StartBewaffnungDeutschland liefert Panzerabwehrrichtminen in die Ukraine

Deutschland liefert Panzerabwehrrichtminen in die Ukraine

Waldemar Geiger

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Neben Panzerfäusten und tragbaren Flugabwehrsystemen hat Deutschland offenbar auch Panzerabwehrrichtminen aus Beständen der Bundeswehr an die Ukraine geliefert. Systeme dieses Typs wurden nun von russischen Truppen im Raum Izyum (Ostukraine) erbeutet, wie in den sozialen Medien veröffentliche Bilder nahelegen. Zuvor hatte unter anderem der Spiegel bereits eine Übersicht mit deutschen Militärhilfen veröffentlicht, in der 2.000 Minen ohne Angaben des Typs aufgeführt waren.

Die Bundeswehr hat unterschiedliche Systeme in Nutzung: Neben der Panzerabwehrrichtmine DM-22 werden unter anderem auch die Panzerabwehrminen vom Typ DM-31 – landläufig auch Tellermine genannt – sowie die AT-2-Minen der Raketenartillerie eingesetzt.

Die gelieferten Panzerabwehrrichtminen sind in der Bundeswehr seit etwa 25 Jahren in der Nutzung. Das Systemgewicht beträgt etwa 10 kg, davon entfallen ca. 1,5 kg auf den Gefechtskopf. Das Wirkprinzip basiert auf einer Tandemhohlladung. Das Waffensystem ist in der Lage, auch mit Reaktivpanzerung versehene Kampfpanzer in einer Entfernung bis zu 40 Metern zu bekämpfen. Das System ist – wenn nicht ausgelöst – wiederverwendbar und kann innerhalb weniger Minuten aufgestellt und im Bedarfsfall wieder aufgenommen werden. Die Bedienung ist vergleichsweise einfach. Im Unterschied zu herkömmlichen Panzerabwehrminen kann das System gegen Panzer und gepanzerte Fahrzeuge wirken, ohne dass diese auf die Mine fahren müssen. Die Panzerabwehrrichtmine (PARM) wird gezielt an Schneisen und Wegen auf einem Dreibein aufgestellt und so ausgerichtet, dass vorbeifahrende Gefechtsfahrzeuge bekämpft werden können. Die Auslösung erfolgt über einen Lichtwellenleiter (Länge 40 m), der über den möglichen Annährungsweg gelegt wird. Wird dieser unterbrochen, zündet der ausgerichtete Gefechtskopf und bekämpft das ankommende Fahrzeug. Da der Anflug aus nächster Nähe und sehr bodennah erfolgt, wird dem System auch eine sehr hohe Wirksamkeit gegenüber Panzern mit abstandsaktiven Schutzsystemen zugesprochen.

Begründet durch dieses Wirkprinzip können selbst breite Straßen und Schneisen mit einzelnen PARM-Systemen gesperrt werden, wo sonst vergleichsweise viele herkömmliche Minen benötigt würden. Darüber hinaus sind die PARM für den Gegner deutlich schwerer aufzuklären.

Bereits vor dem Überfall der russischen Streitkräfte auf die Ukraine war ein gesteigertes Interesse von westlichen Streitkräften an solchen Systemen zu vernehmen. So hatte beispielsweise die TDW Gesellschaft für verteidigungstechnische Wirksysteme mbH, eine Tochter von MBDA Deutschland, auf der letztjährigen Rüstungsmesse DSEi in London erstmals seit Jahrzehnten die PARM wieder ausgestellt, S&T berichtete.

Das Interesse kommt nicht von ungefähr, denn Richtminensperren im Allgemeinen stellen einerseits ein vergleichsweise günstiges Panzerabwehrmittel dar und bieten darüber hinaus sehr viel Entwicklungspotenzial. In den letzten Jahrzehnten erzielte technologische Fortschritte im Bereich der Bilderkennung und Sensorik würden eine Leistungssteigerung solcher Systeme auf unterschiedlichen Ebenen erlauben. Diese Systeme könnten beispielsweise recht einfach mit einer Diskriminierungsfähigkeit ausgerüstet werden, die dafür sorgen würde, dass das Wirkmittel nur gegen spezifische Fahrzeuge zum Einsatz kommt. Damit wären unbeabsichtigte Wirkungen gegen verbündete bzw. eigene Kräfte oder die Zivilbevölkerung praktisch ausgeschlossen. Eine Vernetzung solcher Systeme würde es darüber hinaus erlauben, dass Soldaten und nicht Mechanik oder Algorithmen über die Auslösung der Systeme entscheiden könnten. Auf diese Weise könnten die Wirkmittel um eine Human-in-the-Loop-Funktion erweitert werden.

Waldemar Geiger