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Die Frage, ob die deutschen Streitkräfte ein neues Sturmgewehr brauchen und wer dieses am Ende liefern soll, ist Gegenstand kontroverser Diskussionen in breiten Schichten der Gesellschaft, Streitkräfte und Politik. Aktuelle Entwicklungen in den US-Streitkräften könnten als Ausgangspunkt für eine Neubewertung der G36-Nachfolge dienen und das von Anfang an unter schlechten Vorzeichen stehende Projekt doch noch zu einem Erfolg führen.

Die Wurzel allen Übels

Es ist zu vermuten, dass der Entschluss, das G36, die Ordonnanzwaffe der deutschen Soldaten, so schnell wie möglich auszumustern, maßgeblich politisch motiviert war. Die Aussage der damaligen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Zuge der G36-Affäre, „dass das G36, so wie es heute konstruiert ist, keine Zukunft in der Bundeswehr hat“, kann so interpretiert werden, dass die Bundeswehr so schnell wie möglich eine neue Ordonnanzwaffe zu beschaffen hat.

Jetzt wird sicherlich der ein oder andere Leser darauf verweisen, dass hier Ursache und Wirkung verwechselt werden, schließlich wären die festgestellten Defizite bei der Präzisionsleistung der Waffe ursächlich für die G36-Nachfolge gewesen und nicht die Politik. Dies ist nur bedingt zutreffend. Ja die Bundeswehr hat im Zuge der Auslandseinsätze neue Erfahrungen gesammelt und demzufolge auch neue Präzisionsanforderungen definiert. Und ja, es wurde festgestellt, dass das G36 diese Präzisionsanforderungen in seiner jetzigen Form nicht erfüllt. Dies wurde auch durch einen internen Untersuchungsbericht bestätigt. Der politische Wille war es aber, die neuen Präzisionsanforderungen mittels einer neuen Waffe zu erfüllen und das Angebot des Herstellers, das G36 einer Produktverbesserung zu unterziehen und so ebenfalls zum Ziel zu kommen, auszuschlagen. Es standen somit mehrere Wege offen, mit denen das Problem angegangen hätte werden können, einer davon wurde aber durch die Aussage der damaligen Ministerin unmöglich gemacht.

Der Versuch der Lösung

Als am 21. April 2017 der Teilnahmewettbewerb für die Ausschreibung des „System Sturmgewehr Bundeswehr“, so der Bundeswehr-Projektname für den G36-Nachfolger, begann, standen die Beschaffer vor einer gewaltigen Herausforderung. Es sollte ein neues, marktverfügbares und zukunftsfähiges Gewehr beschafft werden. Das Gewehr sollte aber gleichzeitig die speziellen Leistungsparameter der Bundeswehr erfüllen. Es sollte möglichst leicht, präzise, durchschlagskräftig, modular, robust sein. Viele Experten schlugen sofort Alarm, dass dies technisch gar nicht möglich wäre. Die Suche nach der Eier legenden Wollmilchsau hatte begonnen. Zunächst schien diese zum Erfolg zu führen: Konstrukteure der beiden Waffenschmieden C.G. Haenel und Heckler & Koch hatten schlussendlich Waffen eingereicht, die die technischen Ansprüche der Bundeswehr erfüllen, wenn auch erst im zweiten Anlauf.

Die Notwendigkeit des „Nachsitzens“ war der erste Hinweis der Schicksalsgötter, dass dieses Projekt unter keinem guten Stern stand. Das juristische Nachspiel im Nachklapp an die Zuschlagserteilung zu Gunsten des MK556 von C.G. Haenel und dessen baldige Aufhebung war der nächste Streich der Schicksalsgötter. Es ist zu vermuten, wenn die Bundeswehr weiterhin an der Ausschreibung festhalten will, dass die ersten Gewehre erst zur Mitte des Jahrzehnts in signifikanten Mengen in der Truppe eintreffen werden, also knapp zehn Jahre nach der Aussage, das G36 hätte keine Zukunft mehr. Eine Produktverbesserung oder zumindest lebenserhaltende Maßnahmen für die in Nutzung befindlichen G36 scheinen auch darin begründet schon unausweichlich.

