Print Friendly, PDF & Email

Seit Montagnacht führt die Bundeswehr seit nunmehr vier Tagen in Folge eine militärische Evakuierung von Zivilisten in Afghanistan durch. Am vierten Tag der deutschen Evakuierungsmission wurden nach Angaben der Bundeswehr über 745 Personen, und damit mehr als an den jeweiligen Tagen zuvor, aus Kabul ausgeflogen. Die Gesamtanzahl der durch die Bundeswehr Evakuierten summiert sich somit auf über 1.640 Menschen. Darüber hinaus sollen „zwei kleinere, bewegliche Hubschrauber“ der Bundeswehr in den Einsatzraum verlegt werden, wie Johann Wadephul in der ZDF-Sendung Maybritt Illner am Donnerstagabend ankündigte. Wadephul ist der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und unter anderem Mitglied des Verteidigungsausschusses sowie des Auswärtigen Ausschusses des deutschen Bundestages.

Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos wollte dies auf Anfrage der Soldat & Technik heute morgen nicht bestätigen und verwies darauf, dass das Einsatzführungskommando der Bundeswehr keine Aussagen zu Kräften und Mitteln herausgibt. Eine Antwort des Bundesministerium für Verteidigung steht noch aus.

Update: Das Verteidigungsministerium bestätigte mittlerweile öffentlich, dass zwei H145M nach Kabul verlegt werden. Mehr dazu im folgendem gesonderten Beitrag: H145M LUH SOF – Bundeswehr verlegt Spezialkräftehubschrauber nach Kabul

Ob und wann die Hubschrauber nach Kabul verlegt werden sollen, geht aus seinen Aussagen nicht hervor. Auch das Hubschraubermuster hat Wadephul nicht konkretisiert. Die Bundeswehr fliegt den Flughafen in Kabul derzeit nur mit Transportmaschinen des Typs Airbus A400M an. Diese Flugzeuge können theoretisch nur die leichten Spezialkräftehubschrauber des Typs H145M LUH SOF transportieren. Ende März verlegten drei dieser Hubschrauber per Airbus A400M nach Afrika, S&T berichtete.

Dieser Hubschraubertyp ist sehr wendig und verfügt jedoch nur über eine sehr begrenzte Transportkapazität. Für die Verlegung von mittleren Transporthubschraubern des Typs NH90 nach Kabul, welche etwa drei bis vier Mal so viel Transportkapazität wie die H145M haben, wäre man auf die Unterstützung mit Flugzeugen der Verbündeten, beispielsweise C17 der US-Streitkräfte, oder ziviler Antonov-Maschinen angewiesen. Denkbar wäre auch eine Verlegung der NH90-Hubschrauber in die Nähe Afghanistans mit Transportflugzeugen und anschließendem Weiterflug der Hubschrauber nach Kabul.

Um einen dauerhaften Flugbetrieb der Hubschrauber über Tage hinweg zu gewährleisten, müsste sicherlich auch zusätzliches Material sowie Personal nach Kabul verlegt werden. Derzeit sind die US-Streitkräfte die einzigen, die über Hubschrauber in Kabul verfügen. Diese werden derzeit jedoch nicht eingesetzt, da die USA nach aktuellem Sachstand keine Menschen außerhalb des Flughafens evakuieren.

Sollten die Hubschrauber tatsächlich ins Einsatzland verlegt werden, würden diese der Bundeswehr die Möglichkeit eröffnen, zu evakuierende Menschen per Luftweg an den Flughafen zu bringen. Derzeit werden durch die Bundeswehr nur diejenigen evakuiert, die es aus eigener Kraft zum Flughafen schaffen. Dafür müssen die Menschen sowohl Kontrollen der Taliban als auch die Menschenmengen vor den Zugängen des Flughafens überwinden. Erst dann können sie überhaupt erst nachweisen, dass sie evakuierungsberechtigt sind.

Eine Abholung von Menschen an Sammelpunkten außerhalb des Flughafens, wie es beispielsweise die Briten oder Franzosen machen, wird durch die Bundeswehr derzeit nicht durchgeführt. Brigadegeneral Jens Arlt, der derzeitige militärische Führer des Evakuierungseinsatzes der Bundeswehr in Kabul, verwies gestern während einer Schalte mit deutschen Pressevertretern darauf, dass mehrere Aspekte eine Abholung von Menschen außerhalb des Flughafens erschweren. Neben der derzeit kritischen Sicherheitslage – es fallen beispielsweise immer wieder Schüsse -, würden auch verstopfte Straßen und Zugänge eine Rückkehr in den gesicherten Bereich des Flughafens erschweren.

Die britischen und französischen Operationen sind nach Aussagen der jeweiligen Regierungsvertreter nach Absprachen mit den Taliban erfolgt.

Eigene Hubschrauberkapazitäten in Kabul böten im Bedarfsfall auch weitere Optionen. Sollte sich die Sicherheitslage im Land weiter zuspitzen, stünden den vor Ort befindlichen Soldaten des Kommandos Spezialkräfte entsprechende Verbringungsmittel für Einsätze zur Verfügung.

Deutsche Evakuierungsflüge am Donnerstag

Der erste deutsche Evakuierungsflug am Donnerstag erfolgte am Nachmittag und brachte über 230 Personen aus Kabul heraus, ein Rekordwert für die A400M, die eigentlich nur für einen Transport von 114 Personen zugelassen ist. Der Transport ist nur deshalb möglich, weil der für die Luftsicherheit zuständige General nach Angaben der Luftwaffe „alle Beschränkungen, wie Anzahl der mitzunehmenden Personen, Anschnallpflicht, Sitzplätze etc. für diesen Einsatz aufgehoben“ hat.

Die Flüge zwei und drei erfolgten am Abend, dabei konnten über 150 Personen im zweiten sowie 184 Personen im dritten Flug ausgeflogen werden.

In der Nacht erfolgte der vierte Evakuierungsflug, bei dem 181 Menschen aus Kabul ins usbekische Taschkent gebracht werden konnten. Die Bundeswehr hat dort ein Drehkreuz eingerichtet, von wo aus die Menschen in gecharterten Maschinen der Lufthansa weiter nach Deutschland verbracht werden.

Somit wurden am vierten Evakuierungstag über 745 Personen aus Kabul ausgeflogen, im Gesamtverlauf der letzten Tage haben die deutschen Streitkräfte nach eigenen Angaben 1.649 Menschen aus 38 Nationen aus Afghanistan evakuiert.

Unsere weitere Berichterstattung zu dem Thema finden sie hier:

Militärische Evakuierung in Afghanistan: Zusammenfassung 5. Tag

Unsere vorherige Berichterstattung zu der militärischen Evakuierungsmission der Bundeswehr in Afghanistan:

Waldemar Geiger