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Die Schweizer-Niederlassung der RUAG Ammotec aus Thun bringt mit der .375 SWISS P ein neues Scharfschützengewehrkaliber auf den Markt. Anlass zu der Neuentwicklung gaben vermehrte Anfragen von Behörden und Spezialeinheiten nach einer leistungsstärkeren Patrone als es die .338 LM darstellt. Diese soll eine Reichweite im Überschallbereich von mindestens 1500 Metern haben und zum Beispiel mit Hartkerngeschossen ballistische Westen der Schutzklasse SK4 auf eine Distanz von 600 Metern sicher durchschlagen. Neben diesen außen- und zielballistischen Forderungen soll die verwendete Waffe jedoch möglichst kompakt und leicht sein.

Obwohl die recht große Leistungslücke zwischen der .338 LM und der .50 BMG durch Kaliber wie.408 Cheytac hinreichend überbrückt wird, finden Waffen in diesem Kaliber nur ganz vereinzelt und zögerlich Einzug in Spezialeinheiten. Hinzu kommt eine äußerst schlechte Munitionsversorgung in Europa. Erschwerend kommt hinzu, dass ganz aktuell die .375 und .408 Cheytac von der CIP-Kommission aus deren Standardisierung entfernt wurde. Auch fallen die Waffen in dieser Kalibergruppe nur unwesentlich kompakter und leichter als Waffen im Kaliber .50 BMG aus, jedoch mit deutlich geringerer Patronenleistung und Auswahl an Laborierungen.

Patronenvergleich: .338 LM links und die neue .375 SWISS P rechts (Foto: RUAG Ammotec)

Die RUAG Ammotec entschied sich für einen anderen Weg. Das neue Kaliber sollte mit dem bei vielen Behörden eingeführten .338 LM Waffensystemen kompatibel sein. Um die neue Patrone verschießen zu können, muss lediglich der Lauf der Waffe ausgetauscht werden. Verschluss und Magazin bleiben identisch. Dies bietet den großen Vorteil, dass die Anwender weiterhin mit ihrem vertrauten und erprobten Waffensystem arbeiten können. Für die Leistungssteigerung ist somit keine aufwendige und langwierige Ausschreibung und Erprobung sowie die kostenintensive Neuanschaffung eines Waffensystems notwendig. Die größenmäßige Beschränkung auf ein .338 LM Waffensystem unter Nutzung des gleichen Verschlusskopfes und Magazins setzt der neuen Kaliberentwicklung jedoch klare Grenzlinien.

Da es sich um eine Neuentwicklung handelt, konnte nicht auf Hülsen in diesem Kaliber zurückgegriffen werden. Daher wurde, wie bei der Munitionsentwicklung üblich, eine artverwandte und geeignete Hülse gesucht. Die Wahl fiel hierbei auf die .500 Jeffery. Zwar hat die .500 Jeffery einen um 0,3 mm kleineren Hülsenbodendurchmesser als die .338 LM / .375 SWISS P, jedoch hat diese Patrone ebenfalls einen eingezogenen Rand und der Hülsendurchmesser oberhalb der Auszieherrille entspricht mit 15,72 mm dem angepeilten P1 Maß der .375 SWISS P und bietet somit genügend Hülseninnenvolumen für die ersten Versuche.

