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Der türkische Staatskonzern Havelsan plant ab Juli 2021 den Start der Truppenversuche für das unbemannte Bodenfahrzeug (UGV) Barkan. Im Rahmen der unternehmenseigenen Initiative „Digitale Truppe“ soll die Integration in bestehende Führungssysteme und die Interaktion mit bemannten und unbenannten Fahrzeugen, sowohl zu Land als auch in der Luft, erprobt werden.

Das 1982 durch die türkische Luftwaffe gegründete und in Ankara ansässige Unternehmen versteht sich als Systemhaus mit Schwerpunkten in der Rüstungs- und IT-Industrie. Als Lieferant aller türkischer Teilstreitkräfte und zahlreicher Exportkunden hat Havelsan seit einiger Zeit auch einen Fokus auf Robotik und das Entwickeln von autonomen bzw. teilautonomen Systemen gelegt. 2019 wurde der Alpan UGV mit einem Gewicht von 350 kg, einer Länge von 150 cm, sowie eine Höchstgeschwindigkeit von 7 km/h vorgestellt. Dieses Fahrzeug mit bescheiden anmutenden Parametern diente als Versuchsplattform für die Integration von verschiedenen Sensoren und zur Erprobung von künstlicher Intelligenz sowie der Nutzung im Verbund mit anderen UGVs im Schwarm.

Der bereits im März vorgestellte Nachfolger mit dem Namen Barkan scheint technologisch auf dem Vorgängermodell zu basieren, verwendet aber ein anderes Fahrwerk. Indes sind technische Daten kaum bekannt. Die der Öffentlichkeit präsentierte Version mit einer Waffenanlage hat laut Presseberichten ein Gewicht von 500 kg. Im drehbaren Turm ist ein Maschinengewehr im Kaliber 7,62 mm x 51 untergebracht. Der Zielerkennung und Feuerleitung dient eine Tag- sowie eine Nachtsichtkamera und ein Laserentfernungsmesser.

Um eine Orientierung auf dem Gefechtsfeld zu ermöglichen ist zudem die Integration eines dreidimensionalen Laserscanners (LIDAR) sowie eines Bodenradars erfolgt. Die notwendige Sensorik findet sich an einem Mast am Heck des Fahrzeuges. Wenn man das bekannte Gewicht und die Dimensionen bzw. die bekannte Ausstattung zusammenrechnet wird klar, dass der Barkan über keinerlei Panzerschutz verfügt. Die im firmeneigenen Video gezeigte Höchstgeschwindigkeit scheint zudem im gleichen Spektrum wie die des Alpan UGV zu liegen, was im Verbund mit der nicht vorhandenen Panzerung vermutlich zu einer geringen Überlebensfähigkeit des Fahrzeuges auf dem Gefechtsfeld führen würde.

Die große Herausforderung im Betrieb von UGVs auf dem Gefechtsfeld bleibt jedoch die Fähigkeit zur Führung über Distanz und Zeit. Selbst ohne aktive elektronische Störmaßnahmen des Gegners resultieren bereits einfache Geländeerhebungen sowie bebautes Gebiet in einer starken Einschränkung der Reichweite des jeweiligen Fahrzeuges, da die Verbindung zum Führungsmodul all zu leicht abreist. Probleme mit denen auch das UGV Programm der russischen Streitkräfte bis heute ringt. Bemerkenswert ist daher der vom Havelsan Geschäftsführer Mehmet Akif Nacar in einem Interview im März dargelegte, zweigeteilte Ansatz. Auf der einen Seite setzten die türkischen Fachleute auf eine weitgehende Autonomie der Fahrzeuge im Schwarm und das selbstständige Erreichen von vorgegebenen Missionszielen unter minimaler Einbindung eines menschlichen Bedieners. Auf der anderen Seite soll durch die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander die Datenverbindung zu nur einem Mitglied im Schwarm ausreichen, um alle anderen UGVs zu erreichen. Durch die Einbindung von Drohnen über dem Gefechtsfeld wird die Verbindungsfähigkeit um weitere bereits erprobte und effiziente Relais erweitert und so die Kommunikation resistenter, so Nacar.

Im Lichte dieses Ansatzes erscheinen die schwachen Leistungsmerkmale des Barkan UGV als nachrangig. Schließlich besitzt die türkische Rüstungsindustrie die Fähigkeit deutlich besser geschützte, bewaffnete und auch hochmobile Fahrzeuge zu produzieren. Der Schwerpunkt der für den Sommer angekündigten Truppenversuche wird offenkundig darin liegen die angesprochenen Probleme bezüglich der Führ- und Störbarkeit durch auf Autonomie setzende Konzepte zu lösen und diese im Verbund mit einer Vielzahl von System zu erproben.

Kristóf Nagy