StartBewaffnungRheinmetall und LIG: Südkoreanische Flugabwehr für Europa

Rheinmetall und LIG: Südkoreanische Flugabwehr für Europa

Rheinmetall und die südkoreanische LIG Defense & Aerospace (LIG D&A) haben eine strategische Partnerschaft vereinbart. Gemeinsam wollen die Partner laut einer Pressemitteilung vom gestrigen Montag Luftverteidigungssysteme für das europäische und NATO-Territorium bereitstellen. Das kurzfristige Ziel der Kooperation sei die Gründung eines Joint Ventures, an dem Rheinmetall die Mehrheitsanteile halten werde. Im Rahmen der Partnerschaft wollen die Unternehmen die Luftverteidigungs-Raketensysteme mittlerer und großer Reichweite von LIG D&A in Europa lokalisieren, weiterentwickeln und vermarkten.

Dies soll in enger Verbindung mit der Nahbereichs-Luftverteidigung (VSHORAD) von Rheinmetall geschehen. Darüber hinaus haben beide Partner der Mitteilung zufolge vereinbart, gemeinsam neue Raketen und Fähigkeiten für die Flugabwehr im Kurzstreckenbereich (SHORAD) zu entwickeln. Ziel sei es, bestehende Lücken in diesem Segment zu schließen und umfassende Lösungen über alle Luftverteidigungsschichten hinweg anzubieten. Diese Kombination von Fähigkeiten werde die Produktportfolios beider Unternehmen erweitern und stärken. Sie ermögliche es zudem, komplette schlüsselfertige Lösungen aus einer Hand anzubieten.

Das südkoreanische Flug- und Raketenabwehrsystem L-SAM bei einem Testschuss.
Das südkoreanische Flug- und Raketenabwehrsystem L-SAM bei einem Testschuss. (Foto: DAPA)

Südkoreanische M-SAM im Irankrieg eingesetzt

Bei den angesprochenen Systemen mittlerer und großer Reichweite dürfte es sich um die südkoreanischen Typen M-SAM und L-SAM handeln, an deren Entwicklung LIG gemeinsam mit der russischen Almaz, Samsung Thales und der Doosan-Gruppe einerseits sowie Hanwha und der nationalen Agentur für Verteidigungsentwicklung andererseits beteiligt war. Die 400 Kilogramm schwere M-SAM übernimmt mit einer Reichweite von 40 bis 50 Kilometern und einer Einsatzhöhe bis 15 Kilometern den mittleren Bereich in Südkoreas Luft- und Raketenabwehrsystem.

Das Radar der Batterie aus vier bis sechs Achtfach-Startern beruht auf dem der russischen S-400. Die südkoreanische Luftwaffe hat gegenwärtig 19 von 25 bestellten Batterien im Dienst, die Vereinigten Arabischen Emirate zwei von zwölf. Während des Irankrieges verschossen letztere Berichten zufolge 60 Flugkörper mit einer Trefferquote von 96 Prozent. Auch Saudi-Arabien und der Irak haben zehn beziehungsweise acht Batterien bestellt, Interesse gibt es darüber hinaus in Indonesien und Marokko.

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Flug- und Raketenabwehrsystem L-SAM

L-SAM ist ein auch zur Abwehr ballistischer Raketen vorgesehenes Langstrecken-System, das mit dem amerikanischen THAAD und der israelischen Arrow-Familie verglichen wird. Block 1 hat eine Reichweite von 150 und Einsatzhöhe von 60 Kilometern, Block 2 soll 450 beziehungsweise 180 Kilometer erreichen. Das System nutzt einerseits einen Flugkörper gegen luftatmende Ziele, die dreistufige Raketenabwehr-Lenkwaffe erreicht Mach 9 und verwendet einen Infrarotsuchkopf, um Direkttreffer zu erzielen (hit-to-kill).

2022/23 traf Block 1 bei Tests drei von vier anfliegenden Raketen. Die Produktion begann 2025, die Einführung ist für 2028 geplant. Die Batterie besteht aus jeweils zwei Sechsfach-Startern mit Flug- und Raketenabwehr-Lenkwaffen auf Lkw, einem Multifunktionsradar, einer Führungs- und einer Feuerleitstation. Der Kurzstreckenbereich wird in Südkorea durch K-SAM (Pegasus), basierend auf der französischen Crotale, abgedeckt.

Der Skyranger 30 auf Fahrgestell Boxer.
Der Skyranger 30 auf Fahrgestell Boxer. (Foto: Rheinmetall)

Neue Möglichkeiten für Rheinmetall und LIG

Für Südkorea macht eine internationale Zusammenarbeit für ein neues selbst entwickeltes Kurzstreckensystem also durchaus Sinn. Daneben bietet sich für die Industrie des Landes mit der Kooperation auch die Möglichkeit, ihre Präsenz auf dem europäischen Markt über die hier bereits erfolgreichen Systeme wie den Kampfpanzer K2 Black Panther und die Panzerhaubitze K9 Thunder von Hanwha sowie das Raketenartilleriesystem K239 Chunmoo auszuweiten, die bereits bei mehreren NATO-Staaten in Dienst stehen.

Rheinmetall bietet im Flugabwehrbereich bislang vor allem kanonenbasierte Systeme aus seiner Oerlikon-Sparte an, die etwa auch im Skyranger-Turm verbaut sind. Nachdem der Konzern sich mit dem Erwerb der Marinesparte von Lürssen kürzlich auch in den maritimen Bereich ausgedehnt hat, bietet die Kooperation mit LIG die Gelegenheit, auch weitreichende Lenkwaffensysteme anzubieten. Damit tritt das Unternehmen in Konkurrenz zu Diehl mit seiner IRIS-T-Familie, aber auch anderen europäischen und israelischen Anbietern in diesem Segment.

Zupass kommt den Partnern dabei der bereits bestehende, durch den Irankrieg aber nochmals erheblich verschärfte Mangel an amerikanischen Systemen wie Patriot-Flugkörpern. In ihrer Pressemitteilung weisen Sie denn auch darauf hin, dass die jüngsten Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten gezeigt hätten, dass unabhängige, schnelle und zuverlässige Liefer- und Bereitstellungsketten für Nachhaltigkeit und Erfolg entscheidend seien. Beide Unternehmen trügen zu diesen Bemühungen bei, um die hohe Nachfrage nach mehrschichtigen Luftverteidigungssystemen, Raketen und Munition zu befriedigen.

Stefan Axel Boes