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Ursprünglich war der Verband für einen Einsatz in Afghanistan vorgesehen, nun erwartet die Geschwaderführung des Hubschraubergeschwader 64 (HSG 64) beginnend 2021 einen Einsatz im westafrikanischen Niger.

Das HSG 64 ist das einzige Hubschraubergeschwader der deutschen Luftwaffe und ist an zwei Standorten – in Laupheim, südlich von Ulm und Holzdorf, südlich von Berlin – stationiert. Es verfügt derzeit über Luftfahrzeuge vom Typ CH-53 GA/GE/GS sowie Airbus H145M Light Utility Helicopter Special Operations Forces (LUH SOF).

Der Auftrag des HSG 64 ist die Durchführung des Lufttransports von Personal und Material mit Hubschraubern. Daneben baut das HSG 64 derzeit die Fähigkeit zur Combat Search and Rescue (CSAR) auf und verfügt hierzu über speziell ausgebildetes Personal, u.a. die Kampfretter in der 2. Fliegenden Staffel (2. FlgStff HSG 64). Darüber hinaus hat das HSG 64 den Auftrag zur direkten taktischen Unterstützung der Spezialkräfte der Bundeswehr – dem Kommando Spezialkräfte (KSK) und dem Kommando Spezialkräfte Marine (KSM). Hierfür stehen speziell ausgewählte und ausgebildete Hubschrauberbesatzungen zur Verfügung. Die H145M LUH SOF und deren Besatzungen sind in der 4. FlgStff beheimatet und gehören seit 2016 ebenfalls zu den Spezialkräften der Bundeswehr. Zukünftig sind auch eigenständige Operationen dieser in der Bundeswehr einzigartigen Einheit denkbar.

Einsatz in Westafrika rückt näher

Eigentlich sollten die H145M LUH SOF als Schutzkomponente dieses Jahr nach Afghanistan verlegen und dort dann gemischte Einsätze mit den NH90 des Heeres fliegen. Doch diese Pläne sind vom Tisch, nach derzeitigen Plänen werden im Oktober ausschließlich NH90 nach Afghanistan verlegen und die dort eingesetzten CH-53 ablösen. Die CH-53 werden im Anschluss zurück nach Laupheim verlegt. Dennoch bereitet sich das Geschwader laut Oberst Christian Mayer, dem Kommodore des HSG 64, auf eine neue Auslandsmission vor, jedoch in Westafrika.

In Laupheim arbeitet man eng mit den Spezialkräften zusammen, daher richtet sich in diesen Tagen immer wieder der Blick auch nach Calw und der dortigen Situation, nicht nur für Ausbildungsvorhaben. Oberst Mayer bestätigt: „Klar, das beschäftigt uns. Sollte das Kommando in Calw aufgelöst werden, so wie es ja gegebenenfalls im Raum steht, stellt sich die Frage: Welche Auswirkungen hat das für das HSG 64?“ Trotz der Geschehnisse in Calw gehen das Training und die gemeinsame Ausbildung natürlich weiter. Doch derzeit findet vor allem ein intensives Training mit den Spezialkräften der Marine aus Eckernförde statt. Die Führung des Geschwaders erwartet für 2021 eine gemeinsame Auslandsmission im westafrikanischen Niger.

Die Spezialkräfte der Marine sind dort bereits seit 2018 aktiv und bilden spezialisierte Kräfte des Niger, am ehesten vergleichbar mit den deutschen Fallschirmjägern oder den Spezialisierten Kräfte des Heeres mit Erweiterter Grundbefähigung (SpezKrH EGB), aus. Laut Bundeswehr ist ein Leistungsstand, welcher sich dem der SpezKrH EGB annähert, das Ziel der dort stattfindenden Ausbildung. Neben den Kampfschwimmern (Funktion als Ausbilder) sind dort daher auch immer wieder Fallschirmjägerkräfte im Einsatz. Im Februar und März 2020 wurden zur Ausbildung und für die Zertifizierungsübung “Black Dagger 2020” erstmals auch H145M LUH SOF in den Niger verlegt.

