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Am 30. November stellte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann in Nürnberg zwei neue Spezialfahrzeuge für die Polizei-Spezialkräfte des Freistaates vor. Die beiden ENOK 6.2 der Firma ACS Armoured Car Systems GmbH aus dem Landkreis Aichach-Friedberg wurden spezifisch an die bayerisch-polizeilichen Bedürfnisse angepasst und dienen als sondergeschützte Offensivfahrzeuge für besonders gefährliche Einsatzlagen.

Die beiden Fahrzeuge – Kostenpunkt 2,4 Millionen Euro – waren bereits im Februar 2020 übernommen worden – S&T hatte dazu berichtet.

Stationiert sind die ENOK 6.2 bei den Spezialeinheiten in München und in Nürnberg. “Damit können wir Einsatzlagen in ganz Bayern abdecken”, so der Innenminister.

Die beiden olivfarben lackierten Fahrzeuge basieren auf dem Mercedes Benz G-Klasse und haben rund 200 PS. Damit erreichen die etwas über sechs Tonnen schweren Fahrzeuge 120 km/h Spitzengeschwindigkeit. Aufgrund ihrer kompakten Abmessungen bieten sie hohe Beweglichkeit auch in Großstädten sowie ein gutes Schutzniveau. Die Fahrzeuge bieten Platz für bis zu sechs Personen. Das in München stationierte Fahrzeug verfügt über einen drehbaren Waffenturm, das in Nürnberg über eine unter Panzerschutz fernbedienbare Waffenstation Samson von Rafael. Als Bewaffnung dient augenscheinlich jeweils ein leichtes Maschinengewehr FN MINIMI 762. Solche und stärkere Bewaffnungsoptionen sind unterdessen notwendig, da inzwischen komplexe lebensbedrohliche Einsatzlagen bis hin zu terroristischen Angriffen militärisch agierender Kleingruppen zu den Szenarien gehören, auf die sich europäische Polizeibehörden vorbereiten. Bei einem Amoklauf in Sachsen ist bereits ein geschütztes Polizeifahrzeug unter Beschuss gekommen und getroffen worden, ohne dass die Besatzung dabei verwundet wurde.

Moderne Monturen

Bei der jetzt erfolgten offiziellen Vorstellung der Offensivfahrzeuge in Nürnberg ließen sich darüber hinaus weitere interessante Details bezüglich Bewaffnung und Ausrüstung erkennen. Wenig überraschend dürfte die UfPro-Bekleidung in steingrau-oliv sein. Diese hat sich in Europa im polizeilichen Bereich als eine Art Standard etabliert.  Ähnliches gilt für die modularen Schutzwesten aus dem Hause Lindnerhof. Als Schutzhelme tragen die Beamten hier OpsCore-Helme. Eine weitere Neuigkeit fällt freilich auf. So sind an den Schutzhelmen GPNVG (Ground Panoramic Night Vision Goggle) „Quadeye“-Nachtsichtbrillen befestigt.

Die GPNVG von L3Harris stellt derzeitig die höchste Evolutionsstufe von Restlichtverstärkern und ist damit nur bei Spezialkräften von Polizei und Streitkräften im Einsatz. Den Deutschlandvertrieb übernimmt die in Baden-Württemberg ansässige IEA Mil-Optics GmbH. Vier separate und aufeinander abgestimmte Eingangskanäle sind in der Lage, ein horizontales Sichtfeld von 97° wiederzugeben, welches dem natürlichen, 120° betragenden Sichtfeld des Menschen am nächsten kommt. Was in der Theorie nicht sonderlich beeindruckend klingt, entfaltet in der Praxis eine beeindruckende Wirkung. Herkömmliche, selbst binokulare Brillen, haben immer den Nachteil, dass sie durch das begrenzte Sichtfeld einen Tunnelblick erzeugen. Zur Lagewahrnehmung ist der Soldat daher angewiesen, seinen Blick ständig nach links bzw. rechts zu schwenken.

Zur Bewaffnung der Spezialkräfte der bayerischen Polizei zählen das G38 alias HK416A5 bzw. A6 mit Aimpoint Micro T1-Rotpunktvisier. Dazu kommen die Maschinenpistole MP7 sowie die Glock 17 als Seitenwaffe.

Aufwuchs der bayerischen Polizei

Doch nicht nur die Spezialeinheiten können sich über neue Ausrüstung freuen. In die Bayerische Polizei wird laut Herrmann insgesamt kräftig investiert, beispielsweise mit rund 3.500 zusätzlichen Stellen von 2017 bis 2023. Dazu kommen mehr als 537 Millionen Euro für den Sach- und Bauhaushalt. So wurde die Einführung der neuen Polizeiuniform abgeschlossen und ein neuer Einsatzstock sowie neue moderne Einsatzhelme mit passender Atemschutzmaske für die geschlossenen Einsatzeinheiten beschafft. Außerdem steht bayerischen Polizisten eine neue ballistische Schutzausstattung zur Verfügung. Zudem wurde als neue Standardbewaffnung die Pistole Heckler & Koch SFP9-TR mit einer verdoppelten Magazinkapazität eingeführt. “Darüber hinaus haben wir den Zuschlag für 800 neue Mitteldistanzwaffen erteilt, ein Kompakt-Gewehr im Kaliber .223”, ergänzte Herrmann. Das Modell SCAR-L vom Hersteller FN Herstal wird künftig bei lebensbedrohlichen Lagen durch Einsatzeinheiten und speziell dafür geschulte Kräfte des uniformierten Streifendienstes zum Einsatz kommen.

Jan-Phillipp Weisswange