StartStreitkräfteHIMARS: Ein Problem für Russlands Raketenabwehr

HIMARS: Ein Problem für Russlands Raketenabwehr

Mark Cazalet

Print Friendly, PDF & Email

Während des vergangenen Monats kursierten eine Reihe von Artikeln[1],[2] und Beiträgen in den sozialen Medien[3], in denen behauptet wurde, dass das russische Flugabwehrsystem S-400 dabei versagt, die vorgeschobenen Munitionsdepots und Gefechtsstände der russischen Streitkräfte vor dem an die Ukraine gelieferten Raketenartilleriesystem des Typs High Mobility Artillery Rocket System (HIMARS) zu schützen. Diese Behauptung[4] greift allerdings zu kurz, da sie auf Fehlannahmen hinsichtlich des Flugabwehrsystems beruht. Während HIMARS Russland nachweislich vor Probleme stellt, hat die Leistung des S-400-System nur wenig mit dem Erfolg von HIMARS zu tun. Das Narrativ über die angeblichen „Misserfolge“ des S-400-Systems beruht im Wesentlichen auf einem Missverständnis sowohl der Munitionsarten[5], die die Ukraine mit HIMARS einsetzt, als auch der Rolle und der Fähigkeiten des S-400-Systems.

Um zu verstehen, warum dies der Fall ist, muss man zunächst einen genaueren Blick auf beide Systeme werfen und dann die Systeme untersuchen, die zur Verteidigung gegen HIMARS im taktischen und operativen Kontext der Ukraine eingesetzt werden könnten.

Das S-400-System verstehen

Das S-400 ist ein sehr großes und komplexes Luftverteidigungssystem, das im Großen und Ganzen als Nachfolger der S-200-Serie entwickelt wurde und viele Gemeinsamkeiten mit der S-300P-Familie aufweist, von der es quasi als eine stark aufgerüstete Version betrachtet werden kann. Das System wird von den russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräften (VKS) betrieben und ist in erster Linie für den Schutz von wichtigen Einrichtungen wie Gefechtsständen, lebenswichtigen nationalen Infrastrukturen und Bevölkerungszentren vor Bedrohungen aus der Luft und ballistischen Angriffen vorgesehen.

dnd 2022yH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==

Das in Russland eingesetzte S-400-System verfügt über fünf verschiedene Flugkörpervarianten, mit denen es bewaffnet werden kann:

yH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==

Bezeichnung: 48N6 48N6M/ 48N6P-01 48N6DM 40N6 9M96M
Max. Reichweite: 150 km (für Flugziele) 200 km (für Flugziele) 250 km (für Flugziele) 400 km (für Flugziele) 120 km (für Flugziele)
Max. Höhe: 27 km 27 km 30 km 40 km 30 km
Steuerung: Semi-aktives Radar; Zielverfolgung via Flugkörper Semi-aktives Radar; Zielverfolgung via Flugkörper Semi-aktives Radar; Zielverfolgung via Flugkörper aktives Radar aktives Radar
Max. Anzahl an Flugkörpern pro Startgerät (TEL): 4 4 4 4 16

Wie die Tabelle zeigt, handelt es sich bei diesen Flugkörpern zumeist um solche mit sehr großer Reichweite und einer recht ordentlichen maximalen Flughöhe. Um einen intuitiven Bezugsrahmen für den Vergleich zu schaffen: Die die typische Reiseflughöhe eines zivilen Passagierflugzeugs liegt bei etwa 10,5-11,5 km, während das hochfliegende U2-Spionageflugzeug eine Höhe von etwa 22 km erreichen kann. Die meisten zivilen und militärischen Flugzeuge fliegen deutlich unter diesem Niveau.

Angesichts des Spektrums der Waffenoptionen des S-400 besteht seine bevorzugte Zielpalette mit 48N6, 48N6M/48N6P-01, 48N6DM und 40N6 Flugkörpern hauptsächlich aus großen luftgestützten Hochwertzielen, wie zum Beispiel luftgestützten Frühwarn- und Kontrollflugzeugen (AEW&C), speziellen großen Flugzeugen für die elektronische Kriegsführung (EW), strategischen Bombern und Aufklärungsflugzeugen in großer Höhe. In geringerem Umfang gehören auch Marschflugkörper und ballistische Kurzstreckenraketen zum Zielspektrum. Bei Ausrüstung mit dem 9M96M ändert sich das bevorzugte Zielspektrum leicht zugunsten von Kampfflugzeugen, Marschflugkörpern und ballistischen Kurzstreckenraketen.

Es sei darauf hingewiesen, dass die aufgeführte Munitionspalette den russischen S-400 zwar theoretisch zur Verfügung steht, die Wirklichkeit jedoch etwas komplexer ist.

Print Friendly, PDF & Email