Bis vor kurzem war die Abkehr von dem eingeschlagenen Weg der Neubeschaffung aus politischen Gründen nicht denkbar. Dies könnte sich in der Zwischenzeit geändert haben. Es gibt Signale, die darauf hindeuten, dass eine längere Nutzung des G36 denkbar wäre. Nach ihrer Amtsübernahme, so berichtete es der Spiegel Ende Oktober 2020, habe Annegret Kramp-Karrenbauer „das Thema Sturmgewehr auf Priorität B heruntergestuft“. Dem Spiegel zufolge berichtete die Ministerin vor Abgeordneten, dass sie bereits zum Amtsantritt bei ihren Fachleuten nachfragte, „ob die Bundeswehr zeitnah ein neues Sturmgewehr brauche“. Sollte die Ministerin das Vergabeverfahren endgültig stoppen, würde sich der politische Preis vermutlich in Grenzen halten. Denn mehrere Abgeordnete, darunter auch Fachpolitiker der Opposition, haben im Zuge der aktuellen Entwicklungen rund um die Sturmgewehrbeschaffung öffentlich verlauten lassen, dass das G36 ein gutes und in der Truppe geschätztes Gewehr sei.

Die potentielle Lösung

Sollte Kramp-Karrenbauer die G36-Nachfolge tatsächlich stoppen, gäbe es eine charmante, aber vor allem auch zukunftsfähige Lösung, die sowohl für die Bundeswehr als auch für die Rüstungsindustrie erhebliches Innovationspotential mit sich bringen würde. Die Lösung heißt Neuaufsetzung der Initiative Sturmgewehr unter Berücksichtigung der Erkenntnisse der US-Erfahrungen im NGSW-Programm bei vorgeschalteter Produktverbesserung G36. Dieser Weg hätte mehrere Vorteile.

Faktor Zukunftsfähigkeit

Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des genutzten Kalibers ist ein ständiger Begleiter der Sturmgewehrbeschaffung. Insbesondere die US-Streitkräfte, welche bereits seit geraumer Zeit mit der Leistungsfähigkeit des 5,56 mm x 45 Kalibers unzufrieden sind, haben enorme Anstrengungen unternommen, ein den modernen Ansprüchen gerechtes Handwaffenkaliber zu entwickeln. Dieses neue Kaliber soll auch Potenzial haben, das seit den frühen 80er Jahren genutzte Standardkaliber (5,56 mm x 45) der NATO zu ersetzen. Auch die Bundeswehr muss sich die Frage stellen, ob das aktuelle Kaliber auch die nächsten Jahrzehnte Feuerüberlegenheit für die eigene Truppe gewährleisten kann.

Bis vor kurzem waren alle Versuche gescheitert, das 5,56 gegen ein leistungsfähigeres Kaliber auszutauschen. Zu hoch waren die mit einem Wechsel verbundenen Kosten, zu gering der gewonnene Mehrwert – zumal man ja auf einen Waffen- und Kalibermix auch auf Gruppenebene zurückgriff. Aber auch dieser Weg ist nicht unumstritten. Mit jedem zusätzlichen Waffentyp steigt die Komplexität der Logistik und der Ausbildung. Zurzeit sehr knappe Ressourcen. Diesbezüglich könnten sich mit dem NGSW- Handwaffenmodernisierungsprogramm der U.S. Army Änderungen ergeben.

NGSW steht für Next Generation Squad Weapon, die U.S. Army möchte mit diesem Vorhaben die M16/M4-Familie durch eine NGSW-Rifle und das leichte Maschinengewehr M249 Squad Automatic Weapon durch eine NGSW-Automatic Rifle ersetzen. 2017 führte das US-Heer dazu eine Studie durch, die zur Entwicklung eines 6,8-mm-Geschosses führte, um welches das neue Waffensystem herum aufgebaut sein soll. Es soll höhere Wirkung, Geschossgeschwindigkeit und -gewicht, bei gleichzeitig geringerem Patronengewicht sowie reduzierte Abschusssignaturen ermöglichen als die bisher genutzte 5,56 mm x 45. Aus der Kombination entsteht die signifikante Steigerung der ballistischen Leistungsfähigkeit bei leicht reduziertem Gewicht der individuellen Patrone.

