StartStreitkräfteLuftverteidigung: NATO-Staaten ordern zusätzliche Systeme

Luftverteidigung: NATO-Staaten ordern zusätzliche Systeme

Als Teil ihrer neuen Minimum Capability Requirements fordert die NATO unter anderem einen massiven Ausbau der bodengebundenen Luftverteidigung von bislang insgesamt 293 auf 1.467 Einheiten. Erste Schritte dazu werden bereits sichtbar. Zuletzt entschied sich Schweden, im Rahmen der deutsch geführten European Sky Shield Initiative (ESSI) sieben Feuereinheiten des Systems IRIS-T SLM zu beschaffen. An symbolträchtigem Ort auf der exponierten Ostseeinsel Gotland unterzeichneten Ministerpräsident Ulf Kristersson und Verteidigungsminister Pål Jonson diese Woche einen entsprechenden Vertrag mit der deutschen Diehl Defence.

Der schwedische Verteidigungsminister Pål Jonson, Ministerpräsident Ulf Kristersson und Diehl Defence CEO Helmut Rauch (v. r.) bei der Vertragsunterzeichnung.
Der schwedische Verteidigungsminister Pål Jonson, Ministerpräsident Ulf Kristersson und Diehl Defence CEO Helmut Rauch (v. r.) bei der Vertragsunterzeichnung. (Foto: Ninni Andersson/Regeringskansliet)

Schweden ist damit nach Angaben von Diehl das achte Land, das IRIS-T SLM einführt. Die Systeme sollen zwischen Mitte 2028 und Mitte 2030 ausgeliefert werden. 2013 hatte Schweden bereits die Kurzstreckenvariante IRIS-T SLS eingeführt, aber nach der Invasion Russlands an die Ukraine abgegeben. Während die Variante SLS den unveränderten Luft-Luft-Lenkflugkörper IRIS-T mit einer horizontalen Reichweite von zwölf Kilometern verwendet, erreicht die Variante SLM eine Distanz von 40 und eine Höhe von 20 Kilometern. Beide Systeme erreichen in der Ukraine Berichten zufolge hohe Trefferraten gegen Luftziele einschließlich Drohnen und Marschflugkörpern.

Auch Dänemark und Belgien bauen Luftverteidigung aus

Zuvor hatte Dänemark am 10. Juni gleich drei verschiedene Luftverteidigungssysteme ausgewählt: neben IRIS-T SLM auch die VL MICA von MBDA und zusätzliche geleaste NASAMS aus Norwegen. Alle drei verwenden ursprünglich für den Luftkampf entwickelte Flugkörper. Dabei startet VL MICA diese wie IRIS-T SLM senkrecht und erzielt eine Reichweite von 20 Kilometern. Die bereits in den 1990er Jahren eingeführte amerikanisch-norwegische Gemeinschaftsentwicklung NASAMS verschießt die US-Lenkwaffe AMRAAM aus einem richtbaren Sechsfach-Starter. Die neueste Version NASAMS-3 verdoppelt die effektive Reichweite mit der AMRAAM-ER auf 60 Kilometer.

Gründe für die dänische Mehrfachbestellung sind offenbar der möglichst rasche Aufbau von Kapazitäten in einem Land, das bislang über keinerlei solche bodengebundenen Systeme verfügte, sowie die Diversifikation von Bezugsquellen in Zeiten großer Nachfrage. Die ersten Lieferungen sollen noch dieses Jahr beginnen. Anfang Juni hatte auch Belgien bekannt gegeben, zehn NASAMS-Systeme beschaffen zu wollen. NASAMS ist ebenfalls an die Ukraine geliefert worden und hat sich dort im Einsatz bewährt.

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Deutsche Pläne

Die Deutsche Luftwaffe verfügt derzeit noch über neun von ursprünglich zwölf Batterien des amerikanischen Systems Patriot für den Weitbereich und hat acht weitere bestellt, teilweise als Ersatz für Abgaben an die Ukraine. Ebenfalls bestellt sind bislang sechs Feuereinheiten IRIS-T SLM, von denen sich das erste gegenwärtig in der Einsatzprüfung befindet. Die Luftwaffe möchte diese Zahl gerne verdoppeln und im nächsten Jahrzehnt ein zweites Flugabwehr-Raketengeschwader aufstellen. Künftigen Bedarf sieht man auch an der Weiterentwicklung IRIS-T SLX mit auf 80 Kilometer erhöhter Reichweite.

Darüber hinaus führt die Luftwaffe gegenwärtig das israelische Raketenabwehrsystem Arrow 3 ein, das in diesem und letzten Jahr regelmäßig hohe Trefferquoten auch gegen massive Angriffe aus dem Jemen und Iran bewiesen hat. Kürzlich übernahm der mittlerweile ehemalige Inspekteur Ingo Gerhartz offiziell die ersten Komponenten. Eine erste Batterie soll noch vor Ende des Jahres im sachsen-anhaltinischen Holzdorf in Dienst gehen. Auch am Nachfolger Arrow 4, der Bedrohungen in niedrigeren Höhen einschließlich manövrierender Hyperschall-Flugkörper abfangen soll, besteht Interesse.

Stefan Axel Boes