Print Friendly, PDF & Email

Die Bundeswehr hält an dem Plan fest, eine in der Truppe wenig akzeptierte Nässeschutzbekleidung beschaffen zu wollen, die vor über 30 Jahren entwickelt wurde. Und das, obwohl sich schon längst ein Nachfolgebekleidungssystem in der Einführung befindet.

So hat das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) die im Bundesbesitz befindliche Bw Bekleidungsmanagement GmbH vor kurzem beauftragt, neue Rahmenverträge für die Herstellung und Lieferung der Bekleidungssysteme mit der Industrie abzuschließen.

Dabei ist die Nutzerakzeptanz dieser Bekleidung sehr gering, wie auch aus dem aktuellen Bericht der Wehrbeauftragten hervorgeht. „Klagen kamen auch über die eingeschränkte Funktionalität von Bekleidung, insbesondere des Nässeschutzes“, heißt es darin. So verfüge die Nässeschutzjacke nur über zwei Einschubtaschen, während die Nässeschutzhose weder Beintaschen noch Durchgriffsmöglichkeiten auf die darunter befindliche Hose biete. Dies erschwere es, Materialien unterzubringen. Und weiter im Bericht: „Verbesserung ist durch die Einführung des Kampfbekleidungssatzes Streitkräfte in Sicht, der als modernes Bekleidungssystem die derzeit genutzte Feldbekleidung System 90 ersetzen soll. Das Verteidigungsministerium beabsichtigt, in einem ersten Schub 50.000 Stück davon bis Ende 2021 zu beschaffen und den Bestand bis Ende 2031 auf 164.000 Sätze aufwachsen zu lassen.“

Trotz dieser Pläne sind nun Rahmenvereinbarungen über die Lieferung von Nässeschutz Jacken und Nässeschutz Hosen im Fünf-Farben-Tarndruck im Zeitraum 01.04.2022 bis 31.03.2026 ausgeschrieben worden. In zwei Losen sollen insgesamt mindestens 25.000 Jacken und 35.000 Hosen beschafft werden. Bei Bedarf kann die Menge auf 280.000 Jacken bzw. 260.000 Hosen angehoben werden.

Dieser Beschaffungsvorgang verdeutlicht erneut die Nachteile der starren Beschaffungsstrukturen: Einmal eingeschlagene Wege lassen sich im gegenwärtigen System nur schwer ändern. Ein Grund dafür ist dem Vernehmen nach die Art der Finanzierung von neuer Ausrüstung: Haushaltsmittel werden bestimmten Projekten und nicht Bedarfen zugeordnet.

So hat die Bundeswehr bereits vor geraumer Zeit beschlossen, diese Art der Nässeschutzbekleidung durch eine neue Generation zu ersetzen. Seit 2019 wird für den Kampfbekleidungssatz Streitkräfte (KBS SK) eine neue Generation von Nässeschutzbekleidung in die Truppe eingeführt. Eine Vollausstattung wird derzeit aber wohl erst 2031 angestrebt.

Ein Sprecher des BAAINBw verweist gegenüber Soldat & Technik darauf, dass die aktuelle Ausschreibung für die „Versorgungssicherheit der Bundeswehr zu betrachten“ sei, bis eine Vollausstattung des KBS SK-Nässeschutzes erreicht werde. „Hierbei ist auch zu beachten, dass es sich um eine Rahmenvereinbarung mit Angaben zu Mindest- bzw. Maximalmengen handelt, so dass entsprechend der Versorgungslage der Bundeswehr flexibel abgerufen werden kann“, so der Sprecher weiter.

Die Bundeswehr wählt hier ein Vorgehen, der bei vielen Beobachtern nur Kopfschütteln hervorruft. Die Sinnhaftigkeit, Haushaltsmittel für die Beschaffung einer bereits zur Ausmusterung vorgesehenen Version eines Artikels auszugeben, anstatt diese direkt in die neue Version zu investieren und die Einführung so zu beschleunigen, ist nicht nachzuvollziehen.

Die neue SK-Version der Nässeschutzbekleidung des KBS SK verfügt bereits über die 2. Generation der Gore-Tex-Membran und mehrere andere Designoptimierungen. Dieser Nässeschutz ist leichter, verfügt über einen besseren Tragekomfort und bietet auch Durchgriffsmöglichkeiten in die unteren Schichten der Bekleidung. Für die Soldaten ist dies deshalb wichtig, weil sie dann ihre in der Bekleidung getragene Ausrüstung nicht immer umpacken müssen. Aber selbst die Technologie dieses Nässeschutzes ist bereits 15 Jahre alt. Die Entwicklung erfolgte 2006.

2019 hat W.L. Gore & Associates, der Hersteller der Nässeschutzmembran, bereits die 3. Generation mit Stretch-Funktion entwickelt. Diese bietet weitere Features wie Geräuschreduktion und mehr Bewegungsfreiheit. Der Tragekomfort und das Design wurden weiter verbessert.

Ein Großteil der Soldatinnen und Soldaten wird aber wohl weiter die 30 Jahre alten Systeme nutzen müssen. Auch die Wehrbeauftragte Eva Högl ist mit diesem Ansatz unzufrieden. „Ausrüstung und die notwendige, zweckmäßige und vollständige Ausstattung der Soldatinnen und Soldaten sind ein Schwerpunkt meiner Arbeit. Diese Themen sind Gegenstand von Eingaben und Gesprächen bei Truppenbesuchen. Sie beschäftigen alle Soldatinnen und Soldaten sowie die politisch Verantwortlichen in Bundestag und Bundesregierung. Eine gute Ausstattung ist für die Erfüllung des jeweiligen Auftrages und damit zur Erhaltung der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr unerlässlich. Und sie muss auch bei der Ausbildung und in Übungen parat sein. Die Ausstattung muss funktional und zweckmäßig sein und ausreichend Schutz bieten. Deshalb ist ein moderner und funktionaler Nässeschutz so wichtig. Zum Nässeschutz gab es in den zurückliegenden Jahren immer wieder Eingaben und Fragen, das Thema ist somit auf der Agenda. Ein Nässeschutz nach neuem Standard sollte mit Nachdruck beschafft werden, eine übergangsweise Beschaffung nach altem Standard kann nur der Überbrückung dienen“, teilte die Wehrbeauftragte Soldat & Technik mit.

Waldemar Geiger