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Congressional Research Service Report: Zustand der ukrainischen Streitkräfte

Kristóf Nagy

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Der Congressional Research Service hat Anfang November eine Analyse über den Zustand und die Leistungsfähigkeit der ukrainischen Streitkräfte veröffentlicht. Das Dokument geht dabei auf die Entwicklung des ukrainischen Militärs in Hinblick auf Ausrüstung, Ausbildung und den Einfluss der westlichen Unterstützung ein. Das Dokument bietet einen interessanten Überblick über die Stärken und Schwächen des ukrainischen Militärs sowie über die Führungskultur innerhalb der Streitkräfte und zeigt einen Ausblick in die nahe Zukunft.

Der Congressional Research Service (CRS) ist eine zur Library of Congress gehörender öffentlicher Dienst des US-Kongresses und in etwa mit dem Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages vergleichbar. Der CRS fertigt regelmäßig fundierte Analysen an, die seit einer Gesetzesänderung 2018 für jedermann zugänglich sind. Das prägnante Papier mit dem Titel „Ukrainian Military Performance and Outlook“ („Leistungsfähigkeit der ukrainischen Streitkräfte und Ausblick“) stellt die Humanressource in das Zentrum seiner Betrachtungen. Die Fähigkeit, eine hohe Anzahl an Reservisten zu mobilisieren und die breite, alle Schichten erfassende Bereitschaft der ukrainischen Gesellschaft zum Widerstand sei der Schlüssel für den Erfolg im Abwehrkampf gegen die russische Aggression in den letzten acht Monaten. Das CRS-Papier beleuchtet dabei den langen Weg des ukrainischen Militärs seit dem Beginn des Konfliktes mit Russland 2014 auf der Krim und im Donbass und das offenkundig erfolgreiche Erfahrungsmanagement. Dabei seien den territorialen Verteidigungseinheiten eine Schlüsselrolle zugekommen, da sie die regulären Verbände entlasten würden, welche zweifelsohne hohe personelle Verluste verzeichnen würden. Ein Hemmschuh sei weiterhin der Mangel an einem vollständig ausgebildeten Unteroffizier-Corps. Das ist ein organisches Problem, das laut zahlreicher Beobachter auch die russischen Streitkräfte signifikant hemmt.

In Bezug auf die Ausbildung ist der Ersatz für die Ausfälle der letzten Monate auf ukrainischer Seite eine große Herausforderung. So müsse zwischen dem zügigen Auffüllen der Einheiten und dem Grad der Ausbildungstiefe abgewogen werden. Dies gelte insbesondere bei der Ausbildung von Führern, Stabspersonal oder Bedienern komplexer Waffensystem, wie z.B. der Flugabwehr. Hieraus lasse sich laut dem CRS eine klare Forderung an die Ausbildung durch die westlichen Nationen ableiten. Die bereits vor Kriegsbeginn begonnene Ausbildungsunterstützung, die sich auf Bereiche wie hohe Führungsebenen und die Spezialkräfte beschränkte, müsse querschnittlich ausgeweitet werden, wie es zurzeit bereits partiell umgesetzt wird.

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Auf die Situation der Ausrüstung angesichts der sich verändernden operativen Lage geht das Dokument ausführlich ein. So werden die am Anfang des Konfliktes gelieferten Panzerabwehrwaffen und schultergestützen Flugabwehrraketen (MANPADS) hervorgehoben. Mithilfe dieser Systeme seien die russischen Streitkräfte vorwiegend im Kampf um urbane Zentren abgenutzt und der initiale Angriff zum Stehen gebracht worden. Im weiteren Verlauf der Kämpfe sei die Lieferung moderner Artillerie-, vornehmlich Raketenartilleriesysteme von großer Bedeutung für die Rückgewinnung der Initiative und die Durchführung der Gegenoffensiven gewesen. Spätestens nach dem Verbrauch des Großteils der aus sowjetischer Fertigung stammenden Artilleriemunition hat dieser Umstand jedoch auch zu einer hohen Abhängigkeit von Nachschublieferungen geführt. Auf der unteren taktischen Ebene stellen neben geschützten Fahrzeugen die sichere Kommunikation und mit Beginn des Winters zunehmend der persönliche Schutz vor Witterung in Form von Bekleidung und weiteren Ausrüstungselementen einen sukzessive an Relevanz gewinnenden Faktor dar.

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Fazit

Die breite Unterstützung seitens der ukrainischen Gesellschaft und der Wille zum Widerstand und Kampf seien die Kernelemente für den Erfolg gegen die russische Aggression. Die von den USA bis heute für die Ukraine bereitgestellte Unterstützung im Wert von 17,9 Milliarden US-Dollar seien dennoch maßgeblich für die Durchhaltefähigkeit der ukrainischen Streitkräfte. Diese hätten trotz einer sehr zentralisierten Führung ein hohes Maß an Flexibilität und Kreativität gezeigt und im Verbund mit der raschen Aneignung von neuen Fähigkeiten auf der taktischen Ebene bewiesen, dass sie auch in der Lage sind, operative Erfolge gegen die russischen Streitkräfte zu erringen. Die Kompensation von Verlusten und der daraus resultierende Ausbildungsaufwand seien weiterhin die dringendsten Probleme. Dass dies mittelfristig auch durch internationale Programme aufgefangen werden muss, hat offenkundig auch die Europäische Union erkannt, wie die Mitte Oktober angekündigte Trainingsmission EU Military Assistance Mission (EUMAM) Ukraine zeigt.

Der komplette Bericht kann hier eingesehen werden: Ukrainian Military Performance and Outlook

Kristóf Nagy