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Als rückstoßarmes und schultergestütztes Mehrzweckwaffensystem entwickelt, wird das Wirkmittel 90 mm durch Dynamit Nobel Defence (DND) seit Ende 2016 an die Spezialkräfte der Bundeswehr ausgeliefert. Nun soll das Waffensystem den Waffenmix weiterer Truppenteile der Bundeswehr erweitern.

Das im feuerbereiten Zustand nur rund elf Kilogramm wiegende Wirkmittel 90 mm mit dem Effektor Spreng MZ mit einem programmierbaren Mehrzweckgefechtskopf befähigt die Soldaten ein breites Zielspektrum, bei einer Distanz bis 600 Metern im direkten Schuss (leicht gepanzerte Punktziele und Infrastrukturziele) bzw. bis zu 1.200 Metern im Luftsprengpunkt (ungepanzerte Flächenziele), äußerst zielgenau zu bekämpfen. Neben dem genannten Effektor Spreng MZ wurden durch die Bundeswehr auch weitere Munitionssorten (Antistruktur, Nebel RP, Leucht IR und Übung PT) beschafft.

Nutzerkreiserweiterung

Durch die Nutzerkreiserweiterung werden beginnend Anfang 2021 beim Heer die Truppengattungen Infanterie, Pioniere und Heeresaufklärung mit dem Waffensystem Wirkmittel 90 mm ausgestattet. Zusätzlich werden die infanteristisch kämpfenden Einheiten von Luftwaffe, Marine und Streitkräftebasis berücksichtigt.

Funktionsweise Wirkmittel 90 mm

Der Systemhersteller DND hat das Waffensystem Wirkmittel 90 mm als Familie konzipiert. Die Basis bildet das Feuerleitvisier der Fa. Hensoldt Optronics.

Nachfolgende Effektoren können damit eingesetzt werden:

  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Spreng MZ DM11, zum Bekämpfen von stehenden und beweglichen ungepanzerten Einzelzielen bis 600 m mit Aufschlagzündung, infanteristische Punktziele in und hinter Deckung bis 1200 m mit Luftzündung.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Nebel RP DM15, zum Blenden des Gegners bis 1.200 m.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Leucht IR DM16, zur Beleuchtung des Gefechtsfeldes bis 1.700 m im nicht sichtbaren Bereich.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Übung DM18, zum Schul- und Gefechtsschießen, markieren von Zielen bis 600 m mit Aufschlagzündung und warnen des Gegners bis 1.200 m mit Luftzündung.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm ASM DM22, zum Bekämpfen von leicht gepanzerten, stehenden und beweglichen Fahrzeugen bis 600 m, infanteristischen Zielen in Schutzzuständen und zum Aufbrechen von Schutzzuständen.

Als weiterer Effektor wird zurzeit das leichte Wirkmittel 1800+ gerüstet. Es handelt sich um einen leichten, schulterveschießbaren Lenkflugkörper, welcher unter Leitung der MBDA Deutschland GmbH hergestellt wird.

Das hervorstechende Merkmal am Wirkmittel 90 ist die bis dahin unerreichte Fähigkeit, ein ungelenktes und ballistisch fliegendes Geschoss einer Schulterwaffe bis auf eine Distanz von 1.200 m präzise einzusetzen. Dazu misst der Schütze mittels des im Feuerleitvisier integrierten Laserentfernungsmessers die exakte Distanz zum Ziel und gibt an, mit welchem Zündermodus (Aufschlag oder Luftzündung) das Ziel bekämpft werden soll. Über einen Munitionsspeicher, welcher sich im Effektor befindet, erhält das Feuerleitvisier die ballistischen Daten. Diese werden durch das Feuerleitvisier ausgewertet. Nach dem Einschalten des Feuerleitvisiers findet eine Kommunikation mit dem Munitionsspeicher statt. Die geladene Munitionssorte wird dem Schützen im Display angezeigt. Alle notwendigen Informationen werden nach dem Entsichern an den Zünder weitergegeben und dem Schützen in Sekundenbruchteilen in Form einer geänderten Zielmarke einblendet.

