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Die Chinook bildet das Rückgrat vieler europäischer Transporthubschrauberflotten. Die Streitkräfte Griechenlands, Italiens nutzen teilweise in die Jahre gekommenen Versionen des Hubschraubers. Daneben haben die französischen Streitkräfte Anfang 2020 die Absicht in den Raum gestellten einzelne Hubschrauber dieses Typs zu leasen, um über eine spätere Beschaffung von zusätzlichen Maschinen entscheiden zu können. Darüber hinaus ist Boenigs Chinook zusammen mit der King Stallion von Lockheed Martin ein potentieller Kandidat für das deutsche STH-Programm, bei dem die in die Jahre gekommenen CH-53 der Luftwaffe durch einen schweren Transporthubschrauber abgelöst werden sollen.

Die Streitkräfte Spaniens, der Niederlande und des Vereinigten Königreichs nutzen die Chinook ebenfalls seit geraumer Zeit, haben sich jedoch dazu entschieden die verfügbaren Maschinen auf einen aktuellen Stand zu modernisieren bzw. alte durch neue Versionen zu ersetzen. Großbritannien setzt die Chinook seit 1980 ein. Derzeit nutzen die Briten 60 Maschinen.

Großbritannien bestellt neue Version

Schon länger war bekannt, dass die britischen Streitkräfte den Erwerb von 14 neuen Maschinen beabsichtigen. Heute hat das britische Verteidigungsministerium die Vertragsunterzeichnung für die Beschaffung von Chinook Hubschraubern bekanntgegeben. Das Volumen des Vertrages liegt bei 1,4 Milliarden Britische Pfund beziehungsweise zwei Milliarden US-Dollar.

Die Royal Air Force wird aber nicht die Standard-Version der CH-47F Chinook erhalten, sondern eine angepasste, fortschrittliche Version des Hubschraubers. Die Basis bildet die CH-47 Extended Range (ER) Variante, die eine Reichweite von rund 1.000 km bietet. „Die neue H-47(ER) wird über eine Reihe von neuen Fähigkeiten verfügen: ein fortschrittliches digitales Cockpit, eine modernisierte Zelle und ein digitales automatisches Flugsteuerungssystem“, so die Royal Air Force (RAF) auf ihrem offiziellen Internetauftritt.

Doch damit nicht genug. Boeing berichtete in einem Interview gegenüber S&T, dass gerade zusammen mit der U.S. Army ein Luft-Luft-Betankungssystem für die Chinook für einen ausländischen Kunden entwickelt wird. Den Nutzer wollte der Hersteller zu dem damaligen Zeitpunkt nicht nennen, die Hinweise verdichten sich jedoch, dass damit die britischen Streitkräfte gemeint sein könnten.

Artist Impression einer Chinook Version, die Boeing an die israelische Luftwaffe angeboten hat. (Graphik: Boeing)

Bisher haben nur die MH-47G der amerikanischen Spezialkräfte so ein System an der Chinook, dieses ist aber nicht zertifiziert und die US-Spezialkräfte fliegen mit einer Ausnahmegenehmigung. Auch die CH-147 der kanadischen Streitkräfte basiert auf der ER-Variante, verfügt aber ebenfalls nicht über ein Luft-Luft-Betankungssystem. Darüber hinaus hat Boeing, der Hersteller der Chinook Hubschrauber, bei seinem Angebot an die Bundeswehr und an die israelische Luftwaffe eine als H-47 ER bezeichnete Variante des Hubschraubers angeboten, die ebenfalls über einen Luft-Luft-Betankungsstutzen verfügte.

Neben dieser Neuentwicklung kommen gut informierten Kreisen zufolge auch eine elektrische Winde sowie umfangreiche Ausrüstungspakete bei der britischen Bestellung dazu, unter anderem ein Selbstschutzsystem und Bewaffnungsstationen mit Maschinengewehren (Mini-Guns und schwere MGs). Gerade die Bewaffnungsoption, die die britische Regierung angefragt hat, sprechen für den Einsatz der Maschinen als Spezialkräftehubschrauber.

