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Über die ukrainische Schützenpanzerentwicklung mit der Bezeichnung BMPV „Vavilon“ (Babylon) berichteten ukrainische Medien in knapper Form bereits Mitte Februar diesen Jahres. Schon 2018 äußerten sich Vertreter des „Arey“ Konstruktionsteams unter der Leitung von Chefingenieur Sergey Stepanov zu einem gepanzerten Fahrzeugkonzept, welches einen hybriden Antrieb erhalten sollte. Die damalige Entwicklung trug noch den Projektnamen „Rysak“. Das nun vorgestellte Fahrzeug scheint auf dieser Entwicklung zu basieren und könnte dem Vernehmen nach in naher Zukunft in Serie gehen.

Als Partner für die Fertigung dient dem Ingenieursteam das zum staatlichen Ukrobrononprom Verbund gehörende Kiewer Panzerwerk (KBTZ) welches aktuell auch die Modernisierung der ukrainischen BMP-2 Flotte durchführt. Dieses Programm gestaltet sich jedoch als langwierig und die tatsächliche Steigerung des Gefechtswertes ist auf wenige Aspekte, wie beispielsweise eine Verbesserung der Optiken, begrenzt.

Mit dem Vavilon-Programm wünscht das ukrainische Militär ein modulares Fahrzeug zu erhalten, welches zukunftsfähig und kompatibel zur NATO sein soll. Neben einer hohen Beweglichkeit, einem hohen Schutzniveau und effektiven Bewaffnung ist auch die möglichst offene Architektur ein überaus relevanter Aspekt, mit dem zukünftige Anpassungen möglich gemacht werden sollen. Dazu ist nicht nur eine intelligente räumliche Ausgestaltung notwendig, sondern auch die Berücksichtigung von zusätzlichen elektrischen Verbrauchern.

Hybride Antriebstechnik und Schutz

Gerade letzterer Aspekt ist durch die hybride Antriebstechnik des Fahrzeuges besonders zu berücksichtigen. Die Antriebsanlage unterteilt sich in einen DEUTZ TCD16.0 V8 Dieselmotor mit 768 PS Nennleistung sowie einem 500KW Elektroantrieb. Die kumulierte Gesamtleistung liegt somit bei 1080 PS.

Eine duale Ausgestaltung der Antriebsanlage birgt mehrere Vorteile bzw. erlaubt unterschiedliche Antriebsmodi. So ist durch Zuschaltung des Elektroantriebes eine deutliche Erhöhung des maximalen Drehmoments möglich. Auch die Traktionseigenschaften werden verbessert und das unabhängig vom aktuell eingelegten Gang des Getriebes.

Der von der Arey Engineering Group entwickelte Schützenpanzer setzt auf eine hybride Antriebstechnologie und soll ein Leergewicht von 36 to aufweisen. Neben einem hohen Schutzniveau soll der als Vavilon bezeichnete Schützenpanzer über eine 30-mm-Waffenanlage mit einem integrierten Panzerabwehrlenkflugkörpersystem verfügen. (Graphik: Arey Engineering Group LLC)

Das Fahrwerk greift trotz der zeitgemäßen Ausgestaltung des Fahrzeuges Elemente vorhandener Systeme auf. So sind unter anderem die Laufräder vom Kampfpanzer T-64 übernommen worden. Ermöglicht wird das Zusammenspiel der Antriebe durch ein digitales Managementsystem, welches neben der Nutzung der einzelnen Antriebsvarianten auch das Laden der Batterien ermöglicht bzw. die Versorgung der unterschiedlichen Verbraucher steuert. Nicht zuletzt bietet der Betrieb des reinen Elektronantriebes eine deutliche Verminderung der akustischen und thermischen Signatur des Fahrzeugs bei unverminderter Möglichkeit der Zuschaltung des Dieselaggregates, sollte es die taktische Situation erfordern.

Die Überlebens- und Durchhaltefähigkeit des Fahrzeuges wird neben der Panzerung auch durch die Auslegung des Fahrzeuges begünstigt. So soll das Konzept ein Nachladen aller Waffen, auch der integrierten Lenkflugkörper, unter Panzerschutz erlauben.

Das mit einem Leergewicht von 36 Tonnen ausgelegte Fahrzeug hat zusätzlich zu dem Hauptantrieb im Fahrzeugheck einen gekapselten Generator, welcher bei Ausfall des Dieselmotors die Versorgung der Bordelektronik und das Laden der Batterie weiterhin sicherstellt. Die Besatzung besteht aus Kommandanten, Fahrer und Richtschütze, darüber hinaus können acht Soldaten und ihre persönliche Ausrüstung im Kampfraum aufgenommen werden. Durch eine modulare Panzerung soll ein Schutzniveau bis zum STANAG Level 6 oder höher erreicht werden können. Die Ausgestaltung von Turm und Wanne erlauben zusätzlich die adaptive Steigerung des Panzerschutzes durch passive oder reaktive Panzerungselemente. Zudem sind die elektronischen Komponenten für das Fahrzeug redundant ausgelegt und zahlreiche Betriebselemente mit einer weiteren, rein mechanischen Betriebsart ausgestattet, um bei Ausfall der Elektronik einen Notbetrieb zu ermöglichen. Der Rundum-Lasersensor auf dem Turm ermöglicht die Detektion von gegnerischen Entfernungsmessern. Die Nebelmittelwurfanlage dient mit einem multispektralen Aerosol dem Blenden. Eine leistungsfähige Klimatisierung erlaubt den Einsatz auch unter widrigen Wetterbedingungen über längere Zeit und ist mit einer ABC Schutz Belüftungsanlage gekoppelt.

Bewaffnung und Sensorik

Um die Beobachtung und Zielaufklärung zu ermöglichen sind neben einer stabilisierten Panorama-Tagsicht- und Wärmebildkamera ein Laserentfernungsmesser und einzelne Kameras für die Rundumsicht montiert. Als Bewaffnung ist im Turm eine 30 mm x 165 Maschinenkanone 2A42 und einem koaxialen Maschinengewehr im Kaliber 7,62 mm x 54R verbaut. Auf dem Turm befindet sich zudem eine ferngelenkte Waffenanlage welche mit einem schweren Maschinengewehr NSV im Kaliber 12,7 mm x 108 und der Option für den Einbau einer UAG-40 Granatmaschinenwaffe bestückt werden kann. Eine weitere Besonderheit ist die Integration des „BAR’ER“ Lenkflugkörpers. Dessen Werfer soll, wie bereits erwähnt, ebenfalls unter Panzerschutz nachladbar sein. Alle Waffen stammen aus ukrainischer Fertigung, was zweifelsohne der Autarkie dient.

Mit dem Vavilon hofft das ukrainische Militär ein Fahrzeug zu erhalten, welches bei deutlich gesteigertem Schutz und Kampfkraft über längere Zeit modernisierungsfähig bleibt. Gerade letzter Punkt ist bei den vorhandenen Fahrzeugen der BMP bzw. BMD Fahrzeugserien nur stark eingeschränkt umsetzbar gewesen. Zudem ist die neue Wanne als Grundlage und Träger für eine ganze Fahrzeugfamilie vorgesehen. So sind bereits Konzepte für Artillerie-Selbstfahrlafetten bzw. Flugabwehrsysteme mit Kanonen- bzw. Raketenbewaffnung vorhanden. Neben dem weiterhin dringenden Modernisierungsbedarf der eigenen Streitkräfte ist der Ansatz für eine Fahrzeugfamilie sicherlich auch in der stetig wachsenden Exportausrichtung der ukrainischen Streitkräfte begründet.

Kristóf Nagy