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Der chinesische QLZ87 Granatwerfer ist in unseren Breiten kaum bekannt. Fachleute beobachten die überaus leichte Plattform jedoch schon länger weltweit, so im syrischen Bürgerkrieg, in den Händen von African Union Mission in Somalia (AMISOM) Kräften in Ostafrika, aber auch bei den bolivianischen Streitkräften. Neben dem omnipräsenten, chinesischen Exportverbund NORINCO ist seit einigen Jahren eine weitere Quelle für diese agile Waffe in Form des sudanesischen Rüstungsverbundes Military Industry Corporation (MIC) hinzugekommen. Die dort gefertigte Kopie unter der Bezeichnung „Abba“ soll auch Gegenstand dieses Beitrages sein.

Entstehungsgeschichte und Technik

Der QLZ87 Granatwerfer entstand aus einem über Jahrzehnte andauernden Prozess innerhalb der chinesischen Volksbefreiungsarmee unter Einbindung von unterschiedlichen Produzenten und Forschungseinrichtungen.

Die Montage der Optik erfolgt auf der linken Gehäuseseite. (Foto: Kristóf Nagy)

Dabei wurden sowohl amerikanische, als auch sowjetische Entwürfe genau studiert und erprobt. Während die amerikanischen Werfer im 40-mm-Kaliber als zu schwer erachtet wurden, betrachtete man den sowjetischen Ansatz im Kaliber 30 mm x 29B als zu schwach, um die gewünschte Wirkung im Ziel zu entfalten. Die chinesische Doktrin verlangte einen leichten, automatischen Werfer auf Gruppenebene, im Gegensatz zu dem sich abzeichnenden, internationalen Trend. Dieser sollte die Eigenschaften der einschüßigen Werfer mit denen der lafettierten, schweren Waffen mit Magazin oder Gurtzuführung vereinen. Gewicht und Größe hatte einem mittleren Maschinengewehr zu entsprechen. Die Munition wiederum sollte genug Bauraum aufweisen, um neben reinen HE Projektilen mit Spreng-Splitterwirkung auch Mehrzweckgranaten mit einer kombinierten Spreng-Hohlladung zur Bekämpfung von Befestigungen und leicht bis mittel gepanzerte Fahrzeuge zu ermöglichen. Das Entwicklungsteam entschied sich daher neben einer Waffe auch die dazugehörige, abgestimmte Munition zu entwerfen. Die Ergebnisse wurden bereits 1988 in Form der nun W87 bezeichnete Waffe zusammen mit der eigens entwickelten 35 mm x 32 Halbrandpatrone vorgestellt. Dabei setzten die Entwickler bei der W87 auf das Rückstoßlader-Prinzip mit Rollenverschluss. Als Munitionsbehälter diente ein von oben zuführendes Kastenmagazin mit einer Kapazität von neun Patronen. Zudem war die Waffe für die Montage einer Optik sowie eines Dreibeines ausgelegt.

Der Prototyp überzeugte die chinesische Volksarme jedoch nicht vollständig, wenn auch das grundlegende Konzept in der Weiterentwicklung beibehalten wurde. Sowohl die Waffe als auch die Munition erfuhren Anpassungen mit dem Schwerpunkt der Gewichtsersparnis und Vereinfachung. Der komplexe Rollenverschluss wurde durch einen per direkten Gasdruck betriebenen Stützklappenverschluss ersetzt. Mit der Fertigung dieser Verschlussart für größere Kaliber bei automatischen Waffen hatte die chinesische Industrie bereits ausgiebig Erfahrung sammeln können. Tatsächlich beruht die Funktionsweise der QLZ87 weitestgehend auf dem überschweren Maschinengewehr Type 77 bzw. Type 85.

In Bezug auf die Munition wurde die Hülsenlänge gekürzt und die Mündungsgeschwindigkeit erhöht. Um der leichten Rolle gerecht zu werden, wurde neben dem großen, 15-Schuss-Trommelmagazin auch ein leichtes, 6-Schuss-Magazin entwickelt.