Drei Firmen bzw. Firmenkonsortien wurden durch die US-Streitkräfte beauftragt NGSW-Waffensystemkonzepte zu entwickeln: SIG Sauer, General Dynamics (mit Beretta Defence Technlogies und True Velocity) und Textron (mit Olin Winchester). Alle drei Bewerber haben ein NGSW-Rifle, ein NGSW Automatic Rifle sowie dazugehörige Munition mit dem 6,8er-Geschoss eingereicht. SIG Sauer setzt dabei auf eine Stahl-Messing-Hybridmunition, General Dynamics auf eine Patrone mit Polymerhülse und Textron auf seine teleskopierte Hülsentechnologie (Cased Telescoped Technology). Letztere war bereits im Lightweight Small Arms Technology (LSAT)-Vorhaben bekannt geworden. Das Projekt befindet sich den Angaben der Army zufolge im Zeit- und Budgetrahmen. Die letzten Versuchserprobungen sollen im 1. Halbjahr 2021 erfolgen. Im Herbst will das US-Heer das Siegerkonzept verkünden. Die ersten Gewehre sollen dann in der zweiten Hälfte 2022 an die Truppe ausgegeben werden. Insbesondere die neue Munition soll die Leistungsfähigkeit der Sturmgewehre gegenüber dem derzeitigen Sturmgewehrkaliber, welches ausgereift und kaum noch Steigerungspotential bietet, verbessern. Eine Waffe mit dem neuen Kaliber böte somit deutlich höhere Chancen, mit Körperpanzerung geschützte Gegner auch in Zukunft effektiv bekämpfen zu können. Erfüllen die Potentiale des neuen Kalibers die Prognosen, hätte das Ausschwenken des Hauptnutzers US-Streitkräfte unweigerlich Auswirkungen auf das NATO-Kaliber 5,56 mm x 45.

Faktor Zeit und Risiko

Das G36 ist „ein gutes und in der Truppe geschätztes Gewehr“ und erfüllt auch seit seiner Verdammung durch von der Leyen seinen Auftrag in Grundbetrieb und Einsatz. Ein Zeitdruck ist somit nur schwerlich herzuleiten. Begründet durch die aktuelle Verzögerung in der Beschaffung würde sicherlich bis Ende der 20er Anfang der 30er Jahre dauern, bis die gesamte Truppe mit dem Nachfolger ausgestattet werden würde – wohlgemerkt mit einer Waffe, deren technische Forderungen Mitte des letzten Jahrzehnts konzipiert wurden.

Mit dem Abwarten würde für die Bundeswehr ein vernachlässigbares Risiko entstehen. Gleichzeitig bring das Abwarten in diesem Fall sehr große Chancen. Sollte das NGSW-Projekt scheitern, könnte man wie geplant ein „konservatives“ Sturmgewehr beschaffen. Die Bundeswehr hätte maximal ein bis zwei Jahre Zeit verloren, verglichen mit der Gesamtdauer des Projektes ein geradezu vernachlässigbarer Zeitraum.

Sollte das NGSW-Projekt der Amerikaner hingegen tatsächlich erfolgreich enden, hätte die Bundeswehr die Möglichkeit frühzeitig von den neuen Erkenntnissen zu profitieren. Hält die Bundeswehr am Einführungsplan fest, wäre sie über Jahrzehnte in einem Projekt gefangen.

Bildlich gesprochen: „Der Zug der Zeit verlässt den Bahnhof und ist erstmal weg.“

Faktor Technik

Der aktuelle Beschaffungsprozess hat zwar erfolgreiche technische Lösungen hervorgebracht, aber zu einem sehr hohen Preis. Um die Anforderungen der Streitkräfte erfüllen zu können, mussten alle Register des Waffenbaus gezogen werden. Abseits jeglicher juristischer Bewertungen, können sowohl das MK556, die Waffe mit der C.G. Haenel ins Rennen um die G36-Nachfolge gegangen ist, als auch die neueste Version des HK416 und des HK433, der beiden Heckler & Koch Waffen, als Spitzenwaffen im Kaliber 5,56 mm x 45 angesehen werden. Es bleibt aber die Frage des Mehrgewinns gegenüber einem kampfwertgesteigerten G36, so wie es beispielsweise Heckler & Koch im Rahmen der Produktverbesserung angeboten hat. Auch der österreichische Handwaffenhersteller Steyr Arms hat einen Entwurf vorgelegt. Wenn die Leistungsgewinne mit den neuen Waffen die damit verbundenen Kosten (Beschaffung, Erstellung neuer Vorschriften, Umschulung aller Nutzer) nicht deutlich überwiegen, wäre der Austausch der Waffen unzweckmäßig. Die maßgeblichen Vorteile des G36 in Bezug auf Ergonomie und Störungsresilienz werden absehbar durch ein auf dem AR15-System basierenden Sturmgewehr nicht vergleichbar abzubilden sein!

