StartMobilitätKSK-Symposium 2022: Mobilität und Wirkung

KSK-Symposium 2022: Mobilität und Wirkung

Waldemar Geiger

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Neben der derzeit in Entwicklung befindlichen Spezialkräftefahrzeugfamilie rund um das Aufklärungs- und Gefechtsfahrzeug 2 sowie dem jüngst beschafften Luftlande-UTV gibt es seitens des Kommandos Spezialkräfte im Bereich der Landmobilität Bedarf für weitere Fahrzeuge, der im Rahmen des Beschaffungsvorhabens Luftlandeplattform sowie den Projekten „schweres Einsatzgefechtsfahrzeug“ und „leichtes Infanteriegefechtsfahrzeug“ gedeckt werden sollen. Daher war es nicht verwunderlich, dass mehrere Hersteller ihre Mobilitätslösungen im Rahmen der Begleitausstellung zum 8. KSK-Rüstungssymposium in dieser Woche gezeigt haben.

Mobilität, Schutz und Wirkung sind die wesentlichen Parameter, die die Leistungsfähigkeit militärischer Fahrzeuge bestimmen. Das Zusammenwirken dieser sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren wird als „Iron Triangle“ – auf Deutsch „eisernes Dreieck“ – bezeichnet. Es ist grundsätzlich so, dass sich diese Parameter gegenseitig beeinflussen. Höherer Schutz erfordert zumeist mehr Panzerung oder andere Maßnahmen, was wiederum in einem höheren Gewicht und einem größeren Volumen mündet und damit maßgeblichen Einfluss auf die Mobilität des Fahrzeuges hat. Gewichtsreserven können somit nicht mehr für den Parameter Wirkung (bspw. Waffensysteme oder Nutzlast/Kampfraumvolumen) genutzt werden.

Bei der Konstruktion von Spezialkräftefahrzeugen sind die Parameter Mobilität und Wirkung üblicherweise stärker ausgeprägt als der Parameter Schutz. Die ballistische Schutzwirkung von modernen Fahrzeugen für Spezialkräfte beschränkt sich, wenn überhaupt vorhanden, dann zumeist auf eine modulare Schutzpanzerung gemäß STANAG 4569 Level 1 oder 2. Mit diesem Schutzniveau lässt sich die Besatzung gegen Handwaffenbeschuss und sowie in bis zu 80 Metern Entfernung einschlagende Artilleriegranaten schützen. Zudem tragen die Faktoren Mobilität und Wirkung zum Schutzniveau von Spezialkräftefahrzeugen bei. Die hohe Mobilität der Fahrzeuge – sowohl Geländegängigkeit als auch Geschwindigkeit – sollen der Besatzung Optionen bieten, Wege zu nutzen, die herkömmlichen Fahrzeugen versperrt bleiben.  Mittels der Mobilität sollen so viele Gefahrenbereiche wie möglich bereits im Vorfeld umfahren oder schnell hinter sich gebracht werden. Ist ein Feuerkampf doch unausweichlich, soll die vergleichsweise hohe Feuerkraft der Fahrzeuge – die sich aus mehreren lafettierten Maschinenwaffen unterschiedlichen Kalibers zusammensetzen kann – eine temporäre Feuerüberlegenheit bieten, womit der Feind niedergehalten und die Gefahrensituation schnell verlassen werden kann.

Schutzklassen gemäß STANAG 4569 – ballistisch
  Kinetische Energie Artillerie (HE = High Explosives)
Level 1
  • 7,62 × 51 mm NATO Ball (Ball M80) aus 30 Metern mit 833 m/s
  • 5,56 × 45 mm NATO Ball (SS109) aus 30 Metern mit 910 m/s
  • 5,56 × 45mm NATO Ball (M193) aus 30 Metern mit 930 m/s
155 mm HE aus 100 m (Winkel: Seite 360°; Höhe: 0–18°)
Level 2 7,62 × 39 mm API BZ aus 30 Metern mit 695 m/s 155 mm HE aus 80 m (Winkel: Seite 360°; Höhe: 0–22°)

Auf dem Rüstungssymposium haben mehrere Hersteller Fahrzeuge ausgestellt, die genau diesem Prinzip entsprechen.

