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Professional Military Education ist in aller Munde. Häufig auf das reine Lesen verkürzt, wird es im anglo-amerikanischen Umfeld deutlich umfänglicher wahrgenommen und umfasst insbesondere auch die, teils sogar wissenschaftliche, Auseinandersetzung mit Fragen aus den Bereichen Command, Leadership sowie Tactics, Techniques and Procedures. Dieser über alle Dienstgradgruppen hinweg geführte offene Diskurs wird vornehmlich durch verschiedene Blogs und Webseiten gespeist, auf denen Autoren sowohl unter Klarnamen als auch anonym ihre Beiträge einstellen. Die Qualität der Produkte ist dabei unterschiedlich. Besonders hoch aber ist sie bei der Webseite The Cove, welche von der Australian Army betrieben wird.

Auf dieser ist auch die Studie „Achtung – Boxer!“ erschienen, welche von Major Joshua Higgins, einem Angehörigen des Australian Army Armoured Corps und Lehrgangsteilnehmer am United States Marine Corps Command and Staff College, verfasst wurde.[1]

Der Wert dieser Studie besteht dabei weniger darin, dass die Spezifika des australischen BOXER Combat Reconnaissance Vehicle[2] und seiner Bewaffnung – to Spike or not to Spike[3] – diskutiert werden. Vielmehr ist es der detaillierte Nachweis der Aufgaben von Kavallerie, der für das Zusammenspiel unserer Truppengattungen und ihren taktischen Ansatz Fragen aufwirft, welche unsere eigenen Regelungen in der Bundeswehr gegenwärtig nur teilweise beantworten.

Higgins zeigt anhand von historischen Beispielen auf, dass die Kavallerie in der Moderne immer drei Zwecken diente, überträgt dies auf das heutige Kriegsbild und entwickelt somit seine cavalry trinity:

Cavalry’s three purposes of

  1. orientation [of the commander],
  2. dislocation, and
  3. disruption

form a trinity that shapes appropriate cavalry use.[4]

Zudem bettet er diese gleichwertig zu verstehenden Aufträge in den taktischen Kontext ein und erarbeitet damit die Art und Weise der Auftragserfüllung – und somit die Grundlage für Einsatzgrundsätze:

The cavalry context dilemma contains three parts that formulate the unique nature of cavalry operations.

First, cavalry performs operations with a constant desire for an economy of force.

Second, sound cavalry employment pursues disproportionate effects.

Third, the commander’s understanding of the cavalry force’s capabilities concerning assigned missions underpins sound cavalry employment.[5]

Seine Auffassung des Wesens von Kavallerie in der Moderne fasst er am Ende wie folgt zusammen:

By the conduct of reconnaissance, security, transition, and disproportionate economy of force-driven offensive, defensive, and stability operations, cavalry forces support the commander through orientation, dislocation, and disruption.[6]

Dies ist aus deutscher Sicht bemerkenswert, da dies weit über unser derzeitiges Verständnis vom Wesen sowie der davon abgeleiteten Struktur und den Einsatzgrundsätzen der deutschen Truppengattungen hinausgeht. Sein Verständnis erinnert dabei an den Einsatz der vormaligen Panzeraufklärungsbataillone.

Im angelsächsischen Kontext ist dies wenig diskussionswürdig, da ohnehin common sense. Dort wird das „wie“ diskutiert, nicht das „ob“. Dies gilt insbesondere auch für die US Army, welche sogar einen Großteil der von Higgins verwendeten Fallbeispiele liefert. Wie sieht dies nun aus deutscher Perspektive aus?

Zur doktrinären Beantwortung dieser Frage hilft der Blick in die aktuellen Regelungen der Truppenführung, welche die Allied Joint Publications der NATO in deutsche Regelungen überführen und somit auch den Manoeuvrist Approach[7] in unseren Vorschriften gebracht haben. Damit sind neben den durch das Higgins’sche orient ermöglichten Umsetzungsmöglichkeiten seizing the initiative und pre-emption[8] auch die beiden Handlungen dislocate[9] und disrupt[10] durch uns zu betrachten.

Wer im Heer aber soll diese zeitlos gültigen Aufträge der vormaligen Kavallerie übernehmen, nutzt das Momentum in der Tiefe und wagt den Husarenstreich bei günstiger Gelegenheit, um disruption oder gar dislocation zu erreichen? Hier hilft ein Blick in die Geschichte, verfügte die Bundeswehr doch vormals über ein genau zu diesem Zwecke bestens aufgestelltes Instrument: die in der Heeresstruktur 4 als Gefechtsverband gegliederten Panzeraufklärungsbataillone.[11] Mit seinen Panzergrenadier-, Panzer-, Mörser- und Pionierkräften war das Bataillon befähigt, das Gefecht der verbundenen Waffen selbstständig zu führen. Ein ideales Mittel, um den Coup de grâce zu führen und jedwede günstige Gelegenheit für dislocation und disruption zu nutzen.[12] Den Anteil orient vermochte das Bataillon mit seinen Spähtrupps damals ebenfalls abzudecken. Damals fand somit in einem Verband zusammen, was den gesamten Bereich des Dreiecks Move-Strike-Protect nach Fuller abdeckt[13], die Fähigkeiten glichen mit ihren Stärken die jeweiligen Schwächen untereinander aus und die Vorgaben in den Vorschriften spiegelten den Einsatzzweck wider.

Das Move-Strike-Protect Dreieck nach John Frederick Charles Fuller und die Verortung verschiedener Truppengattungen/Fähigkeiten Graphik: Felix Lotzin)

Auch heute noch verfügen unsere mechanisierten Brigaden über die Fähigkeiten die damals auch in einem Panzeraufklärungsbataillon abgebildet waren. Die heutigen Aufklärungsbataillone selbst sind angesichts ihrer Waffensysteme nur sehr bedingt zur Durchführung von Aufträgen außerhalb der reinen Aufklärung befähigt und sehen dies in ihren Führungsvorschriften oberhalb der Truppebene auch gar nicht mehr vor.

