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Seit Mai vergangenen Jahres ist die U.S. Army mit einer umfassenden Marktsichtung für eine schultergestützte Waffe mit erweitertem Wirkspektrum befasst. Ziel ist die Beschaffung eines neuen schultergestützten Wirkmittels, das eine Vielzahl von Gefechtsaufgaben in einem System abdeckt. Verantwortlich für das Projekt, in dem das US-Heer eigenen Angaben zufolge neue Wege gehen will, ist die Abteilung Project Manager Close Combat Systems (PM CCS), Teil des Joint Program Office der U.S. Army, in Zusammenarbeit mit dem U.S. Army Contracting Command – New Jersey (CCNJ).

Mit dem klaren Ziel, Kosten im Bereich Ausbildung, Logistik und Lebenszyklus zu reduzieren und die Letalität zu erhöhen, plant das CCNJ die Ablösung von aktuell drei bis vier Systemen mit der zu schaffenden „XM919 Individual Assault Munition“. Das technologisch anspruchsvolle Ziel ist die Vereinigung der Fähigkeiten dieser Waffen in einem einzigen schultergestützten System. Konkret geht es dem PM CCS um die Ablösung der Panzerabwehrhandwaffen der Typen M72 Light Anti-Armor Weapon, M136 AT4 Light A und M136A1 AT4 Confined Space, sowie der gegen Feldbefestigungen entwickelten M141 Bunker Defeat Munition, wie der Programmverantwortliche in einem Beitrag auf der Website der U.S. Army erläutert.

Die Liste der Systeme zeigt, dass neben einer hohen Spreng- und Splitterwirkung auch die Fähigkeit zum Durchschlagen von Fahrzeugpanzerungen einen Schwerpunkt der Anforderung bildet. Zudem sollen die Eigenschaften des aktuellen M136A1 AT4 Confined Space einfließen und das Verschießen der neuen Munition auch aus Kampfständen und Räumen ohne Gefährdung möglich sein.

Die Herausforderung besteht darin, diese Vorgaben in einem System bzw. Gefechtskopf zu vereinen, da sich bestimmte Aspekte diametral gegenüberstehen. So hat beispielsweise ein klassischer Hohlladungsgefechtskopf eine sehr eingeschränkte Spreng-/Splitterwirkung.

Im Bereich der vertraglichen Ausgestaltung beabsichtigt das US-Heer laut eigener Aussage nicht nur die Lieferung der Systeme zu berücksichtigen, sondern auch die Rechte an dem zukünftigen System zu erwerben.

Konkret geht es um den Kauf eines Technologiepaketes, welches an unterschiedliche Auftragnehmer vergeben werden kann. Dadurch soll das Risiko minimiert werden und die Kontrolle über den Vorgang bei den Streitkräften verbleiben. Zudem ist durch einen Vergabewettbewerb auch Einsparungspotenzial auf Seiten des Auftragsgebers vorhanden. Ein Offset oder die Beteiligung amerikanischer Unternehmen an Entwicklung und Wertschöpfung wird indes nicht explizit gefordert. Interessant ist, dass das U.S. Army Contracting Command auch eine eigene Entwicklung anbietet, welche allerdings noch zur Serienreife gebracht werden muss. Wie weit fortgeschritten diese vom Picatinny Arsenal geführte Entwicklung tatsächlich ist, kann zurzeit nicht bewertet werden.

Mit dem Programm vertrauten Insidern zufolge soll insbesondere die Anforderungen hinsichtlich Leistung und Gewicht recht anspruchsvoll sein, die Anforderung an die Reichweite des Systems soll dagegen vergleichsweise gering ausfallen. Dem Vernehmen nach soll das angestrebte Gewicht des Wirkmittels bei knapp 7,5 kg liegen.

In der kommenden Phase wird das Vorhaben auf die grundsätzliche technische Machbarkeit geprüft. Aktuell werden drei technologisch als reif betrachtete Lösungen geprüft. Wer die Anbieter sind hat die U.S. Army zwar nicht mitgeteilt, es ist aber zu vermuten, dass es sich um Systeme von Dynamit Nobel Defence (DND), Saab und Nammo handelt. Gerade die unlängst bekanntgegebene Kooperation zwischen DND und General Dynamics Ordnance and Tactical Systems könnte ein Signal für die Teilnahme des deutschen Spezialisten für schultergestützte Systeme an dem Programm sein.

Branchenkenner vermuten, dass im Laufe des Prozesses die Programmverantwortlichen unter Umständen Abstriche in Bezug auf Leistung oder Gewicht machen könnten. Vorgesehen ist, dass neben einem Truppenversuch auch ein Industrie-Workshop abgehalten wird, um den Austausch mit den aktuellen Lieferanten zu gewährleisten.  Basierend auf den Ergebnissen der Marktsichtung plant die U.S. Army, mit dem finalisierten Lastenheft in eine Ausschreibung zu gehen, welche in ein bis zwei Jahren zu erwarten ist.

Kristóf Nagy