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Das Sturmgewehr G36 hat – anders als es die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sah – doch eine Zukunft in der Bundeswehr. Das geht aus verschiedenen Aussagen der derzeitigen politischen Führung hervor.

So strebt die Bundeswehr zum einen eine schnelle Nachfolgentscheidung an. Das soll noch vor dem März geschehen. „Was das Sturmgewehr betrifft, so prüfen wir, ob wir die Vergabeentscheidung wegen möglicher Patentrechtsverletzungen ändern müssen. Dazu sind die Stellungnahmen eingegangen. Auf der Grundlage wird dann ausgewertet und entschieden“, so die amtierende Bundesministerin der Verteidigung, Annegret Kramp-Karrenbauer in einem FAZ-Interview. „Wir werden sehen, ob dann gerichtliche Auseinandersetzungen folgen, da beide Firmen sich im Recht sehen.“ Beobachter halten dies für sehr wahrscheinlich. Mit anderen Worten: Die Beschaffung könnte sich dann doch noch hinziehen. Immerhin stellt die Ministerin dem 1997 in die Bundeswehr eingeführten Standardgewehr ein ganz anderes Zeugnis als ihre Vorgängerin aus: „Die Soldatinnen und Soldaten haben zwar ein leistungsfähiges und einsatzbereites G36. Wir wollen aber die Frage des Nachfolgemodells so schnell wie möglich klären und dann auch beschaffen.“

Auch bezüglich der Weiternutzung der Waffe scheinen sich bereits mit Beginn des Beschaffungsprozesses angestrengte Überlegungen zu verfestigen. So hat das G36 sehr wohl eine Zukunft in der Truppe, nämlich als Reserve vornehmlich für die Reserve. Das sprach der Parlamentarische Staatssekretär Peter Tauber in einer Podiumsdiskussion auf der Plattform „Clubhouse“ an, bei der er sich zur Zukunft der Reserve äußerte. So sollen die noch vorhandenen G36 nicht vernichtet oder veräußert werden, sondern eingelagert und für die Reserve, unter anderem den aufwachsenden neuen Heimatschutzkräften zur Verfügung stehen.

Dieser Ansatz, eine neue Reserve zu schaffen, startet im April mit der Initiative „Dein Jahr für Deutschland“ – Freiwilliger Wehrdienst im Heimatschutz. Unbestritten gilt, dass eine wirkliche strategische Reserve zur Durchhalte- und Aufwuchsfähigkeit einer Streitmacht beitragen muss. Diese Funktion ist mit dem derzeitigen Ansatz, bei dem Berufsreservisten als de-facto Teilzeitsoldaten über mehrere Monate Personallücken der aktiven Truppe schließen, nicht erfüllbar.

Luft nach oben für eine neue personalstarke Reserve mit idealerweise voll ausgestatteten und nichtaktiven Heimatschutzverbänden gibt es also reichlich – auch eine Bewaffnung mit dem G36 wäre ausreichend möglich. Zwar ist deren genaue Zahl eingestuft, es dürften aber weit über 100.000 Exemplare bereitstehen. Würde man die vorhandenen Waffen noch modernisieren, hätte Ursula von der Leyen am Ende sogar doch noch Recht behalten. Denn die jetzige EU-Kommissionspräsidentin sah seinerzeit lediglich keine Zukunft für das G36 „so wie es heute konstruiert ist“.

Jan-Phillipp Weisswange