Und obschon sich die Fähigkeiten der Kampftruppe grundsätzlich eignen würden, um dislocation und disruption zu erzielen, bleibt doch ein Restzweifel, ob sie dies leisten können. Sind unsere ohnehin wenigen Kampfverbände dazu befähigt, auf einem immer unübersichtlicheren, überdehnten Gefechtsfeld in der Tiefe – dem forward deep –  sich bietende Lagen rasch auszunutzen?

Zweifel sind angebracht, ohne die Fähigkeiten der Kampftruppe in Frage zu stellen. Die geringe Anzahl der Verbände und Waffensysteme, logistische Unselbstständigkeit, die das ganze Heer umtreibende Anfälligkeit für feindliche Luftstreitkräfte auf dem Marsch und letztlich die Bedeutung für den Kampf gegen die feindlichen Kräfte – den close fight – legen nahe, dass diese letztlich hierfür nicht zur Verfügung stehen werden. Ebenso fehlt in den Brigaden die das Gefecht der verbundenen Waffen überhaupt ermöglichende Artillerie, die als Divisionstruppe den Brigaden nur nachrangig indirektes Feuer in die Tiefe des Feindes liefert.

Und selbst wenn dies ad hoc von der Kampftruppe und Kampfunterstützern gefordert werden würde: der Kampf in der Tiefe erfordert besondere Ausbildung, welche sich durch eine rasche ablauforganisatorische Lösung wohl eher nicht herbeiführen lassen wird.

Die Panzeraufklärungsbataillone werden in naher Zukunft nicht zurückkehren. Es ist zudem nicht einmal sicher, ob sie es genau in dieser Struktur überhaupt sollten. Die ihnen vormals über reine Aufklärung hinausgehenden aufgetragenen Aufträge aber übernimmt derzeit in den Brigaden und Divisionen des Heeres niemand. Die taktischen Aufgaben aber sind geblieben.

Wie auch immer eine moderne Brigadekavallerie aussehen sollte, ob sie fliegt, fährt, läuft oder hovert – sie muss sich daran messen lassen, dass sie über den Anteil orient hinaus auch disruption und dislocation zumindest unter günstigen Umständen erzielen kann und damit die Brigaden zum anteiligen Kampf in der Tiefe befähigt werden.

Autor: Major Felix Lotzin ist Kompaniechef 2./Aufklärungsbataillon 6. Dieser Artikel gibt ausschließlich seine persönliche Meinung wieder.


Quellenverzeichnis

[1] Higgins, Joshua. ACHTUNG – BOXER! HOW TO EMPLOY CAVALRY IN THE MIDTWENTY-FIRST CENTURY. The Cove, 21. April 2020. https://cove.army.gov.au/article/achtung-boxer-how-employ-cavalry-the-mid-twenty-first-century

[2] https://esut.de/2019/09/meldungen/ruestung2/15438/erster-boxer-crv-in-australien-uebergeben/

[3] The Defense Post. Australia’s new Boxer CRVs will carry Israel’s Spike LR2 anti-tank missiles. 31. März 2018. https://www.thedefensepost.com/2018/05/31/australia-boxer-crv-spike-missiles-israel/

[4] Vgl. Fn 1.

[5] Vgl. Fn 1.

[6] Vgl. Fn 1.

[7] Manoeuvre […] It is the process by which combat power is focused where it can have decisive effect, to pre-empt, dislocate, or disrupt adversary operations. It involves trade-offs (e.g., speed versus time, width versus depth, concentration versus dispersion), and thus requires an acceptance of risk. – AJP 3.0, Edition C, Version 1, FEBRUARY 2019, 1-21.

[8] There are four ways that the manoeuvrist approach can be implemented in practice and that are applicable to the full range of tactical activities. These are, in order of preference: seizing the initiative; pre-emption; dislocation; and, disruption. – ATP 3.2.1, NOVEMBER 2009, 1-10.

[9] To dislocate the enemy is to deny him the ability to bring his strength to bear. Its purpose is much wider than disruption and goes beyond the frustration of the enemy’s plans. Its purpose is to render the strength of elements of the force irrelevant. It seeks to avoid fighting the enemy on his terms. – ATP 3.2.1, NOVEMBER 2009, 1-10.

[10] To disrupt is to attack the enemy selectively in order to break apart and throw into confusion the assets that are critical to the employment and coherence of his combat power. It is a deliberate act that requires sound intelligence. Its purpose is to rupture the integrity of the enemy’s combat power and to reduce it to less than the total of ist constituent parts. ATP 3.2.1, NOVEMBER 2009, 1-10.

[11] Siehe hierzu https://de.wikipedia.org/wiki/Panzeraufkl%C3%A4rungstruppe_(Bundeswehr)#Heeresstruktur_4_(1980%E2%80%931990)

[12] Gleichwohl muss zugestanden werden, dass das Bataillon häufig als „Hammer der Division“ und selbstständiges Manöverelement genutzt wurde. Dies mindert aber nicht die Befähigung zur Lösung der beschriebenen Aufgaben.

[13] Die Grundlagen für dieses Dreieck finden sich in: The Foundations of the Science of War. Fuller, JFC. Hutchinson & Co., Ltd. 1926. 83ff. 

Für eine tiefergehende Diskussion dieser Zusammenhänge vergleiche: Fighting by Minutes. Time and the Art of War. Leonhard, Robert. Praeger Publishers Inc. 1994.