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Vor kurzem haben Vertreter von Militär und Medien die neueste Version der von Krauss-Maffei Wegmann (KMW) entwickelten Radhaubitze RCH 155 – RCH steht für Remote Controlled Howitzer – im scharfen Schuss aus der Bewegung auf dem Truppenübungsplatz Klietz erleben können. In der vergangenen Woche hat das Unternehmen auf der Rüstungsmesse DSEi in London weitere Details zu den einzigartigen Fähigkeiten des Artilleriesystems enthüllt, welche unter anderem dazu führen, dass mit herkömmlicher Munition eine deutlich höhere effektive Reichweite erreicht werden kann als mit herkömmlichen Artilleriesystemen.

Die Haubitze schießt nicht nur in der Bewegung, sondern trifft auch. Die RCH 155 erreicht dabei eine „vergleichbare Streuung, wie während dem Schuss aus dem Stand heraus“, erläuterte Anton Achmüller auf der DSEi im Gespräch mit Soldat & Technik. Der für den Vertrieb von Artilleriesystemen zuständige KMW-Manager betont, dass bei einer unzureichenden Präzision die Übungsplatzkommandantur der Bundeswehr die Schießfreigabe zwangsläufig verweigert hätte.

Laut KMW stellen die Rückstoßkräfte von bis zu 60 Tonnen, bei höchster Ladung für das Fahrmodul des Boxers auch während der Fahrt kein Problem dar. Die Radhaubitze ist so ausgelegt, dass sie im kompletten Wirk- und Richtbereich mit der höchsten Ladung uneingeschränkt schießen kann. Die Fähigkeit zum Feuern aus der Bewegung ist einzigartig auf der Welt und wurde seitens der KMW-Ingenieure aus der Funktionsweise von Stabilisierungsanlagen, wie sie in Kampf- und Schützenpanzern verwendet werden, abgeleitet. Dabei kalkuliert ein Rechner ständig die aktuelle Lage des Fahrzeuges und des Rohres. Weicht die Rohrrichtung vom errechneten Zielpunkt ab, wird nachgesteuert. Nur wenn die Waffe exakt auf das Ziel gerichtet ist, löst der Rechner den Schuss aus.

Die Besatzung ist dafür verantwortlich, dem System nur dann einen Feuerauftrag zu erteilen, wenn in unmittelbarer Nähe keine Hindernisse sind, die die Flugbahn der Granate behindern könnten. Dabei wird die Besatzung z.B. durch das von Hensoldt entwickelte 360-Grand-Rundumsichtsystem Setas unterstützt. Setas ermöglicht der Besatzung eine effektive Nahfeldbeobachtung. Hindernisse, Bedrohungen und andere Gefahren können schnell erkannt und Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Dies entlastet nicht nur die Besatzung, sondern trägt auch zu deren Überlebensfähigkeit in Duellsituationen bei.

KMW-Manager Achmüller hebt neben der Befähigung zum Schießen in der Bewegung auch auf die Hunter-Killer-Fähigkeit des Waffensystems hervor. Die Stabilisierung der Waffenanlage sowie der für Radhaubitzen vergleichsweise große Richtbereich der Kanone (360 Grad) ermöglichen den Waffeneinsatz im direkten Richten. Die Hunter-Killer-Fähigkeit dient dabei der Selbstverteidigung. Sie ermöglicht es der Besatzung in Duellsituationen parallel erkannte Ziele zu bekämpfen und weitere, das Fahrzeug bedrohende Ziele aufzuklären. Während das Fahrzeug automatisiert eine vorher aufgeklärte Bedrohung automatisiert bekämpft, kann der Kommandant bereits weitere Gegner aufklären und die Bekämpfung einleiten.

Die RCH 155 wird aufgrund des hohen Automatisierungsgrades nur von zwei Soldaten, dem Kommandanten und dem Kraftfahrer/ Systembediener, bedient. Der Kommandant kann über die Optronik der integrierten Fernbedienbaren Waffenstation (FLW) und des Setas potenzielle Ziele und Gefahren im gesamten Sichtbereich aufklären und im Bedarfsfall eine Zielauffassung vornehmen. Ist ein potenzielles Ziel aufgeklärt betätigt der Kommandant auf Knopfdruck den Einsatz der Artilleriekanone, der Rest erfolgt automatisiert. Das System richtet, lädt und feuert selbstständig. Wenn notwendig kann der Kommandant in der Zwischenzeit mit der Waffenanlage der FLW den Feuerkampf aufnehmen und das Ziel niederhalten, blenden oder weitere Ziele für Folgeschüsse aufklären.