Die wuchtige Doppelkammer Mündungsbremse wurde behalten. Ebenfalls der Rückstoßminderung dient eine voluminöse Pufferfeder, welche dem mit einer gummierten Kappe versehenen Schaft seine charakteristische Form gibt. Der Abzug findet zusammen mit einem Pistolengriff und dem Feuerwahlhebel ungewohnt verkanntet an der rechten Gehäuseseite seinen Platz. Technisch interessant ist der Tragegriff, welcher auch Teil des Verschlusses ist und zeitgleich als Spannhebel und Schließhilfe (ähnlich einem Forward Assist bei dem AR-15 System) dient. Das zurückströmende Gas wird vor dem Tragegriff nach oben auf eine Prellfläche geleitet und zwingt den Verschluss nach hinten. Durch diese Ausgestaltung wird kein Gas auf die beweglichen Teile des Verschlusses geblasen, wodurch die Verschmutzung reduziert und die Zuverlässigkeit erhöht wird. Nach dem Entriegeln und dem Entweichen des überschüssigen Gases zieht der Verschluss die Hülse aus und wirft sie nach oben aus. Neben dem Zweibein in der Verwendung als Handfeuerwaffe steht auch ein Dreibein, sowie die Möglichkeit der Montage auf einem Fahrzeug zur Verfügung.

Wann und unter Beteiligung welcher Organisationen diese Verbesserungen durchgeführt worden sind, ist nicht klar. Bekannt ist, dass seit spätestens den frühen 1990er Jahren die QLZ87 in der chinesischen Volksarme eingeführt und auch umgehend für den Export angeboten wurde. QLZ87 steht dabei für „Qing bing qi, Liu-dan Fa-she-qi, Zi-dong“ was übersetzt  „Kleinwaffen, Granatwerfer, Automatisch“ bedeutet. Die „87“ wiederum bezeichnet das Jahr 1987, in dem die grundlegenden Arbeiten an der Waffe begannen, jedoch nicht die Einführung.

Die sudanesische Lizenzversion „Abba“

Die Military Industry Corporation fertigt in seinen zahlreichen Fabriken eine breite Palette an Waffen und Kampfmitteln chinesischen Ursprungs. Der genaue Umfang der Wertschöpfung ist dabei schwer zu beurteilen. Ein Beispiel für die reine Montage vorgefertigter Teile ist das QBZ-97 Sturmgewehr im Kaliber 5,56 mm x 45, welches als Kit angeliefert und im Sudan unter der Bezeichnung „Sinan“ zusammengebaut wird. Im Lichte dieser Praxis ist der tatsächliche Fertigungsanteil von MIC an dem Abba Werfer unklar. Unstrittig ist, dass die Waffen mit eigenständigen, englischsprachigen Stempeln, Markierungen und Schusstafeln ausgeliefert werden, welche vermutlich sudanesischen Ursprungs sind. Als Produktionsstätte wird unter anderem der Alshagara Industrial Complex (AIC) vermutet, welcher seit 1959 Handwaffen und vorrangig Munition herstellt und als Keimzelle der Military Industry Corporation gilt. In den Kämpfen um die umstrittene Region Dafur sowie Südsudan kamen nachweislich QBZ-97 Werfer auf Seiten sudanesischer Kräfte zum Einsatz. Ob und wie viele davon aus lokaler Produktion stammen, ist jedoch unklar. Der Nachweis für die Fertigung der passenden Munition durch MIC ist noch weniger zu führen, auch wenn die Kapazitäten und das Knowhow definitiv verfügbar sind. Der in diesem Beitrag dokumentierte Werfer ist allerdings der Beleg, dass dieses Waffensystem durch den Sudan aktiv zum Export angeboten wird.

Technische Daten
Kaliber: 35 mm x 32
Gewicht: 12 kg mit Zweibein und Optik, 20 kg mit Dreibein
Länge: 1300 mm
Feuerart: Einzel- und Reihenfeuer
Kadenz: 480 Schuss / Minute
V0: 190 m/s
Max. effektive Schussweite: 800 m vom Zweibein, 1750 m vom Dreibein
Magazinkapazität: 6 oder 15 Schuss Trommel

Kristóf Nagy


Quellen:

  • Timothy Yan, The Chinese QLZ87 Automatic Grenade Launcher. Arms & Munitions Brief No 1. 2014, Armament Research Services
  • Juanjuan Yang, Xinlong Li, Bin Yang, Yi Ren, Junli Wang, Grenade Launchers in China, 2010, China R&D Academy of Machinery
  • Jonah Leff, Emile LeBrun, Following the Thread: Arms and Ammunition Tracing in Sudan and South Sudan, 2014, Small Arms Survey
  • Military Industry Corporation, ABBA 35 mm – Automatic Grenade Launcher AFY02, Produktdatenblatt