StartBewaffnungTaurus oder kein Taurus und der Preis von zu wenig Hilfe

Taurus oder kein Taurus und der Preis von zu wenig Hilfe

Waldemar Geiger

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Spätestens seit dem Angriff auf die Ukraine Ende Februar 2022 nehmen große Teile der westlichen Welt Russland nicht mehr einfach nur als Systemrivalen, sondern als ernsthafte Bedrohung für den Frieden in Europa und die freiheitliche Lebensweise wahr. Demzufolge haben sich viele Staaten dazu entschlossen – darunter auch Deutschland – die Ukraine bei ihren Verteidigungsbemühungen zu unterstützen und liefern seitdem Waffensysteme und Munition, damit die ukrainischen Streitkräfte das durch Russland besetzte Territorium wieder freikämpfen können. Die Frage, die dabei im Raum steht, ist nicht, wie viel welches Land liefert, sondern ob die Lieferungen ausreichen, damit das erhoffte Ziel – egal ob es „Russland darf nicht gewinnen und Ukraine nicht verlieren“ oder „die Ukraine muss gewinnen“ heißt – erreicht wird. Denn der Preis der zu geringen Hilfe könnte für den Westen im doppelten Sinne fatal sein oder zumindest zu einem Dilemma führen, wie man am Beispiel Deutschlands gut sehen kann.

Nachdem Russlands Strategie der „Militärischen Spezialoperation“ (MSO) offensichtlich nach mehreren Tagen gescheitert war, hat Moskau verbal zwar weiterhin die MSO-Fahne hochgehalten, tatsächlich aber die Weichen für einen langwierigen und hochintensiven Krieg gestellt. Reservisten wurden mobilisiert, Material aus den Depots reaktiviert und große Teile der Wirtschaft auf Kriegsproduktion umgestellt. Zudem wurden Mechanismen in Gang gesetzt, um die westlichen Sanktionen zu umgehen und trotzdem Zugang zu kriegswichtigen Technologien und Vorprodukten zu bekommen. Darüber hinaus wurden Verbündete gesucht und gefunden, die entweder Waffen oder Munition nach Russland liefern. Parallel haben die herben Verluste, die die Ukraine den russischen Streitkräften beigebracht hat, dazu geführt, dass Veränderungen der Kampfweise vorgenommen wurden. Entgegen des in vielen in westlichen Blasen vorherrschenden Bildes der russischen Streitkräfte, werden diese nicht ausschließlich durch Dilettanten geführt und bemannt. Die russische Armee ist in der Lage, wichtige Lehren aus dem Kampfgeschehen zu ziehen und sich entsprechend anzupassen, wie man zahlreichen Analysen von RUSI, CNA oder selbst dem jüngsten Interview von General Walerij Saluschnyj im Economist entnehmen kann.

Gewiss brauchte es Zeit, bis sich die Wirkung dieser Maßnahmen voll entfalten konnte. Analysten des Ukraine-Krieges gehen davon aus, dass 2024 das Jahr sein wird, in dem sich Russlands eingeschlagener Weg zunehmend materialisieren könnte.

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Auf der anderen Seite haben westliche Waffenlieferungen und Ausbildungsunterstützung dazu geführt, dass die Ukraine ab der zweiten Hälfte 2022 langsam, aber sicher die Oberhand gewinnen und diese auch in militärische Siege auf dem Schlachtfeld umwandeln konnte. Die mittels der technisch überlegenen Waffentechnik erzielten Erfolge ebbten 2023 immer weiter ab, nachdem Russland sich auf die neuen Wirksysteme der Ukrainer einstellen konnte. Zudem entwickelte sich die lange erwartete ukrainische Offensive im Sommer 2023 langsamer als viele Optimisten im Westen erwartet haben. Gründe dafür sind sicherlich nicht nur in den gut ausgebauten und vorbereiteten Verteidigungsstellungen der russischen Landstreitkräfte zu suchen. Die Ukraine als deutlich bevölkerungsschwächere Nation und gleichzeitig demokratisches Land kann sich praktisch keine Verluste erlauben, da eine auf Freiwilligkeit angewiesene Mobilisierungsstrategie deutlich schneller an Grenzen stößt, als in Russland, wo bei einer deutlich größeren Bevölkerung neben Zwangsmaßnahmen auch finanzielle Anreize für den Dienst in der Armee – insbesondere in den vielen armen Regionen des Landes – eine deutlich höhere Wirkung entfalten als in der Ukraine. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass eine mit Verlusten einhergehende Kriegsmüdigkeit in der Ukraine schneller eintreten könnte als in Russland. Speziell wenn man bedenkt, dass die Leistungen und die Bereitschaft zu Militärhilfen im Westen aus unterschiedlichen Gründen zu bröckeln beginnen – Stichworte sind hier versprochene Artilleriegranaten der EU oder politische Mehrheitsverschiebungen nach Wahlen, wie beispielsweise in Slowenien.

