StartBewaffnungInsensitive Munition: Potenziale und Funktionsprinzip

Insensitive Munition: Potenziale und Funktionsprinzip

Thomas Nielsen

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Der Krieg in der Ukraine zeigt eindrucksvoll, welche Gefahren mit Munition verbunden sind, nicht nur für den Gegner und die Zivilbevölkerung, sondern auch für die eigenen Soldaten. Seit Russland am 24. Februar seine sogenannten militärische Sonderoperation in der Ukraine begonnen hat, werden sowohl die klassischen als auch sozialen Medien mit Bildern aus dem Krieg überschwemmt. Eines der symbolträchtigsten Bilder, wenn man diesen Begriff in diesem Zusammenhang überhaupt verwenden kann, sind die russischen Kampfpanzer, die katastrophale Ausfälle erleiden, die als „Jack-in-the-Box“-Effekt oder „Springteufeleffekt“ bekannt geworden sind. Russische Kampfpanzer seit dem T-64 (der 1964 in Dienst gestellt wurde) verwenden einen Selbstlade-Mechanismus zum Nachladen der Kanone, wobei die Munition in einem „Karussell“-Magazin im Turms aufbewahrt und zusätzliche „Reservemunition“ im Kampfraum gelagert wird. Dies ermöglicht zwar ein kompaktes, flaches Fahrzeugdesign, bedeutet aber auch, dass ein durchschlagender Treffer irgendwo unterhalb des Turms immer die Munition trifft und automatisch eine Kettenreaktion auslöst, die den größten Teil oder den gesamten Munitionsvorrat zur Explosion bringt und den Turm vom Panzer sprengt. In letzter Konsequenz führt dieser Effekt nicht nur zum oftmaligen Verlust der kompletten und des Kampffahrzeuges, sondern auch zu Gefährdung der unmittelbaren Umgebung. Nicht selten lösen solche Ausfälle eine Kettenreaktion von weiteren Ausfällen aus.

Genau an dieser Stelle kommt die sogenannte insensitve Munition ins Spiel, die das Potenzial hat, das Risiko solcher Kettenreaktionen zu minimieren und folglich erheblich zur Sicherheit von Gefechtsfahrzeugen und Besatzungen beizutragen.

Historische Treiber für die Entwicklung

1966 startete ein B-52 Bomber der U.S. Air Force vom Luftwaffenstützpunkt Seymour Johnson in North Carolina mit vier Atombomben des Typs B28FI Mod 2 Y1 an Bord, jede Bombe mit einer Sprengkraft von 350 kT. Der Flug war Bestandteil der „Operation Chrome Dome“. Die Flugzeuge, die die „Chrome Dome“-Einsätze flogen, überquerten den Atlantik nach Europa, folgten der Grenze zur Sowjetunion und kehrten dann in die USA zurück; eine Mission, die zwei Luftbetankungen im Einsatzgebiet durch KC-135-Tankflugzeuge erforderte. Am 17. Januar 1966 befand sich die B-52 in 31.000 Fuß Höhe und hatte gerade ihr zweites Betankungsmanöver mit der KC-135 über dem Mittelmeer begonnen, als aus unbekannten Gründen die B-52 und die KC-135 in der Luft zusammenstießen, wodurch beide Flugzeuge zerstört wurden. Vier der siebenköpfigen Besatzungsmitglieder der B-52 überlebten. An Bord der KC-135 gab es keine Überlebenden. Von den vier Nuklearwaffen, die die B-52 an Bord hatte, schlugen drei an Land ein, und zwar in der Nähe des Dorfes Palomares an der südlichen Küste Spaniens. Der konventionelle Sprengstoff in zwei der drei Waffen detonierte beim Aufprall und verteilte radioaktives Material über ein großes Gebiet, löste aber glücklicherweise keine nukleare Detonation aus. Die vierte Waffe wurde nach einer 80-tägigen Suche auf dem Grund des Mittelmeers gefunden.

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