Das Wirkmittel 90 mm basiert auf dem Daviskanonenprinzip (Gegenmassenprinzip). Nach dem Abfeuern des Wirkmittels sorgt eine gelbasierte Gegenmasse dafür, dass das Wirkmittel rückstoßarm eingesetzt werden kann. Das im flügelstabilisierten Geschoss integrierte Marschtriebwerk sorgt für eine konstante Geschwindigkeit des Geschosses. Diese konstante Geschwindigkeit und die hochpräzise Messung der anfallenden Beschleunigungswerte mittels des von Junghans Defence gefertigten Zünders DM1625 (Spreng) / DM1626 (Leucht/Nebel/Übung) macht es einerseits möglich, dass das Wirkmittel 90 mm zu einem hohen Maße seitenwindunabhängig verschossen und andererseits auch auf Distanzen von 1.200 m punktgenau vor, hinter oder über dem gewünschten Ziel eingesetzt werden kann. Dies entspricht einer Verdreifachung der sonst üblichen Einsatzreichweiten von ballistisch abgefeuerten Schulterwaffen. Am Detonationspunkt werden, beispielsweise bei der Patrone Spreng MZ, ca. 3.500 Wolframschwermetallkügelchen in alle Richtungen über dem Ziel beschleunigt.

Die Kombination der präzise arbeitenden und leicht zu bedienenden Technik befähigt den Schützen – selbst in Stresssituationen – auch bei weiten Entfernungen zu einer hohen Ersttrefferwahrscheinlichkeit. Der Schütze wählt nur das zu bekämpfende Ziel und den dafür zu nutzenden Effektor aus. Alle weiteren Bedienschritte werden im Feuerleitvisier angezeigt.

DND investiert in neue Produktionskapazitäten und Weiterentwicklung der Waffe

Die Nachfrage nach rückstoßarmen Schulterwaffen ist nicht nur in der Bundeswehr sehr groß. Die derzeitige Auftragslage führte dazu, dass das Unternehmen sich dazu entschlossen hat eine eigene Fertigungslinie für die breite Produktfamilie einzurichten. Der erste Spatenstich für den neuen Produktionskomplex auf dem Werksgelände im nordrhein-westfälischen Burbach erfolgte im März 2020. Die Nutzung der neuen Anlagen zum Gießen, Mischen, Temperieren und Trocknen von Explosiv- und Sprengstoffen soll nach Angaben des Unternehmens bereits 2022 möglich sein. Dabei sollen auch neuartige Fertigungsverfahren für Gefechtsköpfe zum Einsatz kommen.

International wird die Wirkmittelfamilie 90 mm von DND unter dem Namen RGW 90 LRMP Familie vermarktet. Diese gehört zur größeren Kategorie der RGW 90 Systeme, die auch Panzerabwehreffektoren beinhaltet. Das RGW steht für Recoilless Grenade Weapon (Rückstoßarme Granatwaffe) und die 90 für das Kaliber des Gefechtskopfes in Millimetern.

Panzerabwehr

Die RGW 90 HH (HEAT/HESH) verfügt über einen Monohohlladungssprengkopf und kann somit auch gegen gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt werden. Diesen Munitionstyp gibt es bereits in der dritten Generation. Mit einem Gewicht von ca. siebeneinhalb Kilogramm, können bis zu 700 Millimetern Panzerstahl auf eine Kampfentfernung von 700 Metern – die Trefferwahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent auf 2,3 Meter x 2,3 Meter NATO-Standardziel – durchschlagen werden. Somit können mit der RGW 90 HH A3 bspw. Kampfpanzer des Typs Kampfpanzer T54 oder T72 – vorausgesetzt sie verfügen über keine Reaktivpanzerung – erfolgreich bekämpft werden.

Das RGW 90 HH A3 kann nun bis zu 700 mm Panzerstahl durchschlagen. (Foto: DND)

In der Prototypenphase befindet sich die RGW 90 HH-T mit HEAT/HESH Tandemhohlladungsgefechtskopf. Eine Marktverfügbarkeit dieser Munitionsart wird Seitens DND ab 2022 angegeben. Bei ähnlicher Größe zur RGW 90 HH soll diese Munitionsart noch größere Durchschlagsleistungen erzeugen und auch mit Reaktivschutz versehene Panzer bekämpfen können.

Waldemar Geiger