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Ende letzter Woche kündigte Sergey Chemezov, Generaldirektor des russischen Rüstungskonzerns Rostec, die Ablösung des aktuellen Soldatensystems „Ratnik“ (Krieger) an. Ratnik soll ab 2025 durch das in Entwicklung befindliche „Sotnik“ (Führer einer Kosakenhundertschaft, angelehnt an den römischen Zenturio), ein Soldatensystem der dritten Generation, abgelöst werden. Bei Material und Konstruktion sollen neue Wege beschritten und zugleich die Erfahrungen aus der Nutzung der aktuellen Ausrüstung umgesetzt werden.

Die 2007 gegründete staatliche Gesellschaft Rostec liefert seit Ende 2014 die persönliche Ausstattung Ratnik der zweiten Generation an die russischen Streitkräfte, die im Wehrtechnischen Report „Soldat & Technik 2021“ näher vorgestellt wurde. Die auf Kriegsschauplätzen wie Syrien, der Ostukraine aber auch bei den zahlreichen Operationen im Kaukasus gewonnenen Erfahrungen fließen nun in die Entwicklung eines Soldatensystems der dritten Generation unter der Bezeichnung Sotnik ein. Schwerpunkt der Entwicklung ist offenbar die Steigerung des Schutzes bei gleichzeitiger Reduzierung der individuellen Last des Soldaten und Erhöhung der Mobilität. Dabei ist die genaue Ausgestaltung der persönlichen Ausrüstung und auch der Bekleidung nicht ganz klar. Rostec spricht von einem umfangreichen ballistischen Schutz gegen Splitter mit einer Geschwindigkeit von 670 m/s, welche sogar die Stiefel umfassen soll. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die russische Splittersimulation nicht mit der NATO STANAG 2920 vergleichbar ist und eine geringere Belastung für das Schutzelement darstellt. Zudem spricht der Hersteller nicht von einem V50 Beschuss, sondern scheinbar nur der maximalen Geschwindigkeit, bei der eine Penetration verhindert werden soll. Auch das Thema Trauma hinter dem Schutzpaket wird ausgeklammert. Daher ist es durchaus möglich, dass das Sotnik-System einen großflächigen Schutz dieser Dimension auch außerhalb eines klassischen Körperschutzes in Form von Platten bieten soll.

Wenig überraschend ist das gewählte Material für die Schutzkomponenten. Sergey Chemezov offenbarte die Verwendung von ultrahochmolekularem Polyethylen als Werkstoff. Polyethylen wird seit geraumer Zeit sowohl für weichballistische Einlagen, als auch in Form von Plattenmaterial im Bereich Körperschutz, aber auch z.B. bei Fahrzeugen verwendet und hat im Gegensatz zu Aramid ein leichteres Flächengewicht bei gleicher Schutzleistung. Als Nachteil sind eine erhöhte Temperaturempfindlichkeit und ein schnellerer Alterungsprozess bekannt.

Neben den erwähnten Elementen arbeitet Rostec auch an einem neuen Helm und Schutzbrille. Diese sollen neben dem ballistischen Schutz auch die Integration von modernen Kommunikations- und Führungssystemen, sowie auch die Einbindung und Steuerung von Kleinst-UAVs ermöglichen. Die angesprochene Digitalisierung des Sotnik-Satzes könnte z.B. auch auf die Einbettung von Augumented-Reality-Systemen hindeuten. Nicht zuletzt sei angemerkt, dass neben den bereits erwähnten Funktionen ein weiterer Schwerpunkt der Entwicklung im Bereich der Signaturreduzierung liegt. So soll die persönliche Ausstattung des russischen Soldaten der Zukunft eine deutliche Reduzierung der IR-Signatur ermöglichen. Zudem wird im Verbund mit den Entwicklern von TsNIITochMash und Roselectronics an einem digitalisierten und adaptiven Tarnanzug gearbeitet, welcher sich durch elektrische Spannung gesteuert Farbgebung und Lichtverhältnissen der Umgebung anpassen kann.

Die Pläne von Rostec erscheinen recht ambitioniert, auch wenn einzelne Komponenten wie die Verwendung von ultrahochmolekularem Polyethylen im Bereich des Körperschutzes bereits seit vielen Jahren marktüblich sind. Es ist daher abzuwarten, ob der russische Staatskonzern seinen straffen Zeitplan einhalten kann. Dies wird nicht zuletzt an den fiskalen Möglichkeiten der russischen Streitkräfte liegen.

Kristóf Nagy