Bildlich gesprochen: „Der Wagon mit dem Aufdruck Bundeswehr fährt auf einem Parallelgleis mit verminderter Geschwindigkeit.“

Faktor Rüstungsindustrie

Die schon jetzt medial mit großem Interesse verfolgten Auswahlentscheidungen, haben nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die renommierten Hersteller unter Druck gesetzt. Nicht erfüllte Forderungen, aber auch im Raum stehende Patentrechtsverletzungen werfen ein schlechtes Licht auf die Anwender-Hersteller Beziehung.

Basierend auf dem Faktor Zeit kann auch auf Seiten der Industrie Raum geschaffen werden, um im Bereich neues Kaliber, Einsatz von Schalldämpfern, Munitions- und Geschossaufbau notwendige Forschungsarbeit zu investieren, um Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen.

Bildlich gesprochen: „Bundeswehr und Industrie haben also die Wahl, von der Regionalbahn in den Schnellzug umzusteigen.“

Faktor Kosten

Die zu erwartenden Zeitverzögerungen bei der Einführung eines G36-Nachfolgers führen wie bereits mehrfach geschrieben dazu, dass das G36 noch lange in Nutzung bleiben wird. Der aktuelle Rüststand der großen Masse der G36-Sturmgewehre verfügt über keine MIL-STD 1913, STANAG-4694-Schienen oder andere Schnittstellen und könnte somit neue Optiken oder Laserlichtmodule erst nach erfolgter Modifikation aufnehmen. Diese Waffen sind nicht nur bereits lange in der Nutzung, sondern entsprechen bereits heute nicht mehr dem geforderten Stand der Technik. Nutzer dieser Waffe sind nicht nachtkampffähig – ein auf heutigen Gefechtsfeldern von modernen Streitkräften nicht hinnehmbarer Nachteil! Viele der Waffen sind bereits stark beansprucht und müssen daher ersetzt werden oder werden bereits peu à peu ersetzt. Die Streitkräfte stehen also vor dem Dilemma, dass sie schnell eine modernere Waffe haben wollen, diese durch die Modernisierung des G36 auch bekommen könnten, aber die Waffe dann bereits nach wenigen Jahren Nutzung wieder durch ein neues Sturmgewehr ersetzt werden muss. Man wäre durch die Verzögerung somit gezwungen, doppelt zu bezahlen, nur um am Ende mit einer Waffe dazustehen, die wie bereits angesprochen, nur marginale Vorteile aufweisen wird und dessen Zukunftsfähigkeit bereits heute fraglich ist. Insbesondere mit den aktuellen Corona bedingten Vorzeichen knapper Kassen wird jeder ausgegebene Cent gut begründet werden müssen.

Resümee

Die Verzögerungen im Projekt können in der Tat dazu führen, dass die Bundeswehr mittel- und langfristig über ein leistungsfähigeres Sturmgewehr verfügen würde. Dafür müsste jedoch eine Neubewertung der G36-Nachfolge erfolgen. Es müsste abseits politischer Vorgaben geprüft werden, ob auf die nächsten 30 Jahre gerechnet die Einführung eines neuen 5,56-Gewehres tatsächlich die beste Lösung für die Streitkräfte darstellt, oder ob eine Kampfwertsteigerung des G36 verbunden mit einer Kaliberevaluation und einer anschließenden Neuausschreibung der bessere Weg wäre. Wäre dem so, könnte den ganzen negativen Begleitumständen der Zuschlagserteilung doch noch was Positives abgerungen werden. Diese hätten die Bundeswehr dann unter Umständen von einer Fehlinvestition – Stichwort „Infanterieanklopfgerät“ – bewahrt.

Bildlich gesprochen: „Der Zug fährt in den Bahnhof ein. Die Bundeswehr kann noch zusteigen“.

Waldemar Geiger