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Die NATO hat zwei weitere Standardkaliber für Pistolen und Maschinenpistolen eingeführt: Für die von FN Herstal entwickelte Munition im Kaliber 5,7 mm x 28 gibt es seit dem 4. Dezember 2020 das Standardisierungsabkommen STANAG 4509. Das gleiche Veröffentlichungsdatum trägt das Standardisierungsabkommen STANAG 4820, welches sich auf die ursprünglich von Heckler & Koch und Royal Ordnance/Radway Green designte Patrone 4,6 mm x 30 bezieht.

Die Standardisierungsabkommen STANAG 4509 und STANAG 4820 legen die Leistungskriterien und technischen Spezifikationen fest, die die Munitionssorten im Hinblick auf die Munitionsaustauschbarkeit innerhalb der NATO-Streitkräfte erfüllen müssen. Somit soll gewährleistet werden, dass sich Patronen unterschiedlicher Hersteller funktionssicher aus dafür eingerichteten Waffen ebenfalls verschiedener Produzenten verschießen lassen.

Munitionsfamilie 5,7 mm x 28 von FN Herstal (Graphik: FN Herstal)

Die 5,7 mm x 28 und die 4,6 mm x 30 haben beide ihre Wurzeln in dem Personal Defence Weapon-Vorhaben der NATO-Streitkräfte, welches Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre begann. Gefordert war eine leichte und kompakte Waffe vorrangig für Gerätebediener und Spezialpersonal, die den Kampf auch gegen mit Schutzwesten ausgestattete Gegner auf höhere Entfernungen als Nahkampfdistanz ermöglichen sollte.

RUAG Ammotex 4,6 mm x 30 Armour Piercing (Foto: RUAG Ammotec)

Besondere Aufmerksamkeit galt der Durchschlagsleistung, da auf den Gefechtsfeldern der Welt ballistischer Körperschutz Standard wurde. So war seinerzeit ein Testkriterium das Durchschlagen eines definierten Schutzaufbaus (Collaborative Research Into Small Arms Technology/CRISAT-Ziel) aus 1,6 mm Titanblech und 20 Lagen Kevlar. Hierzu zeigt sich die erste NATO-standardisierte Kurzwaffen- und Maschinenpistolenmunition 9 mm x 19 nicht in der Lage. Hingegen übertrafen sowohl die 5,7 als auch die 4,6 diese Anforderung und durchlöchern den CRISAT-Aufbau auf über 200 Meter Entfernung.

Mit der jüngst erfolgten Standardisierung beider Kaliber endet nun ein jahrzehntelanger Wettkampf, in dessen Rahmen beide Laborierungen immer wieder verbessert wurden, mit einem Kompromiss.

MP7A2 (Foto: Jan-P. Weisswange)

Für die 4,6 mm x 30 ist die von Heckler & Koch hergestellte Maschinenpistole MP7 eingerichtet, welche im Zuge der weiteren Handwaffenharmonisierung der Bundeswehr in größeren Stückzahlen beschafft wird und perspektivisch die MP2 ersetzen soll.

Die Entwicklung der UCP wurde nicht weiter verfolgt (Foto: Archiv)

Es gab auch ein Konzept für eine 4,6 mm x 30-Pistole, welches als Ultimate Combat Pistol (UCP) firmierte. Dieses Vorhaben wurde jedoch nicht weiter verfolgt. RUAG Ammotec, Fiocchi und Nammo liefern inzwischen zahlreiche Munitionssorten für den militärischen und behördlichen Bereich.

FN Herstal-Waffenfamilie 5,7 mm x 28 (Foto: Jan-P. Weisswange)

FN Herstal hat unterdessen die 5,7 mm x 28 zu einem ganzen Waffensystem ausgebaut. Hierzu gehören die Maschinenpistole P90, die Pistole FiveseveN sowie diverse Munitionssorten. In Kürze sollen beide Waffen mit Unterstützung der belgischen Streitkräfte die ersten NATO-nominierte Maschinenpistole bzw. Pistole im Kaliber 5,7 mm x 28 werden.

Schießen mit der FN P90 (Foto: Jan-P. Weisswange)

Für FN Herstal bedeutet die neuerliche Standardisierung einen weiteren Meilenstein in der Firmengeschichte. Bereits 1957 wurde eine von der Lütticher Waffenschmiede entwickelte Langwaffenlaborierung im Kaliber 7,62 mm x 51 als NATO-Standard angenommen. 1980 entschied sich das Atlantische Bündnis, die von FN Herstal entwickelte SS109 im Kaliber 5,56 mm x 45 als weitere Sturmgewehrpatrone zu standardisieren. Weiterhin produziert FN Herstal die NATO-Standardpatronen 12,7 mm x 99 (.50 BMG oder auch „Fifty-Cal“) und die 9 mm x 19.

Jan-Phillipp Weisswange