Nach erfolgreichem Abschluss der Vorversuche wurde mit der Entwicklung eines Vollmantel- und eines Hartkerngeschosses begonnen. Neben der Einhaltung geringster Fertigungstoleranzen und einer möglichst aerodynamischen Auslegung der Geschossspitzengeometrie ist auch die Lage des Geschossschwerpunktes von großer Bedeutung für die erreichbare Präzision. Letztere sollte möglichst weit in Richtung Geschossheck verlagert werden. So verliert das 22,7 g (350 grs) schwere HPBT-Geschoss bei einer Mündungsgeschwindigkeit von 865 m/s auf den ersten 500 Metern Flugstrecke 201 m/s an Geschwindigkeit. Nach 1000 Metern erreicht das Matchgeschoss noch eine Geschwindigkeit von 495 m/s. Die 1600 Metermarke durchfliegt das Geschoss mit 337 m/s, was der Luftschallgeschwindigkeit bei 9°C entspricht. Im Vergleich dazu erreicht das exakt gleichschwere Vollmantelgeschoss folgende Messwerte. Der Geschwindigkeitsabfall bei gleichen meteorologischen Bedingungen und gleicher Mündungsgeschwindigkeit von 865 m/s auf den ersten 500 Metern beträgt 198 m/s. Bei 1000 Metern zeigt das Messgerät eine Geschwindigkeit von 499 m/s an. 341 m/s werden an der 1600 Metermarke gemessen. Damit ist das Vollmantelgeschoss bei Temperaturen kleiner 16°C noch supersonisch. Es kommt wohl eher selten vor, dass ein Vollmantelgeschoss die außenballistischen Leistungen eines Matchgeschosses übertrifft.

Die RUAG Ammotec hat mit der kompletten Neuentwicklung des Kalibers .375 SWISS P und zwei neuen Geschosskonstruktionen einmal mehr bewiesen, dass sie zu Recht eine der führenden Hersteller von Munition im Bereich Armee und Behörden sind. (Foto: Chr. Hocke)

Entgegen dem weitverbreiteten Konstruktionsprinzip entschied sich die Ammotec für ein Hartkerngeschoss mit geschlossenem Geschossboden und kleiner offener Hohlspitze. Als Kern wird eine gesinterte Legierung aus Wolframkarbid und Cobalt verwendet. Die Kernlegierung wurde speziell auf den maximalen Durchschlag von in ballistischen Schutzwesten verwendeten Keramikeinsätzen abgestimmt. Dazu wurden zig Keramikpanzerungen beschossen und mittels High-Speed- und Röntgenblitzaufnahmen ausgewertet um die Bruchmechanismen der spröd-harten Keramiken zu analysieren. Dank dieser extrem aufwendigen Untersuchungen ist es gelungen, eine Schutzweste der Klasse SK4 unter Normbedingungen bis ca. 600 Meter sicher zu perforieren. Aber auch gegen Stahlziele zeigt das Hartkerngeschoss extrem gute Leistungen. So kann das derzeitige .375 Hartkerngeschoss eine 22 mm dicke Stahlplatte mit einer Härte von 367 HB auch noch auf Entfernungen von über 350 Metern durchschlagen. Auf Distanzen bis 1500 Meter können Ziele von einer Winkelminute Größe reproduzierbar getroffen werden.

Die RUAG Ammotec hat mit der kompletten Neuentwicklung des Kalibers .375 SWISS P und zwei neuen Geschosskonstruktionen einmal mehr bewiesen, dass sie zu Recht eine der führenden Hersteller von Munition im Bereich Armee und Behörden sind. Die .375 SWISS P wird in der Laborierung mit Vollmantelgeschoss (Ball) ab April 2021 verfügbar sein. Das Hartkerngeschoss ist voraussichtlich ab Ende 2021 erhältlich. Insgesamt stellt das Kaliber .375 SWISS P eine niedrige Einstiegshürde für Waffenhersteller dar, da im Wesentlichen ein spezifischer Lauf unter Verwendung einer 338 LM Waffe notwendig ist. Die Anwender profitieren von gesteigerter Leistung bei nahezu gleichbleibendem Waffen- und Munitionsgewicht und von fabriklaborierter Munition. Zum jetzigen Zeitpunkt bieten PGM in der Mini Hecate II und Voere in der X3, X4 und X5 das neue Kaliber an.

Für weitere Informationen besuchen Sie gerne unsere Produktwebweise der neuen .375 SWISS P Scharfschützenpatrone.