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Die U.S. Army hat am 26. März mit Microsoft einen über fünf Jahre laufenden Vertrag zur Herstellung und Lieferung von neuartigen Multifunktions-Datenbrillen des Typs Integrated Visual Augmentation System geschlossen, wie gestern bekannt wurde. Der Vertrag kann um weitere fünf Jahre verlängert werden und würde dann ein Gesamtauftragsvolumen von 21,88 Milliarden Dollar umfassen. Dies berichten übereinstimmend mehrere U.S. Fachmedien die sich auf Aussagen der U.S. Army stützen.

Bei der Integrated Visual Augmentation System (IVAS) handelt es sich um eine in Zusammenarbeit mit Microsoft entwickelte digitale Datenbrille, die an einen kleinen Computer und ein taktisches Funkgerät angeschlossen wird.

Das Gesamtsystem besteht aus einer Datenbrille mit integriertem Heads-Up-Display, einem kompakten Rechner, Funkgeräten für Datenübertragungen, einem konformen Akkupack, einem Ladegerät und einem taktischen Cloud-Server. Nur die Brille, das Funkgerät und die Akkus werden am Mann getragen, das Paket hat ein Gesamtgewicht von etwa 1,1 kg welches sich sowohl auf den Kopf als auch Körper verteilt; der Server wird auf einem Fahrzeug der Kompanie integriert. Die Brille kann sich dann mit einer Cloud auf Kompanieebene synchronisieren, dem so genannten „Bloodhound“. Diese Cloud verarbeitet die Daten und aktualisiert die Informationen. Bloodhound verbindet sich dann mit einem größeren Netzwerk oder einer Cloud, wenn diese zugänglich sind, so kann ein Datenaustausch von der Ebene des Einzelschützen bis zur Ebene der Heeresführung sichergestellt werden. Die IVAS ist aber auch in der Lage, ohne eine Verbindung zu arbeiten.

Die IVAS verfügt sowohl über einen digitalen Nachtsichtkanal als auch thermographische Sensoren und kann somit sowohl bei Tageslicht als auch bei eingeschränkter Sicht genutzt werden. Die Brille verbessert die Wahrnehmung sowie das Situationsbewusstsein der Soldaten, unterstützt deren Entscheidungsfindung und hilft bei der Zielerfassung bzw. Zielbekämpfung. Das Sichtfeld der Brille beträgt 80 Grad in der Breite und 40 Grad in der Höhe.

Die Datenbrille kann dem Soldaten auf dem Gefechtsfeld Informationen darüber liefern, wo sich der Feind und wo sich die eigenen Kameraden und verbündete Soldaten befinden. Sie  verwendet Gesichtserkennungssoftware, die dem Soldaten sagen kann, wer eine Person ist, soweit diese in einer Datenbank hinterlegt wurde. Darüber hinaus kann die Datenbrille verschiedene Sprachen ins Englische übersetzen; und sie ermöglicht den Soldaten einen digitalen, kabellosen Datenaustausch zwischen den unterschiedlichen Gruppen-, Zug- und Kompanieebenen, darunter Koordinaten und Aufnahmen des Geschehens auf dem Gefechtsfeld.

So müssen beispielsweise bestimmte Gefahrenpunkte im urbanen Kampf nicht umständlich mittels Sprache beschrieben werden. Ein Blick in die Richtung des Punktes genügt und das aufgenommene Bild kann an alle Folgekräfte weitergeleitet werden. Diese können sich dann bereits über die Lage orientieren, bevor sie an Ort und Stelle angekommen sind und müssen dann nicht das angesprochene Ziel erst umständlich suchen.

Die U.S. Army plant, alle zur Close Combat Force zählenden Truppenteile der 58 Brigade Combat Teams des US-Heeres und der U.S. Army National Guard mit der IVAS auszurüsten. Die Close Combat Forces setzen sich aus Einheiten der Infanterie, Aufklärungstruppe, Pionierkräften, Beobachtern und der an vorderster Front eingesetzten Sanitätstruppe zusammen.