RCH 155 mit scharfen Schuss aus der Bewegung auf dem Truppenübungsplatz Klietz. (Video: KMW)

Angesprochen auf die Kosten für diese erweiterten Fähigkeiten deutet der KMW-Manager darauf hin, dass dies hochgeschützte Artilleriesystem sich preislich in einem sehr wettbewerbsfähigen Rahmen befindet, auch im Vergleich zu andern Radsystemen mit nur teilweise gleichwertigen Fähigkeiten. Mit dem Vorteil, dass die RCH 155 ohne Stützbeine schießen kann, was nicht nur einen schnellere Feuereröffnung ermöglicht, sondern auch die Fähigkeit in Duellsituationen bestehen zu können mitsichbringt.

Taktische bzw. effektive Reichweite

Achmüller betont, dass sowohl das Schießen während der Fahrt als auch die Hunter-Killer-Fähigkeit „keine technischen Spielereien“ seien. Beide dienten dazu, das Schutzniveau sowie die Mobilität des Systems im Vergleich zu anderen Haubitzen, die bereits auf dem Markt sind oder noch entwickelt werden, zu steigern. Dies könnte, wenn der Nutzer es für zweckmäßig erachtet, in eine höhere effektive Reichweite überführt werden.

RCH 155 bei der Demonstration der Hunter-Killer-Fähigkeit im scharfen Schuss. (Video: KMW)

Klassische Artilleriesysteme, egal ob auf Rad, Kette oder gezogen, kommen mit einem 52-Kaliberlängenrohr mit herkömmlicher, nicht reichweitengesteigerter Munition auf Schussdistanzen von rund 30 bis 40 Kilometern. Diese Werte sind jedoch ausschließlich theoretischer Natur, da sich Artilleriesysteme nicht an der vordersten Front befinden, sondern aus Feuerstellungsräumen im rückwertigen Raum operieren. Die Entfernung zur FLOT (Forward Line of Own Troops) beträgt in den westlichen Streitkräften üblicherweise 1/3 der Reichweite, um nicht aufgeklärt und bekämpft zu werden. Gegnerische Einsatzdoktrinen sehen ähnliche Taktiken vor. Effektiv können solche Systeme also nur 20 bis 27 Kilometer in den feindlichen Raum wirken. Um die Reichweite der Artillerie zu steigern, werden daher reichweitengesteigerte Munitionssorten, wie beispielsweise Topcharge- Treibladungen, Basebleed-Munitionssorten oder Granaten mit raketenunterstütztem Antrieb entwickelt und eingesetzt.

Der hohe Schutz- und Mobilitätsfaktor der RCH 155 bietet zusätzliche Reichweitenvorteile, indem das Waffensystem näher an der FLOT eingesetzt werden könnte. Der Nutzer hätte so die Wahlmöglichkeit, die Vorteile reichweitengesteigerter Munitionssorten auch mit klassische Munition zu erreichen. Dies wird mittels Erhöhung der taktischen Reichweite erreicht, indem die RCH 155 näher an die FLOT operieren könnte. Dann könnte die Artillerie auch mit klassischer Munition weiter in den feindlichen Raum wirken. Alternativ könnten reichweitengesteigerte Munitionssorten genutzt werden, um Reichweitenvorteile gegenüber der gegnerischen Artillerie zu erzielen.

Aufwuchspotenzial vorhanden

KMW hat bei der Realisierung einen Weiterentwicklungsbedarf der Haubitze mit eingeplant und die RCH 155 deshalb so konstruiert, dass genügend Aufwuchspotenzial vorhanden ist. Nach Aussage von Achmüller ist die Radhaubitze soweit automatisiert, dass auch ein unbemannter Einsatz des Systems mit geringen Anpassungsentwicklungen möglich wäre. Denkbar ist ein bemanntes Leit- und Kontrollfahrzeug, welches dann einen unbemannten Geschützzug steuert. Feindliche Gegenschläge würden bei dem Konzept nur Technik aber keine Soldaten gefährden. Der bereits im Grunddesign des Systems angelegte Automatisierungsgrad bildet die Grundlage für diese potenzielle Zukunftsfähigkeit.

