StartMobilitätFaschinen: Gap-Crossing der einfachen Art?

Faschinen: Gap-Crossing der einfachen Art?

Stefan Axel Boes

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Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist Europa zurück in der Zeit des Kalten Krieges – auch wenn es für die Ukraine seit Februar 2022 deutlich mehr ist. Aber mit der Rückbesinnung auf die Landes- und Bündnisverteidigung, und dem Blick auf die NATO-Ostflanke, gewinnen auch viele ehemalige Themen wieder an Bedeutung. So war Schwimmfähigkeit von Landfahrzeugen über Jahrzehnte der Auslandseinsätze im Nahen Osten keine Fähigkeitsforderung mehr, das Thema (Wet) Gap Crossing insgesamt kaum beachtet.

Plötzlich sind aber Fähigkeiten zum Überschreiten von Panzerhemm- und hindernissen wieder wichtig. Doch Brückenkapazitäten waren NATO-weit kaum noch vorhanden. Mit ersten Beschaffungen von Systemen wie dem Brückenlegepanzer LEGUAN durch mehrere Nationen findet ein Ausbau der Fähigkeiten langsam wieder statt. Aber diese Systeme sind nach wie vor in zu geringer Stückzahl vorhanden, und sie sind oft recht kostenintensiv.

Im Schwerpunkt des beweglich geführten Gefechtes stehen der Kampfpanzer und der Schützenpanzer. Die Grabenüberschreitfähigkeit bei festen Grabenrändern liegt bei drei Metern oder etwas darüber für den Kampfpanzer. Die Schützenpanzer (Kette) der Grenadiere haben im besten Falle die Fähigkeit, 2,5 Meter breite Hindernisse zu überwinden. Betrachtet man den BOXER als Maß der Beweglichkeit bei Radfahrzeugen, ist die Obergrenze bei Radfahrzeugen zwei Meter. Bei Lkw und Geländewagen ist jeder Graben, welcher sich mit seiner Breite dem Durchmesser des Vorderrades nähert, nahezu unbezwingbar.

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Schematische Darstellung eines Panzerabwehrgraben (Foto: Internet)

Einfache Ansätze

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Entlang der Nordseeküste nutzt die Bevölkerung seit Jahrhunderten einen einzelnen Stab zum Überqueren von Wasserläufen – im Deutschen Pultstock, in Dänemark Klyverstav, genannt. Werden einzelne Stäbe gebündelt, so steigen Steifigkeit und Tragkraft exponentiell und schaffen die Möglichkeit, mit Hilfe dieser Rutenbündel – besser als Faschinen bekannt – auch schweres Gerät auf einfache Art über ein Hindernis zu bringen.

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Britischer Tank beladen mit Faschinen. (Foto: Bovington Tank Museum)

Bis zum Einsatz von Panzern im 1. Weltkrieg wurden mit diesen Fasces (lateinisch für Rutenbündel) Knüppeldämme gebaut oder die Seitenwände von Stellungen befestigt. Bekannt sind die Bilder der britischen Tanks, beladen mit Faschinen, auf den Schlachtfeldern Flanderns. Die Faschinenpakete hatten ein Gewicht von circa 1,5 Tonnen, eine Breite von drei Metern und einen Durchmesser von etwa zwei Metern. Nach dem Auffüllen der Gräben mit Faschinen wurde dieser Grabenabschnitt ausgeflaggt, um die Position der Übergangsstelle für alle Folgefahrzeuge anzuzeigen.

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Schematisiertes Angriffsverfahren zur Überwindung der deutschen Grabensysteme 1917 in Flandern. (Foto: tankmuseum.org)

Auch im 2. Weltkrieg fanden Faschinen – vornehmlich durch die Alliierten – wieder Verwendung. Allerdings kamen in diesem Konflikt die ersten Gefechtsfeldbrücken zum Einsatz und wurden lagebezogen kombiniert eingesetzt. Schon damals war die Gefechtsfeldbrücke eine knappe Ressource. In der Nachkriegszeit, bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts, wurden von den Pionieren dann Faschinenpakete aus Holz eingesetzt. Hatte allerdings der britische Kampfpanzer Centurion ein Gefechtsgewicht von 51 Tonnen, war schon die Mark I Variante des Challenger 1 rund 62 Tonnen schwer. Dies bedeutete für die britischen Pioniere, einen Ersatz für die Holzbündel zu finden.

