StartAusrüstung & BekleidungSchutz-Mobilitäts-Verhältnis bei persönlicher Schutzausrüstung entscheidend

Schutz-Mobilitäts-Verhältnis bei persönlicher Schutzausrüstung entscheidend

Waldemar Geiger

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Die persönliche Schutzausstattung des Soldaten entscheidet maßgeblich über seine Überlebensfähigkeit im Gefecht. Die Lindnerhof-Taktik GmbH, ein Ausstatter der Bundeswehr sowie zahlreicher weiterer Bundes- und Landessicherheitsbehörden mit taktischer Trage- und Schutzausstattung, hat sich seit der Firmengründung vor knapp 16 Jahren dem Ziel verschrieben, eine möglichst leichte und modular aufgebaute Ausrüstung zu entwickeln und zu fertigen, die dem Nutzer einen Vorteil im Einsatz verschafft.

Im Fokus der Entwicklung liegt der Plattenträger. Dieser dient als Basis für eine modulare Schutzausstattung, die angepasst an die jeweilige Bedrohungsanalyse des Trägers bis zu einer Vollschutzweste inklusive Oberarm-, Oberschenkel-, Kehlkopf- und Tiefschutz modular hochskaliert werden kann.

„Lindnerhof-Taktik hat sich der Modularität und Gewichtsreduktion verschrieben“, sagt Jakob Kolbeck im Gespräch mit Soldat & Technik. Kolbeck, der selbst Kommandosoldat war und seit nunmehr vier Jahren Geschäftsführer der Lindnerhof-Taktik GmbH (LHT) ist, verweist darauf, dass die LHT-Produkte insbesondere für Nutzer aus militärischen und behördlichen Spezialkräften entwickelt werden, die „100 g weniger Ausrüstungsgewicht wertschätzen, weil es sie schneller macht“. Dies gibt den Nutzern unter Umständen den notwendigen Mobilitätsvorteil, um in der jeweiligen taktischen Lage einen Vorteil gegenüber dem Gegner zu haben.

Kolbeck verweist auf die Bedeutung eines auf den Auftrag abgestimmten Schutz-Mobilitäts-Verhältnisses. Dafür muss eine zweckmäßige Ausrüstung – damit verbunden auch ein auf das missionsspezifische Bedrohungsniveau abgestimmtes Schutzpaket – mehrere Aspekte erfüllen. Die einzelnen Ausrüstungsstücke müssen modular aufgebaut und miteinander kombinierbar sein. So kann bei Bedarf ein einfacher Plattenträger zu einer Vollschutzweste aufgerüstet werden, indem einzelne Schutzelemente, wie beispielsweise ein Weichballistikpaket, ergänzt werden. Dadurch wird der Träger dann nicht nur im Bereich der Platte vor Handwaffenbeschuss geschützt, sondern erhält auch einen Splitterschutz der seitlichen Oberkörperpartie.

Zwingend notwendig ist Kolbecks Ansicht nach auch eine Abstimmung der Schutzausrüstung auf die Kampfbekleidung des Nutzers, wenn deren Funktionalität gewährleistet werden soll. „Der Plattenträger ist der natürliche Feind des Combat-Shirts“ macht Kolbeck deutlich. Combat-Shirts sind so konzipiert, dass sie das Körperklima des Trägers regulieren und diesen so vor Überhitzung schützen. Die Nutzung des Plattenträgers konterkariert dies jedoch in dem Maße, dass in den Bereichen, in denen die Plattenträger auf dem Körper anliegen, keine effektive Körperklimaregulierung stattfinden kann. Um diesem Umstand zu begegnen, sind die Lindnerhof-Plattenträger der neuesten Generationen so konzipiert, dass sie im Innenbereich eine modulare Anbringung von  Polsterelementen erlauben. Diese sorgen dafür, dass Feuchtigkeit vom Körper abgeführt wird und eine Ventilation stattfinden kann. Andererseits tragen sie dazu bei, dass das Combat-Shirt-Material nicht durch das robustere Material, aus dem Plattenträger üblicherweise gefertigt werden,  unnötig schnell verschlissen wird. Schlussendlich bieten die modularen Polster dem Träger einen Komfortgewinn, indem diese Druck- und Scheuerstellen am Körper verhindern.

