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Der Nachfolger des G36, des Standard Sturmgewehrs der Bundeswehr, soll in Zukunft im thüringischen Suhl hergestellt werden. Aus der Auswertung der im Vergabeverfahren abgegebenen Angebote sei das MK556 von C.G. Haenel als Sieger hervorgegangen, dies vermeldete die deutsche Nachrichtenagentur dpa. Eine offizielle Bestätigung seitens des Bundesministeriums der Verteidigung, die Soldat & Technik bereits letzte Woche an das Verteidigungsministerium gestellt hat, steht noch aus. Die Entscheidung der Vergabestelle ist noch vorbehaltlich einer möglichen Rüge bzw. eines gerichtlichen Nachprüfungsverfahrens vor der Vergabekammer.

Der MK556 ist ein Vollautomat im Kaliber 5,56 x 45 mm. Das MK steht für „Maschinenkarabiner“. Die Waffe wurde 2017 erstmals durch den Hersteller vorgestellt und folgt der AR15-Architektur, arbeitet mit einem Kurzhub-Gaskolbensystem und verfügt über eine verstellbare Gasabnahme. Serienmäßig stehen Läufe mit 10,5″, 12,5″, 14,5″ und 16″ zur Verfügung.

Der G36-Nachfolger soll dem Vernehmen nach in insgesamt vier Losen (S&T berichtete) gebilligt und beschafft werden. Über die Vorlage für die Beschaffung des 1. Loses soll demnach in der letzten Oktoberwoche im Haushaltsausschuss des Bundestages verhandelt werden. Die Lose 2. Bis 4. sowie die separat ausgeschriebenen Laserlichtmodule und Waffenoptiken stehen für Mitte Dezember 2020 auf dem Plan.

Ausschreibung System Sturmgewehr Bundeswehr

Am 21. April 2017 begann die europaweite Ausschreibung der G36-Nachfolge. Etwa 120.000 Sturmgewehre und entsprechendes Zubehör will die Bundeswehr beschaffen. Nach ursprünglicher Planung sollten die Verträge im ersten Halbjahr 2019 geschlossen werden. Der Auftragswert wurde zunächst auf 245 Millionen Euro geschätzt.

Im Oktober 2018 wurde bekannt, dass alle eingereichten Waffen die geforderten Kriterien nicht erfüllten. Den Herstellern wurde eine Frist bis zum Februar 2019 für Nacharbeiten eingeräumt. Die Erprobungen der nachgebesserten Waffen wurden nach modifizierter Planung im Herbst 2019 abgeschlossen und gut informierten Kreisen nach haben die Waffen beider Hersteller die geforderten Kriterien im zweiten Anlauf erfüllt.

Über potentielle Bewerber hüllte sich sowohl Bundeswehr als auch Teile der Industrie in Schweigen. Bekannt ist, dass SIG Sauer (SIG MCX) und Rheinmetall/Steyr (RS556) zwar ursprünglich ein Interesse an der Ausschreibung bekundet haben, aber schlussendlich aus unterschiedlichen Gründen nicht an dem Auswahlverfahren teilnahmen. Daneben soll auch Lewis Machine & Tool Company (LMT), ein US-amerikanischer Handwaffenhersteller, ebenfalls eine Interessenbekundung abgegeben aber nicht am Auswahlverfahren teilgenommen haben. Dem Vernehmen nach haben C.G. Haenel und Heckler & Koch Angebote eingereicht. Es gilt als wahrscheinlich, dass Haenel mit dem MK556 und Heckler & Koch mit dem HK416 und dem HK433 ins Rennen gegangen sind. Der Sprecher von Heckler & Koch hat bis jetzt nur in einem Interview mit einer regionalen Online-Zeitung bestätigt, dass das Unternehmen sich mit zwei Waffen um die G36-Nachfolge beworben hat.

Oktober 2019 wurde eine Beschaffungsentscheidung für das Ende des zweiten Halbjahres 2020 in Aussicht gestellt (wir berichteten). Im Mai 2020 wurde dann eine Verschiebung der Entscheidung in den Zeitraum Oktober/November 2020 bekannt.

Haenel als Produzent von Militär- und Behördenwaffen

Die C.G. Haenel GmbH, welche heute der Merkel Gruppe gehört, welche wiederrum im Besitz des arabischen Waffenherstellers Caracal International mit Sitz in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) ist, hat vor der Wiedervereinigung unter dem Namen VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ unter Anderem in Lizenz Kalaschnikow-Sturmgewehre für die Nationale Volksarmee der DDR und zahlreiche ausländische Kunden hergestellt. In jüngster Vergangenheit hat Haenel unter Anderem mehrere Polizeibehörden im In- und Ausland mit Mitteldistanzwaffen (Halbautomatische Sturmgewehre des Typs CR223) ausgestattet. Auch die Bundeswehr ist seit einigen Jahren Kunde. Die Bundeswehr führte 2016 für das Kommando Spezialkräfte sowie das Kommando Spezialkräfte der Marine das Scharfschützengewehr mittlerer Reichweite G29 im Kaliber .338 Lapua Magnum ein. Bei der Waffe handelt es sich um eine Variante der RS9 von C.G. Haenel. In der G29-Konfiguration verfügt die RS9 über eine Ilaflon-Beschichtung im Farbton RAL8000. Die Magazinkapazität beträgt zehn Patronen, die Reichweite liegt bei rund 1.500 Metern.

Update 15. September 2020

Weitere Einzelheiten hier: System Sturmgewehr Bundeswehr – Ausschreibung verzögert sich weiter

Waldemar Geiger und Jan-Phillipp Weisswange