstadt sind bereits den internationalen Standards angepasst worden und qualifizieren damit für den A400M. Der Beginn der Sprungausbildung ist derzeit für das dritte Quartal 2021 geplant, sofern bis dahin die Genehmigung zur Nutzung des A400M für den Fallschirmsprung mit automatischer Auslösung erteilt sein sollte.

S&T: Welche Bedeutung hat die erfolgreiche Einsatzprüfung für den Friedens- und Ausbildungsbetrieb der Luftlandetruppe und welche Bedeutung hat sie für den Ernstfall?

Arlt: Sie ist essentiell, da mit dem Wechsel der Luftfahrzeuge von C-160 zu A400M die Befähigung zu Luftlandeoperationen sichergestellt und zusätzliche Möglichkeiten geschaffen werden konnten. Zum einen sind natürlich die technischen Eigenschaften des A400M im direkten Vergleich zur C-160 Transall zu nennen. Dazu zählen zum Beispiel die Luftbetankungsfähigkeit des Luftfahrzeugs und der daraus resultierenden möglichen Reichweite der Auftragserfüllung. Hinzu kommt der gesteigerte Transportraum. Dadurch, dass bis zu 116 Fallschirmjäger mit einem A400M transportiert werden können, ergeben sich neue Möglichkeiten für den taktischen Einsatz. Sei es im Übungsbetrieb oder im Ernstfall.

S&T: Der Sinn und Zweck von Luftlandeoperationen in einem größeren Maßstab wird durch Kritiker immer wieder infrage gestellt. Können Sie dazu Stellung nehmen?

Arlt: Die Fähigkeit zur Projektion von Kräften wurde im Weißbuch von 2016 der Bundeswehr ins Lastenheft geschrieben und mit dem „Fähigkeitsprofil der Bundeswehr“ von 2018 weiter präzisiert. Solch eine „Force Projection“ kann nur dann glaubhaft gedacht werden, wenn sie auch der Option der Verbringung von Kräften in einem von einem Gegner behaupteten Raum beinhaltet.

Ein Gegner kann mit einfachsten Mitteln den Zugang zu seinem Raum verwehren; Ein Fahrzeug, mittig auf einer Start- und Landebahn abgestellt verhindert jegliche Anlandung, sogar leichte, schwache gegnerische Truppen am Boden stellen eine ernsthafte Bedrohung für landende Luftfahrzeuge dar. Die Befähigung zum Fallschirmsprung und dem Absetzen von Lasten ist daher für die Einführung von Kräften, die solch eine Situation bereinigen können, ein essentieller Baustein. Nur so können erste Kräfte über große Entfernung projiziert werden, um Schlüsselinfrastruktur – sei es z.B. ein Flugplatz oder ein Hafen– in Besitz zu nehmen und so zu sichern, dass Folgekräfte erfolgreich eingeführt werden können.

Diese Fähigkeit erlaubt es der Bundesrepublik Deutschland glaubhaft im internationalen Krisenmanagement und in der Landes- und Bündnisverteidigung national wie auch im Bündnis Verantwortung zu übernehmen und Mitgestaltung einzufordern; Darüber hinaus ist es eine unserer Schlüsselqualifikation für die Dauereinsatzaufgabe der nationalen Krisenvorsorge.

S&T: Gilt dies auch für Szenarien im Rahmen von Landes- und Bündnisverteidigung? Wie soll man sich da eine Luftlandeoperation vorstellen, wenn der Gegner über adäquate Fähigkeiten der Flugabwehr verfügt?

Arlt: Auch in einem Artikel V-Szenar, das hochintensive Gefecht gegen einen „near-to-peer“ Gegner, ist die Fähigkeit zur Kräfteprojektion ein wirkmächtiges Mittel für die operative Planung. Nicht umsonst war die „vertikale Umfassung“, die Verbringung von Truppe unabhängig von Gelände und Feind durch die dritte Dimension, unter dem Eindruck des Kriegsbildes des Ersten Weltkrieges die Grundidee für die Einführung der Luftlandetruppe.

Der Kraftakt solch eine Operation gegen einen modern gerüsteten und vorbereiteten Gegner ist enorm und nur teilstreitkraftübergreifend und multinational zu leisten; Die Luftlandetruppe bildet nur einen Baustein in diesem Gesamtbild.

Voraussetzung ist immer die Überwindung der feindlichen Fähigkeit zu „Anti Access / Area Denial (A2/AD)“, in diesem Falle die Unterdrückung der gegnerischen Flugabwehr und die Erringung (zumindest temporärer) lokaler Luftüberlegenheit. Die Verbringung der Luftlandekräfte, deren Anschlussversorgung aus der Luft, Luftnah-Unterstützung der Truppe am Boden – der Aufwand einer Luftlandeoperation wird nur durch die Bedeutung in der operativen oder sogar strategischen Planung gerechtfertigt. Solch eine Aufgabe kann nur im Bündnis geleistet werden; Gleichzeitig ermöglicht diese Fähigkeit der NATO glaubhafte Handlungsoptionen auch gegen einen gleichwertigen Gegner im Rahmen der Bündnisverteidigung.

Im internationalen Vergleich wird der Fähigkeit der Kräfteprojektion übrigens ebenfalls besondere Bedeutung beigemessen und nicht nur nicht hinterfragt, sondern konsequent gestärkt und weiterentwickelt: Die USA halten mit der 82. Airborne Division und ihrer „Global Response Force“ Kräfte für eine „Joint Forcible Entry“-Operation mit höchster Verfügbarkeit bereit, die russischen Streitkräfte haben mit der „Vozdushno Desantnye Voyska“, der Luftlandetruppe, eine eigene Teilstreitkraft für die schnelle Kräfteprojektion zur Verfügung.

S&T: Was wird Ihrer Ansicht nach abseits eines neuen Luftfahrzeuges benötigt, um die Sicherstellung einer Luftlandefähigkeit im deutschen Heer zu gewährleisten?

Arlt: Neben der nun unmittelbar bevorstehenden regulären Nutzung des A400M als dem neuen und zeitgemäßen taktisch-operativen Verbringungsmittel für die Luftlandekräfte muss der nächste Schritt nun sein, auch ein adäquates neues Fallschirmsystem zu erhalten. Der inzwischen viele Jahrzehnte alte Rundkappenfallschirm T-10 DNB ist hinsichtlich seiner Leistungsdaten, also der möglichen Last unter der Kappe, der Sinkgeschwindigkeit und der Steuerbarkeit den Anforderungen heutiger Operationen kaum mehr gewachsen. Daher kommt es nun darauf an, zeitnah ein neues und leistungsfähigeres Fallschirmsystem zu beschaffen, das eine möglichst hohe Kompatibilität mit unseren Verbündeten aufweist, um auch multinationale Luftlandeoperationen zu ermöglichen. Zugleich kann mit der dann geringeren Sinkgeschwindigkeit und der Möglichkeit zur geplanten Drehung der Kappe durch den Springer mehr Ausrüstung auf sichere Weise zu Boden gebracht werden. Zusätzlich wird dies künftig auch die Verletzungsrate bei der Ausbildung und der Inübunghaltung im Fallschirmsprung weiter spürbar verringern.

Die Fragen stellte Waldemar Geiger.