Schutz-Mobilitäts-Verhältnis

Darüber hinaus muss die Ausrüstung so leicht wie möglich sein, damit ein gutes Schutz-Mobilitäts-Verhältnis für den Nutzer sichergestellt werden kann. Erreicht wird dies dadurch, dass das Unternehmen bei der Entwicklung und Herstellung seiner Ausrüstung auf so genannte Laminate zurückgreift, welche gegenüber klassischen Oberstoffen – zum Beispiel Cordura mit angebrachten Gurtbändern – Gewichtsvorteile mit sich bringen. „Laminate sind verschiedene Oberstoffe, die mit einer Klebetechnik miteinander verbunden werden“, erklärt der Geschäftsführer von Lindnerhof-Taktik. Dadurch können die unterschiedlichen positiven Eigenschaften der einzelnen Stoffe kombiniert und so eine genaue Funktion des Laminats definiert werden. Als Ergebnis erhält man Materialien, die bezogen auf das Materialgewicht eine sehr hohe Festigkeit aufweisen. Darüber hinaus können in das Material mittels Lasern Löcher geschnitten werden, ohne dass diese schnell ausfransen. So kann auch auf das Aufnähen von Gurtbändern – üblicherweise notwendig für das flexible Anbringen von Ausrüstungstaschen auf Plattenträgern und Westen (MOLLE bzw. PALS) – verzichtet werden, was weitere Gewichtsvorteile mit sich bringt. Und die Gewichtsvorteile sind nicht unerheblich. Kolbeck gibt an, dass mittels Rückgriff auf Laminate der neuesten Generation die jüngst vorgestellten Versionen von Kampfgürteln im Vergleich zu früheren Ausführungen – hergestellt aus Cordura mit Gurtbändern – rund 50 Prozent leichter ausgefallen ist, ohne dass auf Funktionalität verzichtet werden musste.

Kolbeck macht gleichzeitig deutlich, dass Gewichtsreduktion zwar im Fokus seines Unternehmens steht, aber keinen Selbstzweck darstellt. Es werde deshalb nicht das Ziel gesetzt, beispielsweise einen Plattenträger mit einem fest bestimmten Leergewicht zu entwickeln. Bei der Entwicklung einer neuen LHT-Produktlinie oder -Produktgeneration wird im ersten Schritt immer erst die Funktionalität und im Anschluss das Design definiert. „Das Ergebnis ist dann das Produkt, beispielsweise der MX_244 – ein Plattenträger mit 450 Gramm Leergewicht“, erklärt Kolbeck.

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Der Rückgriff auf moderne Laminate und Produktionsverfahren erlauben bereits heute eine Herstellung von taktische Ausrüstungsgegenständen wie beispielsweise dem LT562-Kampfgürtel, die im Vergleich zu früheren Ausführungen – hergestellt aus Cordura mit Gurtbändern – rund 50 Prozent leichter ausgefallen. (Foto: Lindnerhof-Taktik)

Ein weiterer Vorteil von Laminaten ist die fehlende Wasseraufnahmefähigkeit. Dadurch, dass die einzelnen Oberstoffe mittels Kleber versiegelt werden, nimmt das Material weniger Feuchtigkeit als herkömmliche Oberstoffe auf. Die Ausrüstung wird deshalb nicht schwerer, wenn sie im Regen oder im maritimen Umfeld mit Wasser in Berührung kommt. Daher nutzen insbesondere maritime Kräfte bevorzugt Ausrüstungsgegenstände aus Laminaten.

Um diese High-Tech-Laminate zu entwickeln, arbeitet Linderhof-Taktik Kolbecks Ausführung nach mit exklusiven Entwicklungs- und Fertigungspartnern zusammen. Die in den LHT-Produkten verwendeten Laminate stehen somit Wettbewerbern nicht zur Verfügung. In der Branche wohl die einzige Möglichkeit, sich einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz zu erarbeiten, wo zweckmäßige Formen und Schnitte schnell kopiert und ins eigene Sortiment übernommen werden.

Diese Laminate haben natürlich auch ihren Preis. Kolbeck verweist darauf, dass alleine die Beschaffung der Rohstoffe vier bis fünf Mal so teuer wie klassische Oberstoffe. Auch die Produktion ist aufwendiger, da für die Verarbeitung der Materialien nicht nur einfache Scheren, sondern ein spezieller Maschinenpark von Lasercuttern notwendig ist.

