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Das niederländische Verteidigungsministerium hat das niederländische Parlament mittels eines „A-Letters“ über die Erfordernisse des Projektes „Licht Indirect Vurend Systeem“ (LIVS) zum Ersatz der aktuellen 120-mm-Mörser informiert. Die bestehenden Systeme wurden 1968 eingeführt und sollen nun durch eine Kombination, bestehend aus modernen, marktverfügbaren (Military off the Shelf – MOTS) 120-mm-Mörsersystemen und Loitering-Munition-Systemen, ersetzt werden. Das Abgeordnetenhaus wurde gebeten, das Thema im ersten Quartal 2021 zu behandeln.

Das LIVS-Projekt wurde bereits 2018 angekündigt. Mit der Übermittlung des A-Letters an das Parlament wird die erste Phase des niederländischen Beschaffungsprozesses (A Phase – Analyse der Anforderungen) abgeschlossen. LIVS soll durch die niederländische Rüstungsbeschaffungsorganisation DMO im Zeitraum 2021 bis 2027 realisiert werden, wobei der Zulauf der ersten Systeme 2023 erwartet wird. Für die Umsetzung des Projektes wird eine nicht weiter spezifizierte Summe im Rahmen von 25 bis 100 Millionen Euro veranschlagt.

Niederländischer Beschaffungsprozess (Graphik: Soldat & Technik)

Bedarf und Merkmale des LIVS

Das moderne Gefechtsfeld stellt hohe Anforderungen an die Fähigkeiten der Kampftruppe. Die Entfernung, über die Waffen und Sensoren effektiv eingesetzt werden müssen, wird immer größer und das Einsatztempo nimmt ständig zu. Das niederländische Verteidigungsministerium schlussfolgert daraus, dass demzufolge der Reaktionsgeschwindigkeit, Genauigkeit und Wirkung von Waffensystemen immer mehr Bedeutung beigemessen werden muss. Dies muss nach Ansicht des Ministeriums auch für die Waffensysteme der leichten Infanterieverbände gelten, welche schnell über größere Entfernungen verlegt werden können. Für die Durchsetzungsfähigkeit dieser Verbände auf dem Gefechtsfeld sei eine leistungsfähige bodengebundene Feuerunterstützung zwingend erforderlich. Dies ist nach Ansicht des Ministeriums mit den aktuell bei der 11. Luchtmobilen Brigade und dem Korps Mariniers genutzten 120-mm-Mörsern nicht mehr ohne Einschränkungen gewährleistet. Darüber hinaus werden die Systeme 2025 ihr Nutzungsdauerende erreichen. Ersatz sei daher notwendig.

„Das relativ geringe Gewicht eines Mörsers im Vergleich zur Feuerkraft“, so das Ministerium, „macht ihn zu einem sehr geeigneten Mittel zur Feuerunterstützung von leichten Einheiten auf kurze Distanz.“ Diese Systeme können per Fahrzeug, Hubschrauber oder Boot verbracht werden. Daraus ergebe sich ein hohes Maß an Mobilität, heißt es im A-Letter weiter.

Das Ministerium fordert daher, dass das LIVS vergleichbare Feuerunterstützungskapazitäten wie die eingeführten Systeme aufweisen soll, bei größerer Reichweite sowie schnellerem und präziserem Einsatz. Darüber hinaus wird eine Panzerabwehrfähigkeit des LIVS gefordert. Daher soll sich das System aus neuen 120-mm-Mörsern und Loitering-Munition-Systemen zusammensetzen. Diese sollen sich komplementär ergänzen.

Mörser

Insgesamt sollen 20 neue 120-mm-Mörser für die Feuereinheiten der 11. Luchtmobilen Brigade und der niederländischen Marineinfanterie sowie einer Reservefeuereinheit beschafft werden. Eine niederländische Feuereinheit besteht aus vier Rohren. Als Mindestreichweite werden 8 km gefordert. Um die Präzision sowie teilweise auch die Reichweite zu steigern, soll die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit untersucht werden, präzisionsgelenkte Munition zu beschaffen. Diese soll die Reichweite auf ca. 12 km steigern.

Loitering Munition

Um auch gegen gepanzerte Ziele auf große Entfernungen wirken zu können, soll innerhalb des LIVS-Projektes Loitering Munition als ein zusätzliches Wirkmittel beschafft werden. Als Loitering Munition werden Waffen mit Lenkfunktion bezeichnet, die ohne präzise Zielkoordinaten auf Verdacht gestartet werden können und im Anschluss über eine längere Zeit über einem Zielgebiet kreisen, bis ein lohnendes Ziel entdeckt und bekämpft wird. Gemäß dem A-Letter soll die Zielerfassung auf „Befehl eines Soldaten“ erfolgen, es wird weiterhin betont, dass bei der Beschaffung der Systeme der niederländischen „Regierungspolitik zu autonomen Waffensystemen“, welche immer eine menschliche Kontrolle beinhaltete, Rechnung getragen wird. Darüber hinaus wird als Vorteil genannt, dass mit solchen Waffen „ein Angriff auch nach dem Einsatz noch abgebrochen werden kann, z. B. wenn unerwartet unbewaffnete Zivilisten im Ziel auftauchen“.

Es sollen vier Abschusssysteme für vier Feuereinheiten beschafft werden. Die Loitering Munition soll eine Mindestreichweite von 30 km und eine hohe Präzision aufweisen. Im Rahmen des LIVS-Projekts sollen Abschusssysteme, Munition, Bodenkontrollstationen sowie Schulungs- und Ausbildungsressourcen für diese Loitering Munition beschafft werden.

Waldemar Geiger