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Die rund zweiwöchigen Evakuierungsmissionen der westlichen Nationen in Afghanistan haben die noch immer große Relevanz von Luftlandeverbänden in modernen Streitkräften verdeutlicht. Und dies nicht nur in der Rolle der luftbeweglichen leichten Infanterie, sondern auch in der Rolle einer zum Fallschirmsprung befähigten Truppe.

Obgleich die Relevanz von Luftlandeoperationen bei Einsätzen verbündeter Nationen in den vergangenen 20 Jahren wiederholt nachgewiesen wurde, stimmen Kritiker innerhalb der Streitkräfte immer wieder den Abgesang auf diese Truppengattung – insbesondere die Verbringungsart Fallschirmsprung – an. Als Kritikpunkte werden dabei die fehlende Durchsetzungsfähigkeit der leichten Truppen sowie die angeblich mangelnde Befähigung zum Unterdrücken der Flugabwehr eines gleichwertigen Gegners angeführt. Letztere Fähigkeit gilt als Voraussetzung für den Fallschirmsprungeinsatz in der Tiefe des feindlichen Raumes.

Die kritische Auseinandersetzung mit der Sinnhaftigkeit einzelner militärische Fähigkeiten im Kontext der Zeit ist legitim, wenn nicht sogar entscheidend für die Konzeption leistungsfähiger Streitkräfte. Wichtig ist aber auch, dass man dabei das Gesamtbild betrachtet und sich nicht auf einzelne Punkte beschränkt, wie es in der Debatte um die Relevanz von Fallschirmtruppen – mit der ausschließlichen Fokussierung auf den Massenabsprung mit Fallschirmen – sehr oft passiert. Die Herausforderung von Streitkräften, die Flugabwehr eines gleichwertigen Gegners zu unterdrücken, mag gegenwärtig groß sein. Das heißt aber nicht, dass dies unmöglich ist. Zwar gibt es ohne Zweifel einen Fortschritt bei der Flugabwehr, es wurden aber gleichzeitig Technologien entwickelt, um diese zu unterdrücken. Der Realitätstest, welche Seite derzeit die Oberhand hat, steht jedoch noch aus.

Unabhängig davon haben die internationalen Einsätze in Kabul erneut den Wert von Luftlandetruppen als hochmobiles Kräftedispositiv mit einzigartigen Fähigkeiten aufgezeigt. Praktisch alle beteiligten Nationen haben sich in Afghanistan bei der militärischen Evakuierungsoperation (MilEvakOp) entweder auf Luftlande- oder Spezialkräfte abgestützt. Neben den deutschen Fallschirmjägern kamen insbesondere britische Paras und US-Kräfte aus einer Luftlandebrigade der 82nd Airborne Division zum Einsatz. Alle anderen zahlenmäßig relevanten Truppenkontingente waren entweder bereits vor Ort, wie die Infanteristen der 10th Mountain Division, oder wie Marines und Nationalgardisten als Bereitschaftskräfte in räumlicher Nähe vorstationiert.

Relevanz von Luftlandetruppen

Die von Haus aus auf den Lufttransport ausgelegte leichte Ausstattung bietet zwar nur eine begrenzte Durchsetzungs- und Durchhaltefähigkeit gegenüber gepanzerten Feindkräften, erlaubt aber eine schnelle Kräfteprojektion in den Einsatzraum, weltweit.

Der eigentliche Einsatz vor Ort hätte sicherlich in ähnlicher Qualität und Form auch von anderen, zu militärischen Evakuierungsoperationen ausgebildeten Infanterie- und Grenadierverbänden erbracht werden können. Auch eine zügige Alarmierung der Truppe ist keine singuläre Befähigung von Fallschirmtruppen, wie man beispielsweise anhand der NATO-Speerspitze VJTF sehen kann.

Einzigartig für die Luftlandekräfte sind aber das Tempo, mit dem die Verbände auch in weit entfernte Räume verlegt werden können und die weiteren Handlungsoptionen, die diese Truppen im Einsatz eröffnen. Ursächlich dafür sind abgestimmte Ausrüstung, Einsatzgrundsätze und Ausbildung der Truppe auf genau solche Szenarien.

Fallschirmsprungeinsatz erwogen

Luftlandetruppen weltweit bieten darüber hinaus einen einzigartigen operativen Vorteil: den Fallschirmsprungeinsatz. Dessen Relevanz wurde in Kabul – vor der Öffentlichkeit jedoch weitgehend verborgen – ersichtlich. Auch wenn die US-Streitkräfte dies nicht offiziell bestätigt haben, gilt es in Fachkreisen mittlerweile als gesichert, dass die Amerikaner mehrere Varianten einer Luftlandeoperation im Rahmen der militärischen Evakuierungsoperation in Kabul ausgeplant hatten. Den Soldat & Technik vorliegenden Informationen zufolge wurden mindestens zwei Optionen geprüft: Eine mittels Hubschraubereinsatz und eine andere mittels Fallschirmsprungeinsatz, um im Bedarfsfall das Flugfeld in Bagram nehmen zu können.

Ausgelöst werden sollte der Einsatz dem Vernehmen nach nur, falls der Flughafen in Kabul über einen längeren Zeitraum hinweg nicht einsatzfähig gewesen wäre. Je nach benötigtem Kräftedispositiv, hätten US-Kräfte das Flugfeld von Bagram in der Nähe der Hauptstad in einer kleineren Operation mittels Hubschraubern nehmen sollen. Im Fall von stärkeren Feindkräften vor Ort hätte dies in Form eines größeren Fallschirmsprungeinsatzes erfolgen sollen, um schnell ein ausreichend großes Kräftedispositiv dorthin verbringen zu können.

