Taktische und strategische Mobilität ist für die Kampftruppe von entscheidender Bedeutung. Bisher kannte man den Ansatz nur für Missionen im Rahmen der Militärische Evakuierungsoperationen (MilEvakOp), oder QRF (Quick Reaction Force / Quick Response Force), wie zum Beispiel für die Kosovo Force (KFOR). Die Verlegung durch die Luft ermöglicht die extrem schnelle Verlegung über weite Strecken hinweg. Diese Fähigkeit kann vor allem bei aufkommenden Risiken an der NATO-Ost- oder Südostgrenze von großer Relevanz sein. Aus deutscher Sicht sind das vor allem die potentiellen Einsatzgebiete in Litauen oder Rumänien. So hat der Partner Rumänien ernsthafte Bedenken, nach einem potentiellen Fall der Ukraine und einer Besetzung durch Russland, plötzlich eine gemeinsame Grenze mit Russland zu haben. In einem solchen Fall wäre eine schnelle Reaktion durch Partner notwendig. Die Verlegung leichter Truppen – Fallschirmjäger, Infanterie – wäre hierbei die erste Wahl. Diese sind gegen schwere Kräfte aber nur bedingt durchhaltefähig. Daher benötigt es auch mittlerer oder sogar schwerer Kräfte. Und genau hier kommt der PUMA mit seinen Panzergrenadieren ins Spiel.
Um dieses zu testen und Erfahrungswerte zu sammeln, startete auf dem Fliegerhorst in Wunstorf ein Experiment, das es so noch nach Aussagen der Bundeswehr noch nie gab. Der schwer geschützte und bewaffnete Schützenpanzer (SPz) Puma soll per Luftfahrzeug verbracht werden. Neben dem Luftfahrzeug gibt es natürlich weitere Optionen für den Weg in den Einsatzraum, auf Tieflader/Straße, der eigenen Kette (nur kurze Strecken), der Bahn oder per Fähre. Doch all dies dauert länger, wenn es sich um weite Strecken handelt.
In Wunstorf zeigten Luftwaffe und Heer nun gemeinsam eine neue Transportmöglichkeit. Sie verleihen dem über 39 Tonnen schweren Kampffahrzeug Flügel und bringen ihn in die Lüfte. Als Transportmittel dient der Airbus A400M.
Heer und Luftwaffe – gemeinsam für ein Ziel
Für diesen Test zogen alle an einem Strang, die Panzergrenadiere mit ihrem Fahrzeug, die Crews und Bodentruppen der Luftwaffe sowie das Amt für Heeresentwicklung. Am Ende stand die Frage, kann der Schützenpanzer Puma im Transportflugzeug A400M transportiert werden, und wenn ja, wie? Dazu wurde die Verladung beim Lufttransportgeschwader 62 bis ins Detail vorbereitet. Die modulare Panzerung ermöglicht es, das Gewicht sowie die Außenmaße des SPz PUMA an den AM400 anzupassen. Erst danach kann die Verladung beginnen. Da die Reaktivschutz-Module des PUMA schwer und sehr hoch montiert sind, nutzen die Panzergrenadiere für den Ab- und Anbau die Hilfe des Umschlagsystem Feldlagegerät FLG 140 Crayler.
Die Geländegängigkeit des Crayler kann durch Einsatz eines Gurtbandlaufwerks (GBL) noch einmal gesteigert werden. Die Kettenlaufwerke mit endlosen Gummiketten ersetzen jeweils ein Rad und werden als Bausatz zur Montage durch die Truppe geliefert. Aber nicht nur die Mobilität und Geländegängigkeit, auch die Nutzlast steigt durch die Anwendung der GBL. Die Nutzung von GBL erhöht generell die Mobilität im schweren Gelände und reduziert gleichzeitig den Bodendruck, was wiederum den Einsatz auf weichen Böden, Schlamm und Schnee ermöglicht.

Die Reaktivpanzerung ist ein Add-on-System, das außen am Fahrzeug angebracht wird. Sie enthält gezielt eingesetzte Explosivstoffe, die beim Einschlag der Hohlladung einer Panzerabwehrwaffe ausgelöst werden. Eine Metallplatte wird dabei blitzschnell in die Gegenrichtung des Angriffs beschleunigt – die Wirkung der Hohlladung wird so stark reduziert. Diese Technologie bietet zuverlässigen Schutz bei vergleichsweise geringem Gewicht und schützt die Besatzung auch gegen ballistische Angriffe. Hersteller des Systems ist Dynamit Nobel Defence. (S&T berichtete bereits)
Auch die Panzerbrigade 45 in Litauen setzt das Umschlagsystem Feldladegerät FLG 140 Crayler für leichte, mittlere und mechanisierte Kräfte ein. Das FLG Crayler ist bereits seit Jahren bei der Bundeswehr in Nutzung und aus der Logistikkette des Sanitätsdienstes und der Division Schnelle Kräfte nicht mehr wegzudenken. Mit den deutschen Panzergrenadieren der PzBrig 45 kommt dieser Stapler nun auch im Baltikum bei der neu aufgestellten „Litauenbrigade“ zum Einsatz. Damit müsste im Ernstfall der Crayler nicht mit verflogen werden, da er sowohl am Ab- als auch Aufbauort bereits vorhanden ist. Die Arbeit mit dem Crayler ist vor allem auch ein Thema der Arbeitssicherheit. Und es geht natürlich einfach schneller als mit der reinen Muskelkraft.
Die Ergebnisse dieses Experiments helfen dabei, Abläufe und Verfahren zu trainieren und den Aufwand zu bestimmen.
Mit Maßarbeit ins Flugzeug
Wie die Bundeswehr berichtete, beginn in Wunstorf alles um 11 Uhr morgens. Der Puma wird verladen über die Laderampe des A400M. Massive Holzplatten schützen diese vor den aggressiven Ketten des Gefechtsfahrzeuges. Damit der A400M nicht kippt, werden – ähnlich wie bei einem Mobilkran – Stahlstützen am Heck ausgefahren.
Nachdem der Schützenpanzer mit der Seilwinde verbunden ist, rollt er mit seiner Motorkraft und unter den wachen Augen des Ladungsmeisters an Bord. Der Kraftfahrer muss deutlich mehr als im Gelände aufpassen, ein Schaden am Luftfahrzeug wäre verheerend. Daher geht alles sehr langsam. In der Mitte des Laderaums angekommen, verstummt der Motor und der PUMA wird in Ketten gelegt. Beim Flug, auch bei starken Flugmanövern darf es sich keinen Millimeter bewegen. Eine Gewichtsverlagerung könnte katastrophale Folgen haben.

Kaum in Ketten, ist die A400M startklar. Sie soll eine Stunde lang mit dem Puma fliegen und dann wieder in Wunstorf landen. Wie verhält sich das Luftfahrzeug während des Flugs? Diese Erkenntnisse sind von besonderem Interesse.
Dann rollt der A400M mit enormem Schub los. In nur wenigen Sekunden hebt die Maschine dank der fast 44.000 Pferdestärken problemlos ab. Beim äußeren Anblick könnte man meinen, das Flugzeug hätte nichts geladen.
Am Ende hat alles funktioniert. Mit dieser Erkenntnis ist klar, die Grenadiere können jetzt schnell auch über längere Wegstrecken in den Einsatz verlegt werden. Um dort als QRF eingesetzt zu werden. Damit steht eine weitere Option für den Operationsplan Litauen zur Verfügung.
André Forkert