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Kombinierter Einsatz während des 2. Weltkrieges. (Foto: Internet)

In dieser Zeit fanden Polyethylenrohre Einzug in die Bauwirtschaft und zeigten sich nach intensiver Erprobung als der nahezu ideale Nachfolger. Sie sind relativ leicht, flexibel, haben einen – im Vergleich zu Holz – geringen Auftrieb und setzen der Strömung einen deutlich geringeren Widerstand entgegen. Allerdings wird die Verbreiterung auf vier Meter und die Vergrößerung des Durchmessers auf 2,2 Meter mit der Gewichtszunahme auf 2.200 Kilogramm erkauft. Diese Faschinenpakete verfügen über eine NATO-Versorgungsnummer und sind in verschiedenen Größen verfügbar.

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Aufblasbare Gummibälge der Firma Survitec. (Foto: DARPA)

Die britische Defence and Security Accelerator (DASA) führte 2019 eine Marktsichtung durch, um ein einfaches Hilfsmittel zum „Short (wet) gap crossing“ für eine Breite von drei bis sechs Metern zu finden. Erprobt wurde ein System aufblasbarer Rohre der Firma Beaufort, heute Survitec. Der Vorteil ist der einfache Transport. Die Erprobung verlief erfolgreich, von einer Beschaffung ist bisher nichts bekannt.

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Chieftain Armoured Vehicle Royal Engineers (AVRE). (Foto: Wikipedia)

Faschinen heute

Bis zum Ende der Chieftain-Ära im britischen Heer war auf selbigem Fahrgestell das Armoured Vehicle Royal Engineers (AVRE, auch als Assault Vehicle Royal Engineers bekannt) im Einsatz: ein Kampfpanzer-Fahrgestell mit dem Schwerpunkt, Faschinen zu verlegen. Heute werden die Faschinenpakete mit dem Terrier oder dem Trojan auf dem Challenger-Fahrgestell verlegt. Beide Fahrzeuge nutzen dazu ihren Baggerarm.

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Niederländischer Kodiak bereitet den Übergang über einen Graben vor. (Foto: Landmacht)

Die niederländischen Pioniere transportieren und verlegen die Faschinenpakete mittels dem Räumschild des Pionierpanzer KODIAK und einer entsprechenden Verlängerung. Wenig bekannt ist die Nutzung von Leopard 1-Fahrgestellen zum Verlegen von Faschinen durch die chilenischen Pioniere. Gebaut wurden diese Exoten vom deutschen Spezialisten für die Leopard-Pioniervarianten, der FFG Flensburger Fahrzeugbau GmbH.

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Chilenischer Leopard 1-Pionierpanzer mit Verlegeeinrichtung für Faschinen. Hier im Bild sieht man sehr gut, wie eine Kombination mehrerer Faschinen-Pakete die Reichweite der Überschreitfähigkeit deutlich erhöht. (Foto: FFG)

Im zivilen Bereich werden Faschinenpakete aus Ästen zum Erosionsschutz von Küsten und Ufern eingesetzt. Dabei sind die Kommunen und zivilen Organisationen einem strengen Kostendiktat unterworfen. Sehr oft müssen die Verlegearbeiten an schwer zugänglichen Orten durchgeführt werden, und werden deshalb von Traktoren durchgeführt.

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Deutz-Traktor beim Küstenschutz. (Foto: Stadt Sylt)

Moderne Großtraktoren können mühelos drei Faschinenpakete transportieren und mittels zum Beispiel des Frontladers schnell und präzise ab-/verlegen. Zudem ermöglicht ihnen ihre enorme Geländegängigkeit und Watfähigkeit Zugang zu nahezu jedem Geländeabschnitt. Und Großtraktoren sind als Massenware im Vergleich zu den spezialisierten, und in geringen Stückzahlen vorhandenen, militärischen Fahrzeugen viel kosteneffektiver.

Stefan Axel Boes