Oberst Mayer: „Bisher liefen diese Aktivitäten nicht als Einsatz, sondern als Military Assistance Mission im Sinne der Ertüchtigungsmaßnahmen der Bundesregierung. Künftig sollen sie jedoch mit einem Mandat des Bundestags, das die sogenannte G5-Sahel-Region umfasst, in den europäischen Trainigseinsatz Mali (EUTM Mali) der Bundeswehr integriert werden.“

Mit diesen Ausbildungsunterstützungen soll die Umsetzung der Ziele der afrikapolitischen Leitlinien der Bundesregierung umgesetzt werden. Die Region soll durch die Unterstützung stabilisiert werden, und Terroristen aus ihren Rückzugsorten verdrängen. Vor allem aber sollen die Staaten in die Lage versetzt werden, dass Machtmonopol von Terroristen und Kriminellen zurück zu gewinnen und eigenständig für die Sicherheit im Land und der Region zu sorgen. Wie hoch die Gefährdungslage in der Region ist, zeigt allein schon die Tatsache, dass für die Ausbildungsmission Spezialkräfte ausgesucht wurden und nicht reguläre Infanterieverbände.

Wie die Sicherheitslage in Niger derzeit konkret aussieht, verdeutlicht der Anschlag vom 10. August, bei dem acht französische Entwicklungshelfer der Organisation Acted, die auf humanitäre Hilfe spezialisiert ist, ums Leben gekommen sind. Die Regierungen des Niger und Frankreichs stuften den Vorfall als Terroranschlag ein. Die Attentäter kamen auf Motorrädern und lauerten der Gruppe in einem Naturreservat auf. Der Gouverneur der Tillabéri-Region, Tidjani Ibrahim Katiella, sagte: „Sie wurden abgefangen und getötet.“ Nigers Präsident Mahamadou Issoufou nannte die Tat auf Twitter einen „feigen und barbarischen Terrorakt“.

CH53-Einsatz in Afghanistan weiterhin eine Option

Die derzeit noch fünf in Afghanistan genutzten CH-53 sollen nach dem Eintreffen der NH90 zurück nach Deutschland verlegen. Nach jetziger Planung würden sie dann rund 18 Monate später wieder nach Afghanistan aufbrechen. Doch der Plan der USA und die laufenden Friedensverhandlungen mit den Taliban könnten die Planung noch einmal völlig umwerfen.

Die derzeit noch fünf in Afghanistan genutzten CH-53 sollen nach dem Eintreffen der NH90 zurück nach Deutschland verlegen. (Foto: Bundeswehr)

Sollte US-Präsident Donald Trump seine Ankündigung auch umsetzen, und die amerikanischen Truppen im Herbst aus Afghanistan abziehen, könnte dies zu einem schnellen Ende des Einsatzes dort führen. Dann könnte es passieren, dass die NH90 gar nicht mehr verlegen und die CH-53-Einsatzkräfte noch etwas länger dort bleiben, um danach aber endgültig heimzukehren.

Laut Oberst Mayer ist die Flugstundenzahl der CH-53 konstant auf einem nach wie vor deutlich zu niedrigen Niveau mit Tendenz weiter abnehmend. „Es gestaltet sich zunehmend schwieriger, Ersatzteile zu beschaffen.“ Um die schlechte Verfügbarkeit der CH-53G-Flotte der Luftwaffe zu verbessern erhielt vor wenigen Wochen Sikorsky einen Auftrag für Ersatzteillieferungen bis Ende der Nutzungsdauer. Die Beschaffung der dringend benötigten Teile wird über die NSPA (NATO Support and Procurement Agency) abgewickelt. Sie läuft „über die verbleibende Nutzungsdauer der CH-53G-Flotte, die voraussichtlich bis in die 2030er Jahre andauern wird“, so Sikorsky. Zuvor war Airbus für diese Aufgabe zuständig.

Auch in Laupheim erwarten alle sehnsüchtig die Einführung des neuen schweren Transporthubschraubers STH, der die CH-53 von 2024 an ablösen soll. Die endgültige Entscheidung über die zur Auswahl stehen Muster Sikorsky CH-53K King Stallion sowie der Boeing CH-47 Chinook soll noch 2021 erfolgen. Dann stünde dem Geschwader ein weiteres Luftfahrzeugmuster für die Unterstützung der Spezialkräfte zur Verfügung.

André Forkert