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Die westliche Welt – vornehmlich die europäischen Staaten – haben es versäumt, sich trotz zahlreicher Expertenwarnungen rechtzeitig auf eine lange Dauer des Krieges und die damit einhergehende Materialschlacht einzustellen. Es wurde nicht hinreichend in die Kapazitätserweiterungen der Industrie investiert, so dass für 2024 Munitionsengpässe in der Ukraine erneut nicht ausgeschlossen sind.

Zudem hat die eingeschlagene Salamitaktik, für den Kriegserfolg wesentliche Waffensysteme und Fähigkeiten nur nach und nach und in „dosierten“ Mengen zu liefern, dazu geführt, dass das 2022 vorhandene Momentum der Ukraine nicht rechtzeitig und ausreichend weiter unterfüttert werden konnte. Schlussendlich hatte die russische Armee dadurch zu viele und zu lange „Verschnaufpausen“, so dass sie sich nach jedem Erfolg der Ukrainer schnell wieder fangen und stabilisieren konnte.

Während Russland und die gesamte russische Gesellschaft sich quasi vollends dem Krieg in der Ukraine verschrieben hat, wollte der Westen die Unterstützung der Ukraine – und hier muss man Europa und speziell Deutschland wieder als besonders schlechtes Beispiel hervorheben – weiter im Friedensbetrieb meistern. Das Resultat dieser „Strategie“ ist der Umstand, dass ein für den Westen im Allgemeinen und Europa im Speziellen besonders schädliche Situation immer wahrscheinlicher wird.

Auf der einen Seite droht dem Westen der Umstand, dass Russland nicht nur als „Sieger“ aus dem Krieg hervorgehen könnte – was politisch ein besonders fatales Signal wäre für die friedensliebenden europäischen Gesellschaften. Die russische Armee könnte am Ende stärker aus dem Krieg herausgehen, als sie reingegangen ist. Sie wäre sowohl was Doktrin als auch Ausrüstung angeht vollends modernisiert und die Soldaten kriegserfahren. Alle vermeintlichen Schwächen wären beseitigt und unnütze Zöpfe abgeschnitten und der Fokus läge auf dem, was sich auf dem Schlachtfeld bewährt hat. Die „warmen“ Produktionsstraßen der russischen Rüstungsindustrie hätten zudem die Kapazitäten, die leeren Depots schnell wieder aufzufüllen oder weitere Bedarfe zu decken. Die westlichen Streitkräfte – der Fokus liegt hier auf Europa – wären dagegen aufgrund der Abgaben an die Ukraine im wahrsten Sinne des Wortes „leergelutscht“. Auch ist der Ausbildungs- und Organisationsstand der europäischen Armeen angeschlagen, da viele Ausbildungseinrichtungen nicht für die eigenen, sondern für die ukrainischen Soldaten genutzt werden und die Anpassung der Armeestrukturen und Waffentechnik an die Erfordernisse des modernen Gefechtsfeldes nur im Schneckentempo voranschreitet.

