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Die Spezialkräfte der chinesischen Volksbefreiungsarmee gehören zu den am besten ausgewählten, ausgerüsteten und ausgebildeten Truppenkörpern der chinesischen Streitkräfte, sind aber nur ansatzweise mit westlichen Spezialkräften vergleichbar. Zu diesem Ergebnis kommt eine im August 2021 veröffentlichte umfangreiche Analyse der U.S. Army über die chinesische Volksbefreiungsarmee, welche in der Vorschrift Army Techniques Publication 7-100.3 „Chinese Tactics“ niedergelegt ist. Die Army Techniques Publication 7-100.3 dient als eine Grundlage für die Ausbildung der U.S. Army-Soldaten für künftige Einsatzszenarien.

Die Streitkräfte der Volksrepublik China – die Volksbefreiungsarmee/People Liberation Army – haben in allen Teilstreitkräften Spezialkräfte integriert. Bei den Landstreitkräften der Volksbefreiungsarmee (PLAA) ist in jeder Armeegruppe mindestens eine SOF-Brigade eingegliedert, welche an die Einsatzumgebungen ihres jeweiligen Großverbandes angepasst ist. Die Luftwaffe (PLAAF) verfügt über eine Luftlande-Armeegruppe, die Marine (PLAN) über mindestens eine SOF-Brigade und die Bereitschaftspolizei (PAP) über zwei SOF-Gruppen.

Deutliche Unterschiede sieht die U.S. Army hinsichtlich der Aufgaben und Befähigungen der chinesischen Spezialkräfte gegenüber ihren westlichen Counterparts. So seien die chinesischen Spezialkräfte des Heeres vor allem auf die Unterstützung der Operationsführung ihrer jeweiligen übergeordneten Gliederungen optimiert. So sind beispielsweise die SOF-Brigaden der in Gebirgsregionen stationierten Großverbände auf Gebirgskampf, diejenigen der in Dschungelregionen stationierten Korps auf Dschungelkampf und die in Küstenregionen operierenden SOF auf amphibische Einsätze optimiert. SOF-Brigaden sind mit organischen Aufklärungsdrohnen ausgestattet, die vermutlich hauptsächlich Zielaufklärung für die zahlreichen Feuerunterstützungskräfte betreiben sollen.

Zu den Hauptaufträgen der chinesischen SOF-Brigaden gehöre vor allem die Spezialaufklärung. Dazu kämen Sabotage, Zugriffe, Zielaufklärung sowie Kampfrettung. Gemein ist allen SOF-Kräften der Landstreitkräfte, dass sie qualifiziert für den Einsatz im urbanen Gelände sowie luftlandefähig bzw. luftbeweglich sind. Gleichwohl fehlen die Fähigkeiten zu luftgestützten verdeckten Operationen auf der strategischen Ebene, so die US-Analyse. Daher seien sie am ehesten mit den Ranger-Einheiten der U.S. Army vergleichbar. Kleine SOF-Einheiten sind in der Lage, mehrtägige Spähaufträge sowohl zur direkten Unterstützung der übergeordneten Kräftegruppierungen, als auch Fernspähaufklärung in der Tiefe des Raumes durchzuführen. Dazu sind diese mit Langstreckenkommunikationsfähigkeiten – einschließlich Satellitenkommunikation – ausgestattet, die es ihnen ermöglichen, Erkenntnisse nahezu oder tatsächlich in Echtzeit zu melden.

Demgegenüber erfüllten die Spezialkräfte der Bereitschaftspolizei klassische Aufträge wie Zugriffe, Geiselbefreiung sowie Anti-Terror-Einsätze und seien daher mit den polizeilichen Spezialkräften in westlichen Staaten vergleichbar.

Ebenso wären die Heeres-Spezialkräfte nicht für lang anhaltende Auslandseinsätze ausgerichtet und würden auch keine Aufträge wie die Unterstützung ausländischer Sicherheitskräfte oder unkonventionelle Kriegführung erfüllen – mit Ausnahme von Missionen im unmittelbaren geographischen Einflussbereich Chinas. Gleichwohl sieht die U.S. Army die Möglichkeit, dass sich dies ändern könne und dass die chinesische Führung die Rolle ihrer Spezialkräfte weiter ausbaut.

Jan-Phillipp Weisswange