Entwicklung und Tests

Die Entwicklung der IVAS begann vor etwa drei Jahren und basiert auf der HoloLens-2-Datenbrille von Microsoft. In den vergangenen drei Jahren wurde die neuartige Brille mehrfach überarbeitet und in tausenden Stunden durch Soldaten der U.S. Army, dem U.S. Marine Corps und US-Spezialkräfte getestet. In dieser Zeitspanne wurden Dutzende Designänderungen an der Hardware und tausende Änderungen an der Software vorgenommen.

  • Bei der IVAS CS 1 (das CS steht für Capability Set) handelt es sich um die handelsübliche HoloLens 2 von Microsoft mit integriertem handelsüblichen Wärmebildsensor und der TAK-Software (Tactical Assault Kit) sowie Kartenmaterial. Diese Prototypen werden mit einer internen Batterie betrieben und benötigen ein Wi-Fi-Netzwerk. Die Army erhielt im März 2019 insgesamt 50 dieser Systeme.
  • Die IVAS CS 2 beinhaltet die Integration von zwei Low-Light-Kameras, einem Wärmebildsensor, taktischem Funk, TAK-Software und Karten, der Möglichkeit einer schnellen Zielerfassung (Verknüpfung der Waffenzieloptik mit der Datenbrille und Einblendung des Waffenhaltepunktes in das Sichtfeld des Soldaten unabhängig vom Anschlag), einem handelsüblichen GPS-Empfänger und einer angepassten Batterie mit der handelsüblichen HoloLens 2 von Microsoft. Im Oktober 2019 wurden 300 dieser Systeme an die Army übergeben.
  • Die IVAS CS 3 verfügt über ein an militärische Ansprüche angepasstes Gehäuse mit integrierter Low-Light- und Wärmebildsensorik, TAK-Software und Karten sowie der Möglichkeit einer schnellen Zielerfassung. Im September 2020 wurde 600 dieser Systeme zu Testzwecken an die U.S. Army übergeben.
  • Die IVAS CS 4 entspricht der Serienkonfiguration. 1.600 dieser Systeme sollen im April an die Army geliefert werden, mit denen dann die ersten Einsatztests durchgeführt werden sollen.

Bis dato wurden detaillierte Testergebnisse nur der CS-2-Version der Brille veröffentlicht. Nach Aussagen des im Januar 2021 veröffentlichten „Director, Operational Test and Evaluation – FY 2020 Annual Report“, reagierten insbesondere an den Tests beteiligte Soldaten der U.S. Army sowie Marines positiv auf die Zweckmäßigkeit der CS 2. Angehörige der US-Spezialkräfte bewerteten die Funktionen zur Identifizierung von gesuchten Personen, die Möglichkeit der Textübersetzung sowie die Fähigkeit Aufklärungsergebnisse auf Trupp- bzw. Gruppenebene teilen zu können als nützlich. Die meisten anderen Funktionen der CS 2 wurden gegenüber der derzeitigen Ausrüstung der Spezialkräfte nicht als Verbesserung empfunden, dazu gehören Nachtsichtfähigkeit und Navigationsfunktionen.

Dem Bericht zufolge sind insbesondere der Nachtsichtfähigkeit Grenzen gesetzt. Die Low-Light-Kamera liefert nur bei ausgeprägtem Mondlicht die Möglichkeit, Personen auf offenen Flächen zu detektieren. Die Nutzung eines fusionierten Bildes mittels der thermalen Sensorik verbesserte zwar die Ergebnisse, jedoch nur im stationären Einsatz. „Die Wärmebildsensoren wiesen eine Latenz auf, was eine Bewegung schwierig machte“, so der Bericht. „Am wenigsten nützlich war IVAS in Innenräumen, bei Nacht und bei Feindkontakt auf kurze Entfernungen“, so der Bericht weiter.

Waldemar Geiger