Mit einer immer wahrscheinlicher werdenden Wiederwahl Donald Trumps droht zudem ein Szenario, indem Europa ab Mitte der 2020er Jahre ohne seine militärische Schutzmacht USA dastehen könnte. Auch die US-Ukrainehilfen würden damit unter Umständen weniger werden, wenn nicht gar komplett aufhören. Europa – und hier vor allem Deutschland, als das wirtschaftlich stärkste Land der EU – stünde dann vor dem Dilemma, die eigene Verteidigungsfähigkeit durch zusätzliche Abgaben von Militärgerät der Bundeswehr noch weiter zu schwächen, in der Hoffnung, dass dies ausreicht, damit Russland nicht als Sieger aus dem Krieg hervorgeht. Oder man stellt die Hilfen ebenfalls ein, in der Hoffnung, auch ohne USA noch genügend Abschreckungsfähigkeit im Arsenal zu haben, dass Russland nicht auf die Idee kommt, seine Großmachtfantasien auch im Baltikum oder anderen europäischen Gebieten auszuleben.

Was hat dies alles mit der Abstandswaffe Taurus zu tun, könnte man sich fragen. Die Antwort ist einfach: Der Taurus steht exemplarisch für das Dilemma, indem Europa oder speziell Deutschland derzeit stecken. Aufgrund seiner Reichweite und Wirkung ist der Taurus die mit Abstand mächtigste „Abschreckungswaffe“, die die Bundeswehr im Arsenal hat. Allerdings haben die deutschen Streitkräfte nur wenige hundert dieser Systeme, von der auch mal gut ein Duzend gleichzeitig auf ein gut geschütztes Ziel verschossen werden müssen, damit der Erfolg garantiert werden kann, wie die Erfahrungen mit vergleichbaren Systemen des Typs Scalp bzw. Stormshadow in der Ukraine zeigen. Gleichsam hat es Deutschland – und hier vor allem die Politik – versäumt, die notwendigen Haushaltsmittel für die Entwicklung und den Bau potenzieller Nachfolgesysteme in Auftrag zu geben oder die Bundeswehrbestände signifikant zu erhöhen. Selbst jetzt, nachdem die Taurus-Diskussion nunmehr mehrere Monate alt ist, wurde der Hersteller nicht angewiesen, mit dem Bau zusätzlicher Systeme zu beginnen.

Deutschland steht also vor der Frage: Geht man das Risiko ein und gibt seinen quasi letzten Trumpf auf oder nicht? Denn einerseits weiß man, dass eine Reproduktion der Systeme in ausreichender Anzahl sicherlich Jahre dauern würde, gleichzeitig hat man keine Garantie dafür, dass die gelieferte Anzahl ausreichend ist, um den Sieg Russlands abzuwenden. Andererseits müsste mittlerweile jedem Entscheidungsträger in Berlin bewusst sein, dass das zeitliche Fenster, indem die Ukraine siegreich vom Feld gehen kann, sich täglich immer weiter schließt. Ist dieses gänzlich zu, läuft man Gefahr, dass alle vorher geleisteten Hilfen praktisch umsonst gewesen wären. In diesem Fall würde sehr wahrscheinlich die eingehend beschriebene Situation eintreten, dass Russland nach dem Krieg besser dasteht als vor 2022, während Europas Streitkräfte geschwächt und unter Umständen ohne Schutzmacht wären.

Damit dieses Szenario abgewendet werden kann – wenn dies überhaupt noch möglich ist –, müssen die europäischen Nationen so schnell wie möglich alle lieferungsfähigen Waffensysteme umgehend abgeben. Auch wenn es keine Erfolgsgarantie gibt, besteht so zumindest die Möglichkeit eines Zeitgewinns, bis die eingeleiteten und noch einzuleitenden Maßnahmen zur Steigerung der eigenen Wehrfähigkeit greifen und auch die westlichen Streitkräfte sich entsprechend modernisieren und die heimischen Rüstungsindustrien ihre Kapazitäten steigern können. In beiden Fällen heißt es aber klotzen und nicht kleckern. Sowohl die Lieferungen als auch die Investments in die Produktion und Modernisierung müssen sofort und in umfassendem Ausmaß angeschoben werden. Passiert dies nicht oder zu zögerlich, droht das beschriebene Worst-Case-Szenario.

Waldemar Geiger