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Nachdem am Montagabend die ersten Bundeswehrkräfte an den Flughafen in Kabul verlegt wurden, ist zwischenzeitlich die Evakuierung deutscher Staatsbürger, Bürger verbündeter Nationen sowie afghanischer Ortskräfte durch die Bundeswehr angelaufen. Insgesamt wurden nach Bundeswehrangaben am gestrigen Dienstag mehr als 260 Personen aus Afghanistan in das Nachbarland Usbekistan ausgeflogen. Von dort erfolgt die weitere Evakuierung über gecharterte Flugzeuge der Lufthansa, so Außenmister Heiko Maas gestern Abend in einem Interview. Die erste dieser Maschinen ist bereits in Deutschland angekommen.

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Außenmister Heiko Maas gaben am frühen Dienstagabend an, dass die Bundeswehr die Durchführung von bis zu drei Evakuierungsflügen mit zwei A400M Maschinen pro Tag plant, mit denen Personen von Kabul nach Taschkent in Usbekistan gebracht werden sollen. Die tatsächliche Ausführung der Flüge hängt jedoch davon ab „ob wir die entsprechenden Slots bekommen, von der amerikanischen Seite, um in Kabul zu landen und zu starten“, so die Verteidigungsministerin während einer Pressekonferenz. Weitere Faktoren sind Kramp-Karrenbauer zufolge die konkrete Sicherheitssituation am Kabuler Flughafen und die Festlegung der US-Kräfte, ob ein Gate geschlossen wird oder nicht.

Nachdem gestern Vormittag/Mittag bereits eine erste A400M 125 Personen evakuiert hat, konnten am Abend mit einem zweiten Flug weitere 135 Menschen außer Landes gebracht werden. Maas gab vorher an, dass zum Zeitpunkt des Interviews 180 Menschen am Flughafen in Kabul auf eine Evakuierung durch die Bundeswehr warten. Ein dritter Flug konnte aber offenbar nicht erfolgen. Die Evakuierungsflüge der Bundeswehr am Dienstag wurden mit der Landung der zweiten A400M in Taschkent abgeschlossen, da der Flughafen in Kabul geschlossen wurde. „Grund hierfür ist die momentan fehlende Verfügbarkeit der Flughafenfeuerwehr in Kabul“, so die Bundeswehr via Twitter. Die deutschen Streitkräfte haben deshalb angekündigt, heute vier Flüge durchführen zu wollen, um den gestern ausgefallenen Flug zu kompensieren.

Auch der Ablauf der Evakuierungsflüge musste demnach angepasst werden. „Die Evakuierungsmaschinen der Bundeswehr fliegen seit gestern Abend nach dem Start in Kabul zunächst den süd-usbekischen Flughafen Karshi an. Usbekistan führt dort eine technische Durchsicht der Luftfahrzeuge vor dem Weiterflug nach Taschkent durch“, kündigte die Bundeswehr gestern Abend via Twitter an. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr bestätigte dies gegenüber Soldat & Technik. Bei der technischen Durchsicht handelt es sich seiner Aussage nach um eine „Sichtprüfung von außen“. „In die militärische Maschine kommt keiner rein“, so der Sprecher weiter.

Neben den erfolgten Evakuierungsflügen wurden gestern auch Truppenverlegungen durchgeführt und weiteres Material in das Einsatzgebiet zugeführt. So wurde eine vierte A400M nach Taschkent verlegt, welche unter anderem Material für die Wartung der bereits im Einsatz befindlichen Maschinen mitgeführt hat. Dem Vernehmen nach wird diese Maschine vor Ort verbleiben und im Bedarfsfall ebenfalls Evakuierungsflüge durchführen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren drei A400M vor Ort. Zwei dieser Transportmaschinen führen Evakuierungsflüge durch, die dritte steht als MedEvac-Version in der usbekischen Hauptstadt bereit, um im Bedarfsfall auch Verletzte aus Kabul ausfliegen zu können. Darüber hinaus befindet sich ein ungeschützter A-310 Truppentransporter der Luftwaffe in Taschkent.