Damit verfügt der Hubschrauber zumindest äußerlich über große Ähnlichkeiten mit dem MH-47G Block II, den die U.S. Spezialkräfte derzeit beschaffen. Dieser gilt aber bisher offenbar als „US only“, darf aufgrund seiner Sensoren und Sub-Systeme nicht ins Ausland verkauft werden.

Der ersten neuen britischen Maschinen sollen ab 2026 zulaufen, die letzten im Jahr 2030. Die 14 Hubschrauber werden von den USA über ein Foreign-Military-Sales (FMS) Abkommen erworben und umfassen die Entwicklung und Herstellung über das nächste Jahrzehnt. Die neuen Hubschrauber werden auf dem Royal Air Force-Stützpunkt in Odiham, der Heimat der UK-Chinook-Flotte, stationiert werden.

Laut RAF können die neuen Maschinen rund 300 km/h schnell fliegen und bis zu 55 Soldaten oder 10.000 kg an Fracht aufnehmen. Das Luftfahrzeug ist 30 m lang und 5,6 m hoch, mit einem Rotordurchmesser von 18,29 m.

Großbritannien hat bereits vor mehreren Jahren den Erwerb mehrerer neuen Chinook Hubschrauber über die US-Regierung angefragt. Der Anfrage wurde seitens der US-Regierung 2018 stattgegeben. Ursprünglich war eine Bestellung von 16 H-47 Chinook (Extended Range) Hubschraubern inklusive eines umfangreichen Ausrüstungs-, Ersatzteil- und Logistikpakets zu einem Gesamtpreis von bis zu 3,5 Milliarden US-Dollar genehmigt worden.

„Die Regierung des Vereinigten Königreichs hat einen möglichen Verkauf von sechzehn (16) Hubschraubern des Typs H-47 Chinook (erweiterte Reichweite), sechsunddreißig (36) T-55-GA-714A-Triebwerken (32 eingebaut, 4 Ersatzteile), achtundvierzig (48) GPS-Trägheitsnavigationseinheiten (32 eingebaut, 16 Ersatzteile), zwanzig (20) Raketenwarnsystemen (16 eingebaut, 4 Ersatzteile) beantragt; zweiundzwanzig (22) Hochfrequenz-Schutzsystemen (16 installiert, 6 Ersatzteile); neunzehn (19) Multimode-Radare (16 installiert, 3 Ersatzteile); neunzehn (19) elektro-optische Sensorsysteme (16 installiert, 3 Ersatzteile); vierzig (40) M-134D-T Mini-Gun-Maschinengewehre, plus Lafetten und Werkzeuge (32 installiert, 8 Ersatzteile); und vierzig (40) M240H Maschinengewehre, plus Lafetten und Werkzeuge (32 installiert, 8 Ersatzteile). Dieser Verkauf umfasst auch Kommunikationsausrüstung, Navigationsausrüstung, Ausrüstung für die Überlebensfähigkeit von Luftfahrzeugen, Ausrüstung und Dienstleistungen für die Erstausbildung, synthetische Trainingsausrüstung, Unterstützungspakete einschließlich Ersatzteile und Reparaturen, Spezialwerkzeuge und Testausrüstung, Bodenunterstützungsausrüstung für die Luftfahrt, Sicherheits- und Lufttüchtigkeitszertifikate, technische Unterstützung, Wartungsunterstützung, technische Veröffentlichungen und Veröffentlichungen für die Flugbesatzung, Ausrüstung und Unterstützung für Missionsplanungssysteme, Projektmanagement und -steuerung, technische und logistische Unterstützungsleistungen der US-Regierung und von Auftragnehmern sowie andere damit verbundene Elemente der logistischen und programmbezogenen Unterstützung“, hieß es in der damaligen Bekanntmachung der US-Regierungsbehörde Defense Security Cooperation Agency.

Wichtig zu wissen, die in solchen Fällen angegebenen Gesamtkosten geben einen geschätzten Maximalbetrag an, die tatsächlichen Kosten der später geschlossenen FMS-Geschäfte weichen oftmals davon ab.

André Forkert