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Jeder Grundausbildungssoldat merkt bereits in den ersten Tagen seines Dienstes, dass das Thema Schnürsenkel vielleicht nicht kriegsentscheidend, aber doch irgendwie sehr wichtig ist. Eine ursprünglich aus dem Sportbereich kommende Erfindung könnte nicht nur die militärische „Schnürsenkelproblematik“ lösen, sondern auch die Leistungsfähigkeit der Soldaten steigern, so die Ansicht von Boa Technology, wie der Commercial Manager des Unternehmens, Roland Rotheneder, im Gespräch mit S&T erläuterte. Das Unternehmen bietet das so genannte BOA Fit System an, welches bereits neben ausgewählten Kampfstiefelsystemen auch in Gefechtshelmen in Nutzung ist und zukünftig auch bei Plattenträgern eine breitere Anwendung finden könnte.

Das Funktionsprinzip ist gleichzeitig simpel und elegant: Das BOA Fit System, egal an welchem Ausrüstungsgegenstand, besteht immer aus drei Bestandteilen, einem Drehverschluss, einer Seilführung und einem Seil und erlaubt es dem Nutzer, die Seillänge millimetergenau anzupassen. Die Passform eines Stiefels oder des Gurtsystems eines Helmes kann so durch jeden Nutzer einfach, schnell und passgenau eingestellt werden.

Rotheneder weist darauf hin, dass sich sein Unternehmen nicht bloß als Anbieter von „Ersatz für normale Schnürsenkel“ sieht. Die Stärken liegen vielmehr im Bereich der Passformoptimierung. „Durch schnelle, mühelose und präzise Passform mehr Leistung erreichen“, beschreibt der Manager sowohl die Unternehmensphilosophie und gleichzeitigen Hauptvorteile des BOA  Fit Systems. Als Referenz verweist der Österreicher – die EMEA-Zentrale von BOA liegt im oberösterreichischen Mondsee – auf wissenschaftliche Untersuchungen, bei denen Sportler Leistungssteigerungen von drei bis neun Prozent erreichten, wenn sie Schuhe konfiguriert mit dem BOA  Fit System trugen, anstatt herkömmlicher Schnürschuhe.

Darüber hinaus konnte seinen Ausführungen zufolge eine signifikant verminderte Belastung des gesamten Bewegungsapparates festgestellt werden. Zudem wird der Druck gleichmäßiger auf den Fußrücken verteilt. Besonders dieser Aspekt ist von Interesse, da gerade der Mittelfußknochen bei Soldaten während langer Gepäckmärsche stark, bis hin zu Ermüdungsbrüchen, beansprucht wird.

Je nach Ausrüstungsgegenstand werden die BOA Fit Systeme nach Bedarf in puncto notwendige Zugkraft und Abnutzungswiderstand aus unterschiedlichen Materialien bzw. in unterschiedlichen Größen und Formen passgenau entwickelt und gefertigt. (Graphik: Boa Technology)

Weitere Vorteile des BOA Fit Systems im Vergleich zu herkömmlichen Schnürsystemen sind das geringere Gewicht, eine höhere einhergehende Sicherheit, da das in sich geschlossene System nicht aufgehen oder sich lockern kann und somit nicht zur Stolpergefahr werden kann. Den Angaben des Unternehmens zufolge nimmt das System weder Wasser noch Öl auf und performe über alle relevanten Temperaturbereiche – von der arktischen Kälte bis zur Wüstenhitze – gleichbleibend.

Die Bedienung kann äußerst präzise – ein Click des Drehverschlusses verkürzt die Schnürung um einen Millimeter – erfolgen, auch einhändig, mit dicken Handschuhen oder frostigen Fingern. Dies gilt für alle, mit dem Schließsystem versehenen Ausrüstungsgegenstände gleichermaßen.

Ein Manko des Systems, wenn man es überhaupt so bezeichnen kann, ist der Umstand, dass es nicht nachträglich nachgerüstet werden kann. Egal ob als Regler der Nackengurtbänder am Gefechtshelm oder Verschlusssystem am Schuhwerk, das BOA Fit System muss von Anfang an mit verbaut werden.

Testprozedur der einzelnen Komponenten. (Video: Boa Technology)

Robust und zuverlässig

Je nach Ausrüstungsgegenstand werden die BOA Fit Systeme nach Bedarf in puncto notwendige Zugkraft und Abnutzungswiderstand aus unterschiedlichen Materialien bzw. in unterschiedlichen Größen und Formen passgenau entwickelt und gefertigt.

Rotheneder betont die Einfachheit und gleichzeitige Zuverlässigkeit des Systems, es kann auch bei großen Zugkräften „praktisch nicht reißen“, wenn überhaupt, dann nur bei starker Abnutzung (Abrieb) ausfallen. Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass ein Seil durch Abnutzung oder durch Schnitt zertrennt wird, kann dieses – genauso wie bei einem Schnürsenkel auch – einfach zusammengeknotet und notdürftig weiter genutzt werden, bis es ausgetauscht werden kann. Manche Ausführungen des Systems könne auch mit Stoppern versehen werden, dann ist auch kein provisorisches Knoten notwendig. Selbst bei einer Beschädigung des Drehverschlusses besteht eine notdürftige Funktionsfähigkeit. Diese ist auch in verdrecktem Zustand (Sand, Schmutz) gegeben. Ein Abbruch des Einsatzes ist zu keiner Zeit notwendig.

Mittels des BOA Lace Stop Systems kann die Funktion auch bei gerissener Schnürung weiter erhalten bleiben. (Graphik: Boa Technology)

Historie und Verbreitung

Die Idee für das BOA Fit System entstand Ende der 1990er Jahre. Der Gründer des in Denver, Colorado, ansässigen Unternehmens war es dem Vernehmen nach leid, ständig seine Snowboardboots sowie die seiner Kinder aufwändig schnüren zu müssen und entwickelte 1998 die Idee für den neuartigen Verschluss. Bereits 2001 kamen dann erste Snowboardboots mit dem BOA Fit System auf den Markt. Im Anschluss haben auch erste Produzenten von Outdoorsschuhen das System übernommen. 2008 hat das Unternehmen dann den Professional Bereich etabliert, zu dem neben Sicherheitsschuhen auch der taktische Bereich zugerechnet wird.

Das BOA Fit System am Gefechtshelm und am Plattenträger. (Foto: Boa Technology)

Der „taktische Fußbadruck“ des im Sport, bei Outdoor-Aktivitäten und im Arbeitsschutz mittlerweile sehr verbreiteten Drehverschlusses hält sich derzeit aber noch in Grenzen. Derzeitige Nutzer von Stiefeln, die mit dem BOA Fit System ausgestattet sind, sind beispielsweise Polizeibehörden, darunter auch eine deutsche Landespolizeibehörde, und Streitkräfte. Unter anderem nutzen dänische Soldaten Stiefel mit dieser Funktion. Rotheneder ist aber guter Hoffnung, dass das System auch im taktischen Bereich immer mehr Anwendung finden wird. Voraussetzung dafür ist das Verbauen des Drehverschlusses in den jeweiligen Stiefelmodellen. Diesbezüglich stehe man bereits mit mehreren Premiumherstellern im Austausch. Auch im Helmbereich gibt es mittlerweile erste Erfolge. Darüber hinaus wird derzeit von einem namhaften deutschen Hersteller für persönliche Schutzausstattung Plattenträgersysteme entwickelt, die auf das BOA Fit System zurückgreifen, um die Passform des Plattenträgers für den Nutzer optimal einzustellen.

Waldemar Geiger