Am Stand der Messer Waffenhandel und Sicherheitsgesellschaft mbH war der SRTV-SXV des US-Herstellers BC Customs erstmals in Deutschland zu sehen. SRTV-SXV steht für Search and Rescue Tactical Vehicle – Side by Vehicle. 2021 haben die Spezialkräfte der US-Luftwaffe SRTV-SXV im Wert von 70 Millionen US-Dollar bestellt. Das Fahrzeug ist hochmobil, innenlastfähig in der MV-22, CH-47 und CH-53 und kann auch per Lastenfallschirm abgesetzt werden. Das aus einem Race-Buggy entwickelte Fahrzeug zeichnet sich insbesondere durch sein geringes Gewicht und hohe Mobilität aus. Angetrieben wird das rund 1,5 Tonnen (Leergewicht) schwere Fahrzeug durch ein 170-PS-Diselagregat. Das zulässige Gesamtgewicht beträgt etwa drei Tonnen.

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Am Stand der Messer Waffenhandel und Sicherheitsgesellschaft mbH war der SRTV-SXV des US-Herstellers BC Customs erstmals in Deutschland zu sehen. (Foto: Soldat & Technik)

Rheinmetall zeigte auf der Veranstaltung eine mit einem Panzerabwehrlenkflugkörpersystem MELLS versehene Version des Caracal, dem Fahrzeug, mit dem ACS Armoured Car Systems, Mercedes-Benz und Rheinmetall im Wettbewerb um die Luftlandeplattform antreten. Die Luftlande-Fahrzeugfamilie Caracal basiert auf dem neuen G-Klasse-Fahrgestell der Baureihe 464. Der Caracal ist mit einem Sechszylinder-183-kW-Dieselmotor (249 PS) Euro 3 ausgestattet, welcher das Fahrzeug auf bis zu 140 km/h beschleunigen kann und ein Drehmoment von 600 Nm entwickelt. Erstmalig zu sehen war das von Rheinmetall Electronics weiterentwickelte Schussdetektionssystem APV (Acoustic Protection for Vehicles). Ähnlich wie andere auf dem Markt verfügbare Wettbewerbssysteme ist das APV (schwarzer viereckiger Kasten am Fahrzeugdach) in der Lage, Schussgeräusche zu detektieren und der Fahrzeugbesatzung so Richtung, grobe Entfernung sowie das Kaliber der anfliegenden Geschosse anzuzeigen. Die Analyse des Kalibers erfolgt mittels Geschwindigkeitsermittlung der Geschosse.

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Erstmalig zu sehen war das von Rheinmetall Electronics weiterentwickelte Schussdetektionssystem APV (Acoustic Protection for Vehicles). (Foto: Soldat & Technik)

ACS Armoured Car Systems zeigte eine Aufklärungsversion seines ebenfalls auf der G-Klasse basierenden Enok AB (Airborne). In dem Fahrzeug wurden unterschiedliche Sensoren – darunter auch ausfahrbare Sensorik auf einem Zippermast – sowie Kommunikationssysteme integriert.

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Luftlandeversion des Enok mit unterschiedlichen Sensoren und Kommunikationssystemen. (Foto: Soldat & Technik)

Erstmals war auch das Light Tactical Transport Vehicle (LTTV) des britischen Herstellers Jankel in Deutschland zu sehen. Jankel hat das LTTV auf dem 4×4-Fahrgestell eines Unimog U5000 von Daimler aufgebaut, das serienmäßig mit einem 163-kW-Vielstoffmotor (Euro 3) ausgestattet ist. Über ein halbautomatisches Getriebe werden die Räder an den beiden schraubengefederten Portalachsen angetrieben. Fahrerhaus und (Missions-)Aufbau sind von Jankel konstruiert. Dabei wurden soweit möglich bewährte Serienbaugruppen von Daimler verwendet. Die offene Kabine basiert auf einer Panzerwanne, deren Schutz durch gepanzerte Türen und eine klappbare, geteilte Frontscheibe mit Panzerglas ergänzt werden kann. Der LTTV verfügt über ein Schutzniveau gemäß STANAG 4569 Level 1, welches nach Aussagen des Herstellers auf bis zu Level 2 skalierbar ist. Das Basisfahrzeug kommt auf ein Leergewicht von 6,5 Tonnen. Die modulabhängige Nutzlast kann bis drei Tonnen erreichen, den Schutz eingeschlossen.

