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Boeing gab heute bekannt, dass es das deutsche Boeing Industrie-Team für den Schweren Transporthubschrauber (STH)  der Bundeswehr erweitert hat und entsprechende Kooperationsvereinbarungen mit den neuen Partnern unterzeichnet wurden. Als neue Partner treten Honeywell Aerospace Engineering sowie Rolls-Royce Deutschland dem Boeing-STH-Team bei.

Honeywell ist der Hersteller des Triebwerks T55-L-714, das die CH-47 Chinook antreibt. Es leistet bis zu 5.069 PS. Vom T55 wurden bisher über 6.000 Stück produziert und über 2 Millionen Flugstunden absolviert. Das T55-L-714 ist die aktuellste und in Serienfertigung befindliche Version. Honeywell hat Rolls-Royce Deutschland für die Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten an diesem Triebwerk lizensiert. Rolls-Royce wird daher alle Arbeiten im Bereich Maintenance, Repair and Operations (MRO; deutsch: Wartung, Reparatur und Betrieb) in Deutschland durchführen können. Neben dem MRO-Service wird Rolls-Royce Deutschland auch die logistische Lieferkette (Ersatzteile) sowie Standort-Optimierungen für die Bundeswehr bereitstellen.

Rolls-Royce Deutschland ist schon viele Jahrzehnte Kooperationspartner von Honeywell bei anderen Triebwerken, unter anderem für die Bundeswehr oder die Küstenwache. Die Arbeiten für das T55-L-714 können an den Rolls-Royce-Standorten in Oberursel oder Dahlewitz ausgeführt werden. Entsprechende Untersuchungen laufen noch. Voraussichtlich werden beide Standorte in die Arbeiten eingebunden. Mit einem Zuschlag für die CH-47 Chinook würden auch Investitionen in den beiden Standorten notwendig werden.

Sollten beide Standorte dann einmal über 100-Prozent der MRO-Kapazitäten verfügen, könnten auch andere NATO-Partner in Europa davon profitieren und ihre Arbeiten in Deutschland ausführen lassen.

Boeing selbst gibt an in Deutschland bereits rund 1.000 Mitarbeiter an elf Standorten zu beschäftigen. Hinzu kommen zwei Entwicklungs- und Forschungseinrichtungen in München und Neu-Isenburg.

STH-Wettbewerb

Das Rennen im Wettbewerb um den Schweren Transporthubschrauber der Bundeswehr ist nach derzeitiger Erkenntnislage noch offen, mit einer Auswahlentscheidung wird erst im zweiten Quartal 2021 gerechnet. Mit dem STH sucht die Bundeswehr nach einem Nachfolger für die in die Jahre gekommene CH-53GS/GE/GA-Transporthubschrauber-Flotte. Für den STH kommen nur zwei Kandidaten, die Boeing CH-47 Chinook und die Sikorsky CH-53K King Stallion, in Betracht. Je nach Modell plant die Bundeswehr 44 bis 60 Hubschrauber zu beschaffen.

Boeing CH-47 Chinook Angebot

Boeing nimmt mit der CH-47 Chinook am STH-Wettbewerb teil, genauer gesagt mit einer nach deutschen Kundenwünschen modifizierten Version des Hubschraubers, die der CH-147F der kanadischen Streitkräfte ähnelt, die wiederum auf der CH-47 Extended Range (ER) Variante  der Chinook basiert. Der größte Unterschied neben der schon angesprochenen Germanisierung, ist der Einbau der Luft-Luft-Betankungsfähigkeit (refueling probe), diese Fähigkeit ist sonst nur bei den MH-47G Maschinen des U.S. Special Operations Command (USSOCOM) vorhanden. Die deutschen Maschinen würden über die Luftbetankungsfähigkeit verfügen, bei der der Tankrüssel nur bei Bedarf mitgeführt werden muss. Dies hat den Vorteil, dass das Gewicht und die aerodynamischen Nachteile des Tankrüssels nur dann auf den Hubschrauber einwirken, wenn diese Fähigkeit auch tatsächlich benötigt wird. Wenn eine Mission mit Luftbetankung notwendig ist, dann wird dieser einfach und schnell eingerüstet.

Technische Daten der “H-47F Standardreichweite” (Grafik: Boeing)

Die ER-Version der Chinook hat eine Reichweite von 1.000 km und eine Dienstgipfelhohe von 6.100 m. Das mit CAAS (Common Avionics Architecture System von Rockwell Collins) und DAFCS (Digital Automatic Flight Control System) ausgestattete Luftfahrzeug wurde gezielt ausgerichtet, sowohl herkömmliche Transportaufgaben, SAR-Einsätze sowie Einsätze zur Unterstützung der Spezialkräfte durchzufuhren. Auch dieses entspricht den deutschen Forderungen.

Die Stärken der CH-47F liegen vor allem in seiner technischen Reife (geringes Entwicklungsrisiko), seiner Marktverfügbarkeit (zurzeit noch andauernde Produktion hoher Stückzahlen) sowie der Reichweite ohne Luftbetankung (nur die ER). Boeing betont immer, die CH-47 sei der einzige Hubschrauber dieser Größenordnung, der fertig, sofort verfügbar und „combat proven“ (auf Deutsch einsatzerprobt) ist. Laut Boeing ist die CH-47 auch eine sehr kosteneffektive Maschine, die Flugstunde soll rund 8.000 bis 9.000 US$ kosten. Weitere Vorteile sind der immer noch lange Nutzungshorizont – die U.S. Army hat angegeben die Maschinen bis mindestens 2060 nutzen zu wollen – und das große Potenzial für multinationale Kooperation. Viele NATO-Verbündete und Nachbarn nutzen bereits Varianten dieses Modell, u.a. die USA, Kanada, Großbritannien, die Niederlande, Spanien, Italien, Griechenland und die Türkei. Frankreich plant zunächst einige Maschinen zu leasen um Erfahrungen zu sammeln und dann gegebenenfalls eine Kaufentscheidung zu treffen. Weltweit wird dieser Typ von 20 Nationen genutzt.

Von der CH-47 wurden bisher über 950 Maschinen ausgeliefert, derzeit produziert Boeing monatlich drei bis vier Maschinen in Philadelphia und dies nach eigenen Angaben noch für mehrere Jahre.

André Forkert