StartTaktik & AusbildungSchießausbildung: Norwegen evaluiert elektronische Manövermunition

Schießausbildung: Norwegen evaluiert elektronische Manövermunition

Thomas Nielsen

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Einem Bericht der norwegischen Online-Fachpublikation „Forsvarets Forum“ zufolge hat das norwegische Verteidigungsforschungsinstitut („Forsvarets Forskningsinstitutt“, NDRE) mit dem norwegischen Unternehmen Green Ammo AS kürzlich einen Vertrag zur Entwicklung elektronischer Manövermunition – umgangssprachlich auch unter dem Begriff Platzpatronen bekannt – geschlossen. Der Auftrag mit einem Gesamtvolumen von 13,6 Millionen Norwegischen Kronen (etwa 1,2 Millionen Euro) beinhaltet die Entwicklung von Manövermunition in den Kalibern 7,62 mm x 51 und 12,7 mm x 99. Das Entwicklungsprojekt wird von der NDRE geleitet.

Für die norwegischen Streitkräfte ist die elektronische Manövermunition von Green Ammo keine Unbekannte. Green Ammo hat das System bereits für Waffen im Kaliber 5,56 mm x 45 entwickelt, und im Rahmen eines separaten Vertrags erhielt das norwegische Heer im Oktober vergangenen Jahres 80 Exemplare des Systems für die Nutzung mit dem Sturmgewehr HK416 zu Evaluierungszwecken. Die Evaluierung soll den norwegischen Streitkräften helfen festzustellen, ob die elektronische Übungsmunition herkömmliche Manövermunition ersetzen kann. Eine Antwort auf diese Frage wird für das vierte Quartal 2023 erwartet.

Green Ammo AS wurde gegründet, um elektronische Manövermunition zu entwickeln, zu produzieren und zu vermarkten. Die Technologie soll die traditionelle Manövermunition in der militärischen Ausbildung ergänzen oder ersetzen und basiert auf drei elektronischen Baugruppen, die an der Waffe angebracht werden:

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  • Ein „elektronisches Magazin“ mit der gleichen Größe und dem gleichen Gewicht wie ein Magazin mit herkömmlicher Munition. Das Magazin enthält auch eine Soundeinheit, die das Geräusch eines Schusses simuliert.
  • Ein Rückstoßmodul, das den Bolzen in der Waffe ersetzt. Das Rückstoßmodul simuliert den Rückstoß der Waffe.
  • Ein Mündungsfeuer-Simulator.

Alle drei Baugruppen werden vorübergehend an der Waffe angebracht, ähnlich wie bei einer herkömmlichen Schreckschussvorrichtung. So kann das Training mit den „elektronischen Patronen“ mit der Standard-Waffe der Soldaten durchgeführt werden.

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Die wichtigsten Teile des Systems befinden sich im elektronischen Magazin. Jedes Magazin kann so programmiert werden, dass es eine bestimmte Anzahl geladener Patronen sowie die Wahrscheinlichkeit von Störungen simuliert, die bei scharfer Munition zu erwarten wären. Es besteht auch die Möglichkeit, das System mit einem an der Waffe montierten Laser zu kombinieren, um ein grundlegendes Schießtraining oder vermutlich ein taktisches Training ähnlich dem bekannten Laser-Trainingssystem MILES bzw. AGDUS zu ermöglichen.

Wenn das elektronische Manövermunitionssystem von Green Ammo wie angekündigt funktioniert, kann der Soldat die gesamte Waffenhandhabung und -verwendung trainieren, einschließlich Laden, Schießen, Nachladen, Beseitigen von Störungen usw., wobei der gefühlte Rückstoß zusätzliche Trainingsvorteile bietet.

Das elektronische Manövermunitionssystem hat auch eine Reihe potenzieller Vorteile gegenüber herkömmlicher Messing-, Stahl- und Plastik-Manövermunition:

  • Größere Sicherheit, da das System den Verschluss und das Magazin in der Waffe ersetzt, besteht keine Gefahr, dass versehentlich ein scharfer Schuss abgefeuert wird.
  • Geringere Kosten, da keine Munition verbraucht wird. Als Referenz wird die Gesamtbeschaffung von Manövermunition durch die norwegischen Streitkräfte im Jahr 2020 auf 15,5 Millionen Schuss geschätzt, was einem Gesamtwert von 62,7 Millionen Norwegischen Kronen bzw. 5,5 Millionen Euro entspricht.
  • Keine Rückstände und Gasemissionen. Da kein eigentliches Treibmittel verwendet wird, werden keine unverbrannten Treibladungsreste oder andere Rückstände aus der Mündung der Waffe ausgeworfen, so dass keine Vorrichtung zum Verschießen von Manöverpatronen und keine Sicherheitsabstände erforderlich sind.
  • Keine Aufräumarbeiten. Da keine verbrauchten Patronenhülsen aus der Waffe herausgeschleudert werden, müssen nach dem Training keine Hülsen aufgeräumt oder eingesammelt werden.
  • Breitere Verwendbarkeit. Die beiden letztgenannten Punkte ermöglichen den Einsatz der elektronischen Manövermunition in Bereichen und an Orten, an denen die Verwendung herkömmlicher Manövermunition eingeschränkt wäre.

Die 80 Systeme elektronischer Manövermunition, die im Jahr 2022 an die norwegische Armee geliefert wurden, sind die ersten serienmäßig hergestellten Systeme von Green Ammo und stellen einen wichtigen Schritt auf dem Weg der Forschung und Entwicklung dar. Das Unternehmen teilt mit, dass mehrere Nationen, sowohl NATO-Staaten als auch andere, ihr System getestet und ihr Interesse bekundet haben. Im Rahmen des neuen Entwicklungsvertrags mit der NDRE hat Green Ammo nun die Möglichkeit, seine Technologie auf andere Waffentypen und Kaliber auszuweiten.

Thomas Nielsen