Andere Funktionen könnten früher realisiert werden. So ist es denkbar, dass mehrere Haubitzen nach dem Prinzip einer elektronischen Deichsel während eines Landmarsches einander folgen. Die Besatzungen könnten sich währenddessen ausruhen oder andere Funktionen wahrnehmen.

Auch im Bereich der Wirkung soll die RCH 155 über ausreichend Reserven verfügen. Ein Austausch der Waffenanlage durch ein neues, leistungsgesteigertes System wäre nach Auffassung von KMW machbar. Das Boxer-Fahrgestell bietet genug Potenzial, um sowohl zusätzliches Gewicht als auch potenziell stärkere Rückstoßkräfte aufnehmen zu können.

Grundvoraussetzung für eine Weiterentwicklung ist jedoch die eindeutige Entscheidung eines Kunden, in welche Richtung weiterentwickelt werden soll sowie die vorherige Implementierung der dafür notwendigen regulatorischen Voraussetzungen, insbesondere im Bereich des unbemannten Einsatzes und der Teilnahme von solchen Fahrzeugen am Straßenverkehr.

RCH 155

Die RCH 155 hat nach Aussage von Achmüller den Reifegrad eines marktverfügbaren Vorserienmodells erreicht. Dies bedeutet, dass ein potenzieller Kunde nur noch bestimmen muss, welche kundenspezifischen Subsysteme – beispielsweise Funkausstattung – integriert werden soll, dann könnte die Radhaubitze in die Streitkräfte eingeführt werden. Über mögliche Kunden wollen weder der Manager noch das Unternehmen sprechen. Es ist jedoch öffentlich bekannt, dass neben der Bundeswehr auch das Vereinigte Königreich – beides Boxer-Nutzernationen – sowie die Schweiz an Ausschreibungen für Radhaubitzen arbeiten.

Das Grundkonzept der RCH 155 hat KMW bereits vor mehreren Jahren entwickelt. Bei der jüngst vorgestellten Haubitze handelt es sich aber um eine neue Version des Systems. Der maßgebliche optische Unterschied der neuen Version ist ein deutlich niedrigerer Waffenturm. Die niedrigere Silhouette ermöglicht einen einfacheren Bahntransport. Darüber hinaus ist auch eine Lufttransportfähigkeit im A400M gegeben, dazu muss das Geschütz- / Missionsmodul, wie bei den anderen Boxerversionen auch, separat von Fahrzeugmodul transportiert werden.

Der Remote Controlled Howitzer 155 mm kombiniert das von KMW entwickelte Artillery Gun Module (AGM), ein vollautomatischer Geschützturm mit einer aus der Panzerhaubitze 2000 bekannten Waffenanlage 155 mm/L52, mit dem Fahrzeugmodul des Radpanzers Boxer. Die Feuergeschwindigkeit beträgt mehr als acht Schuss pro Minute.

In das AGM wurde ein vollautomatisches Ladesystem für Geschosse und modulare Treibladungen integriert. Die Zünder werden im Ladevorgang induktiv programmiert, die Waffenanlage elektrisch gerichtet. Die Kampfbeladung besteht aus maximal 30 bezünderten Geschossen und 144 modularen Treibladungen und damit rund 50 Prozent mehr, als es typische, auf LKW basierte und im Einsatz befindliche Artilleriesysteme haben.

Der Feuerkampf wird durch einen Feuerleitrechner mit integriertem Ballistikrechner und Datenfunk-Anbindung zu einem Artillerieführungssystem unterstützt, der auf eine hochgenaue Navigationsanlage, mit oder ohne GPS-Unterstützung, zurückgreift.

Der Turm kann ohne Fahrzeugabstützung um 360 Grad gedreht werden. Die Elevation des Rohres von -2,5 bis 65 Grad erlaubt den Feuerkampf sowohl auf große Entfernung als auch im direkten Richten auf nahe Ziele. Die Nutzung endphasengelenkter Geschosse wie Vulcano oder Excalibur ist vorgesehen.

Waldemar Geiger