Kennzeichen des LTTV sind die leicht austauschbaren Missionsmodule. Die Module sind mit vier Standard-ISO-Drehverschlüssen am Chassis befestigt. Für die belgischen Streitkräfte, die 199 dieser Fahrzeuge geordert haben, sind 167 Module für den Transport von Truppen und Spezialkräften, acht Ambulanz-Module und 24 Logistikmodule für den Lastentransport vorgesehen. In Belgien wird das Fahrzeug als Mutterschiff in Verbindung mit leichteren Spezialkräftefahrzeugen eingesetzt.

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Erstmals war auch das Light Tactical Transport Vehicle (LTTV) des britischen Herstellers Jankel in Deutschland zu sehen. (Foto: Soldat & Technik)

Diederich Engineering Systems Defense (DES) zeigte unter anderem einen in der Bundeswehr als Luftlande Utility Terrain Vehicle (LL UTV) eingeführten Polaris MRZR-D4, welcher mit einer hydraulisch versenkbaren Waffenstation R150 des australischen Herstellers Electro Optic Systems (EOS) – in Europa vertreten durch Diehl Defence – kampfwertgesteigert wurde. Die Fähigkeit, die R150 versenken zu können, ermöglicht den Lufttransport des Fahrzeuges, ohne dass die Waffenstation samt Waffe vom Fahrzeug getrennt werden muss. Je nach Transportraumhöhe müsste das Rohr unter Umständen aus der Waffe entnommen werden. Die R150 ist in der Lage, alle gängigen Maschinengewehre bis hin zur 40-mm-Granatmaschinenwaffen aufzunehmen.

Zudem zeigten DES, EOS und Diehl Defence erstmalig eine Version des Polaris DAGOR, welcher ebenfalls mit einer hydraulisch versenkbaren Waffenstation R150 ausgerüstet war und zudem über vier Spike-NLOS-Lenkflugkörper verfügte. Damit lassen sich über 32 Kilometer weit entfernte Ziele punktgenau bekämpfen. Ein Spike-NLOS-Lenkflugkörper wiegt je nach Gefechtskopfvariante rund 70 kg, es stehen insgesamt drei unterschiedlichen Gefechtskopfversionen (HEAT = High Explosive Anti Tank, Frag, PBF= Penetration Blast Fragmentation) zur Verfügung. Der Spike NLOS verfügt über eine Sensor-to-Shooter-Fähigkeit und wird üblicherweise auf ein voraufgeklärtes Ziel verschossen. Durch die Man-in-the-Loop-Fähigkeit – die Steuerung erfolgt aufgrund der Kampfentfernung über einen Funkdatenlink – hat der Schütze jederzeit die Möglichkeit, den Treffpunkt zu korrigieren, das Ziel zu wechseln oder die Mission bei sich ändernden Gegebenheiten abzubrechen. Das System besitzt eine Tag-/Nachtsichtfähigkeit und hat darüber hinaus die Möglichkeit, mittels Semi Active Laser (SAL) auf ein mittels Laserzielmarkierern beleuchtetes Ziel zu wirken.

Last but not least hat der niederländische Hersteller Defenture eine neue Version seines Air Transportable Tactical Vehicle (ATTV), das Defenture in Kooperation mit Krauss-Maffei Wegmann als möglichen Kandidaten für die Luftlandeplattform sieht, vorgestellt. Gezeigt wurde eine geschützte Version des ATTV – STANAG 4569 Level 1+ – mit einer integrierten Waffenstation R400S Mk2 von EOS. Zwei Panzerabwehrlenkflugkörper sowie eine 30-mm- Maschinenkanone (30 mm x 113) vom Typ M230 LF von ATK, wie sie auch dem Apache-Kampfhubschrauber als Bewaffnung dient. Den Aussagen von Defenture zufolge wurde die Konfiguration des Fahrzeuges auf Wunsch eines ATTV-Nutzers entwickelt.

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Defenture ATTV mit 30-mm-Maschinenkanone. (Foto: Soldat & Technik)

Waldemar Geiger