Die leichtere Zukunft

Kolbeck sieht das Entwicklungspotenzial von Laminaten, die dem Entwicklungspfad der Textilindustrie entspringen, als weitgehend ausgereizt. Seiner Ansicht nach sollten zukünftige Laminate „die Dicke und das Gewicht von Klarsichtfolie aufweisen und doppelt so reißfest wie aktuelle Laminate“ sein, um eine wirkliche Innovation vorweisen zu können. Damit dies gelingt, müsste man den Blick auf andere Industrien wenden. Welche das sind, will er jedoch nicht verraten.

Gegenwärtig gibt es aber noch Optimierungspotenzial mit bestehenden Materialgenerationen, indem auf unnötiges Gewicht verzichtet wird. So kostet Modularität nicht nur Geld, es kostet auch Gewicht – teilweise zehn Prozent und mehr. Teilweise ist Modularität gar nicht gefordert. Als Beispiel führt Kolbeck Magazintaschen auf. „Wenn fast 95 Prozent der Nutzer eh drei Einzelmagazintaschen nebeneinander anbringen, kann man auch gleich eine Dreier-Mag-Pouch nutzen“. Diese bringt dann Gewichtsvorteile mit sich, weil die Anzahl der Befestigungen reduziert und damit Gewicht eingespart wird.

Diesen Gedankengang kann man weiter extrapolieren, indem spezifische Rollen betrachtet werden, für die dann eine spezifisch abgestimmte Sonderlösung angeschafft wird. Als Beispiel nennt Kolbeck die Scharfschützen. Im Einsatz bewegen sich diese fast ausschließlich mit einem Rucksack. Wenn also die Bedrohungsanalyse eines Einsatzes ergeben hat, dass ein Plattenträger notwendig ist, dann würde der Scharfschütze üblicherweise den Rucksack über dem Plattenträger tragen. Kolbecks Ansicht nach wäre auch eine leichtere Variante möglich, ohne dass auf Schutz verzichtet werden müsste. Ist der Plattenträger beispielsweise so aufgebaut, dass der vordere vom hinteren Teil getrennt werden kann, kann der Scharfschütze nur den vorderen Teil des Plattenträgers in Verbindung mit dem Einsatzrucksack tragen. Die hintere Platte wird dann aus dem Plattenträger herausgenommen und in einem spezifischen Fach im Rucksack verstaut. Die Voraussetzung dafür ist freilich eine aufeinander abgestimmte und modular kombinierbare Ausrüstung. Das Resultat wären einige 100 Gramm Gewichtersparnis, die mit der bereits vorhandenen Technologie und marktverfügbaren Produkten möglich sind.

Smart Textiles

Langfristiges Potenzial sieht Kolbeck auch im Bereich der so genannten Smart Textiles. Diese Technologien sind seiner Ansicht nach potenziell dazu geeignet, den heutigen „Kabelsalat“ an den Schutzwesten zu eliminieren. Denkbar wäre die Nutzung von leitfähigen Schichten in den Laminaten, die dann Funkgeräte und Push-to-Talk-Geräte kabellos miteinander verbinden könnten. Auch dies könnte unter Umständen die Ausrüstung leichter machen.

Derzeit sei diese Technologie jedoch nicht in der Verwendung, da keine konkreten Kundenaufträge vorliegen. Als Grund dafür sieht Kolbeck unter anderem die fehlende Standardisierung. Damit sich die Technologie auf diesem Anwendungsfeld durchsetzen kann, müssten sowohl standardisierte Schnittstellen sowie Verbindungspunkte an der Weste definiert werden. „Ich kann es bauen“, sagt Kolbeck, „ich muss aber ganz genau wissen, was, wo und wie angebracht werden muss“.

Ähnlich wie bei der Ladekabelproblematik von mobilen Telefonen, herrscht auch auf dem Feld der taktischen Funkperipherie eine gewisse Heterogenität. Hier müsste seiner Meinung nach erstmal eine Standardisierung definiert werden, damit sich diese Technologie auch in Produkten auswirken kann. Anders wäre beispielsweise auch eine Interoperabilität einzelner Subsysteme untereinander nicht zu gewährleisten.

Für Lindnerhof-Taktik, wo Kolbecks Aussage nach „keine Abwehrspannung gegen dieses Thema“ herrscht, wäre die Implementierung solcher Technologien im Endeffekt mit einer Entwicklung zu einem Systemhaus verbunden. In solch einem Fall müsste ein Unternehmen als Entwickler und Hersteller von Textilprodukten am Ende auch für die korrekte Funktion von am Körper getragenen Funksystemen garantieren.

Waldemar Geiger