Es ist offenbar dem Verlauf der Ereignisse in Kabul zu verdanken, wo der Flugbetrieb aufrechterhalten werden konnte, dass keine der Optionen gezogen wurde. Und doch zeigen allein die Planungen der schlagkräftigsten, einsatzerfahrensten und am modernsten ausgerüsteten Streitmacht der Welt, dass der Fallschirmsprungeinsatz auch zukünftig eine Daseinsberechtigung haben wird. Für die Politik wäre es womöglich die Ultima Ratio gewesen, schutzbedürftigen Personen ein Entkommen aus der gefährlichen Lage zu ermöglichen.

Die Ereignisse am Montag, dem 14. August, als das Flugfeld in Kabul von Zivilisten überrannt wurde, haben gezeigt, wie wichtig große Truppenstärken sind – nicht nur in bewaffneten Konflikten, sondern auch bei militärischen Evakuierungsoperationen. Bereits kleine Menschengruppen auf dem Flugfeld sind in der Lage, Flugoperationen gänzlich lahmzulegen. Um dies ohne einen massiven Waffeneinsatz zu unterbinden, sind starke Kräfte notwendig und der Fallschirmsprungeinsatz ist die einzige Möglichkeit, um schnell solche Kräfte an einen schwer zugänglichen Ort projizieren zu können. Dies gilt insbesondere für Nationen wie Deutschland, die nur über vergleichsweise wenige Hubschrauber verfügen.

Ein weiteres Einsatzszenario wäre das Gewinnen oder Nehmen eines Flugfeldes in einem weiter entfernten Landesteil, wo Hubschrauber nicht nur zahlenmäßig, sondern auch aufgrund ihrer beschränkten Reichweite an die Grenzen gekommen wären. Auch in solchen Fällen ist die Verbringung der Truppen mittels Flächenflugzeugen die einzige Option, bestenfalls mittels Anlandung, im ungünstigsten Fall im Fallschirmsprung.

Spezialisierung erforderlich

Grundsätzlich wird die hohe Agilität und weltweite Projektionsfähigkeit der Fallschirmtruppen durch die Spezialisierung auf Luftlande- und luftbewegliche Operationen erreicht. Diese ist Bestandteil eines jeglichen Ausbildungsabschnittes der Truppe. Während beispielsweise der Grenadier zur Erfüllung seines Auftrages in seiner Dienstzeit überwiegend auf das hochintensive Gefecht der gepanzerten Truppen trainiert wird, lernt der Fallschirmjäger das Operieren in isolierten Lagen und mit einem Bruchteil des logistischen Fußabdruckes eines herkömmlichen Infanterieverbandes.

Bedingt durch die hohe gemeinsame Übungsintensität und Interoperabilität der Luftlandetruppen, sind diese weltweit in der Lage, ad hoc mit den Besatzungen von Luftfahrzeugen anderer Länder zusammenarbeiten. Die enge Zusammenarbeit und gegenseitige Kenntnis der Verfahren schafft Vertrauen, das die Grundlage dafür bildet, bis an die Grenzen der Technik zu gehen. Nur so ist schnelle Kräfteprojektion in den Einsatzraum möglich. Der hohe Ausbildungsstand in diesem Bereich sowie die leichte und auf den Lufttransport abgestimmte Ausrüstung der Fallschirmtruppe erlaubt die schnelle Kräfteprojektion in einen weit entfernten Einsatzraum. Damit ist das Verlegen der Truppe unmittelbar nach einer politischen Freigabe möglich.

Diese Spezialisierung wird in puncto Zusammenarbeit mit Spezialkräften fortgesetzt. International ist es üblich, dass Luftlandeverbände in enger Anlehnung an Spezialkräfte agieren können. Die Interaktion der beiden Truppengattungen ist tief in der Ausbildung verankert, wodurch die spezifischen Verfahren bekannt sind und umgesetzt werden können. Dies erleichtert die gegenseitige Unterstützung bei der Operationsführung, was wiederum zusätzliche Handlungsoptionen für die Politik und den militärischen Führer im laufenden Einsatz eröffnet. Etwa, wenn ein großer Teil des Einsatzverbandes MilEvakOp dazu befähigt ist, Spezialkräfte bei der Geiselbefreiung zu unterstützen.

Aus den Operationen in Afghanistan lässt sich auch für Deutschland lernen. Da der mittels Hubschraubern bereitgestellte Lufttransportraum in der Bundeswehr ein knappes Gut darstellt, sollte die Fähigkeit zum Fallschirmsprungeinsatz modernisiert werden. Das heißt, die Beschaffung neuer Fallschirme für Soldaten und Lasten sowie die Ausweitung der zum Absetzen von Fallschirmjägern befähigten A400M-Flotte sollte zügig vorangetrieben werden. Der Fall von Kabul hat deutlich vor Augen geführt, dass Einsätze im Rahmen von MilEvakOp unverhofft kommen und sich nicht über Monate und Jahre ankündigen. Ähnlich wie im Einsatz ist daher auch bei der Beschaffung Tempo notwendig.

Waldemar Geiger