Die Bundeswehr hat mittlerweile vier A400 in die usbekische Hauptstadt Taschkent verlegt. (Foto: Bundeswehr)

Die Führung der Mission vor Ort obliegt Brigadegeneral Jens Arlt, dem Kommandeur der Luftlandebrigade 1. Dieser ist gestern zusammen mit weiteren Kräften in der ersten Maschine in Kabul angekommen, nachdem das Flugzeug noch am Vorabend aufgrund des geschlossenen Flughafens nicht in Kabul landen konnte. Die erste deutsche A400M musste am Montag nach mehrstündigem Kreisen über Kabul unverrichteter Dinge in Richtung Taschkent abdrehen, nachdem der Sprit zur Neige gegangen ist.

Die Luftlandebrigade 1 ist nach Angaben der Bundeswehr „die einzige Luftlandebrigade des Deutschen Heeres. Sie ist die am schnellsten verfügbare Brigade der Bundeswehr für krisenhafte Entwicklungen im Ausland.“ Die Brigade hält dafür Kräfte für mehrere mögliche Einsatzszenarien vor, dazu zählen unter anderem auch militärische Evakuierungsoperationen.

Die Führung der Mission vor Ort obliegt Brigadegeneral Jens Arlt, dem Kommandeur der Luftlandebrigade 1. (Foto: Bundeswehr)

Presseberichten zufolge sollen sich rund 80 Kräfte der Bundeswehr, darunter auch Diensthunde, in Kabul befinden und die dortigen Abläufe der Operation koordinieren und sichern. „Sie haben alle Fähigkeiten, die sie brauchen. Wir haben ein großes Zutrauen. Sie haben die volle Rückendeckung von uns und sie haben vor allen Dingen die taktische und strategische Beinfreiheit, die sie brauchen, um vor Ort gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Botschaft und vor allen Dingen auch in Zusammenarbeit mit den amerikanischen Kräften eine Luftbrücke aufzubauen, von der wir hoffen, sie möglichst lange mit den Amerikanern aufrechterhalten zu können“, erläuterte die Verteidigungsministerin in einer gestern Abend gehaltenen Pressekonferenz.

„Und für uns, und das ist der Auftrag, den die Männer und Frauen vor Ort haben, ist ganz klar, solange es irgendwie möglich ist, fliegen wir, in dem Maße wie es irgendwie möglich ist, Menschen aus Kabul heraus. Ob es Menschen die eigene Staatsangehörige sind, ob es Menschen anderer Nationalitäten sind, ob es Ortskräfte sind oder besonders gefährdete Personen, wir unterstützen und wir tun dies in einer internationalen Gemeinschaftsanstrengung“, die Ministerin weiter.

Dem Vernehmen nach soll es am Dienstag während des ersten Evakuierungsfluges zu einem medizinischen Notfall gekommen sein. Die mitfliegen Soldaten mussten daher noch in der Luft die medizinische Versorgung des Kindes (unten rechts im Bild) einleiten. (Foto: Bundeswehr)

Um die Ausreise der Ortskräfte zu ermöglichen, wurde der deutsche Diplomat Markus Potzel, früherer Botschafter in Afghanistan sowie derzeitiger Sonderbeauftragter der Bundesregierung für diese Region, nach Doha (Katar) entsandt. Potzel soll dort mit Vertretern der Taliban über eine Ausreise der afghanischen Ortskräfte zu verhandeln. Derzeit ist eine Ausreise dieser Kräfte nur bedingt möglich. Wie viele und vor allem welche Menschen wann evakuiert werden hängt jedoch nicht in der Hand der Bundeswehr, diese fliegt die Personen raus, die sich am Flughafen befinden. Der Zugang zum Flughafen wird durch die US-Streitkräfte geregelt. Diese ließen zumindest bis gestern Abend keine Ortskräfte rein. „Die Amerikaner haben gesagt, dass sie zunächst ihre Staatsangehörigen ausfliegen und danach die Ortskräfte, sowohl ihre eigenen als auch die von Partnerorganisationen der NATO, im Moment sind die Amerikaner aber noch dabei, ihre eigenen Staatsbürger auszufliegen“, antwortete Außenminister Maas gestern Abend im ZDF Heutejournal.

Unsere weitere Berichterstattung zu dem Thema finden sie hier:

Militärische Evakuierung in Afghanistan: Zusammenfassung 3. Tag

Unsere vorherige Berichterstattung zu der militärischen Evakuierungsmission der Bundeswehr in Afghanistan:

Waldemar Geiger