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Die Verbreitung unbemannter Luftfahrtsysteme (UAS), insbesondere einfacher handelsüblicher Drohnen, nimmt rapide zu. Eine abstrakte und konkrete Bedrohung durch Drohnen ist mittlerweile weltweit allgegenwärtig. Solche Drohnen, dies zeigen die Krisen und Konflikte der jüngsten Zeit, werden je nach Bedarf als Sensor zur Übermittlung von Stellungsdaten, als Träger für Wirkmittel wie bspw. Handgranaten oder als eigenständige kinetische Geschosse verwendet.

Mit der steigenden Verbreitung solcher UAS kommt daher der Drohnenabwehr eine immer größere Bedeutung zu. Die Abwehr gestaltet sich jedoch herausfordernd. Die wehrtechnische Industrie hat unterschiedlichste plattformgebundene und auch plattformungebundene Lösungen im Angebot, von denen die meisten deutliche Nachteile für die Streitkräfte mit sich führen. Die wenigsten Systeme ermöglichen eine querschnittliche Drohnenabwehr gegen handelsübliche Drohnen. Gründe dafür sind hohe Kosten, Sperrigkeit oder Gewicht. Wenn ein Abwehrsystem mehrere Millionen kostet, wird es sich kaum eine Armee der Welt leisten können, die gesamte Truppe mit diesem System schützen zu können. Wenn eine Abwehrsystem einen extra dafür designierten Bediener in Hauptfunktion benötigt, wird auch das dazu führen, dass sich kaum eine Streitkraft den Einsatz solcher Systeme, selbst wenn diese günstig sein sollten, leisten kann, da dafür schlichtweg nicht genügend Personal bereitsteht. Die Herausforderung besteht aber trotzdem, denn ein solches UAS kann jederzeit und überall in jedem Szenario auftauchen und die Truppe vor ernsthafte Probleme stellen. Dies gilt sowohl für Stabilisierungsoperationen als auch für Einsätze im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung. Ein effektives und effizientes „Drohnenabwehrsystem aller Truppen“ muss also günstig und einfach in der Bedienung sein, damit es querschnittlich in die Truppe eingeführt werden kann. Es muss weiterhin so gestaltet sein, dass es in Nebenfunktion durch jeden Soldaten intuitiv und erfolgreich eingesetzt werden kann. Das SMASH-System des israelischen Herstellers Smart Shooter könnte ein solches System sein. Zumindest mehren sich die Berichte über erfolgreiche Tests dieses Systems in den NATO-Streitkräften. Seit Anfang Oktober 2020 wissen wir nun, dass auch die niederländischen Streitkräfte das System erfolgreich getestet haben.

SMASH-Tests in den Niederlanden

Am 06. Oktober 2020 gab das niederländische Verteidigungsministerium bekannt, dass die niederländischen Streitkräfte am 01. Oktober 2020 erfolgreiche Tests mit dem SMASH-System in Verbindung mit dem Colt C7, dem Standardsturmgewehr der niederländischen Streitkräfte im Kaliber 5,56 x 45 mm, als Mittel zur Drohnenabwehr absolviert haben. Neben dem niederländischen Heer, was für die Ausrichtung der Tests verantwortlich war, hat sich auch die königlich niederländische Luftwaffe an den Tests beteiligt.

Die niederländische Luftwaffe nimmt eine immer größer werdende Bedrohung handelsüblicher Drohnen in der Nähe von Flugplätzen war. Diese können beispielsweise als potentielle kinetische Geschosse gegen Flugzeuge in der Start- bzw. Landephase missbraucht werden. Gegenwärtig wäre der Einsatz der persönlichen Schusswaffe durch Sicherungskräfte die realistischste Option gegen eine solche Bedrohung. Die geringe Treffwahrscheinlichkeit führt jedoch dazu, dass dieser Auftrag nicht wirksam wahrgenommen werden kann. Mit einem Zielsystem, das dem aktuellen Stand der Technik entspricht, könnte sich dies langfristig ändern, so teilte es das niederländische Verteidigungsministerium mit.

Die Kombination Colt C7 in Verbindung mit dem Smartshooter-System erwies sich als sehr effektiv: alle Ziele wurden innerhalb weniger Schüsse eliminiert. (Foto: Defensie NL)

Die niederländische Luftwaffe war bereits mit dem Potential des intelligenten Feuerleitsystems „Smartshooter“ vertraut, so die Meldung weiter. Die einzige unbekannte Frage war, ob es in Kombination mit dem Colt C7 wirksam sein würde. Während der Schießtests wurden mehrere, von der Luftwaffe als potentielle Gefahr klassifizierte Drohnen beschossen. Die Kombination Colt C7 in Verbindung mit dem Smartshooter-System erwies sich als sehr effektiv: alle Ziele wurden innerhalb weniger Schüsse eliminiert.

Neben dem Colt C7 wurde den Bildern zufolge auch mit dem SCAR von FN-Herstal geschossen. (Fotos: Pathfinder Platoon 11. AMB)
Screenshot des zwischenzeitlich gelöschten Beitrages auf der Facebook-Seite des „Pathfinder Platoons“. (Screenshot: Waldemar Geiger / Fotos: Pathfinder Platoon 11. AMB)

Weitere am Test beteiligte Kräfte wurden seitens des niederländischen Verteidigungsministeriums nicht weiter spezifiziert. Aus einem zwischenzeitlich gelöschten Beitrag auf der Facebook-Seite des „Pathfinder Platoons“ (niederländisches Äquivalent eines Fallschirmspezialzuges) der niederländischen 11. Luchtmobielen Brigade geht hervor, dass zwei Soldaten des Zuges an den Tests beteiligt waren. Der Meldung nach wurde eruiert, ob das Smartshooter-System dazu genutzt werden könnte, den Luftraum einer Landezone von möglichen Drohnengefahren freizuhalten. Es wird darauf verwiesen, dass das System die Wahrnehmung von zusätzlichen Aufträgen mit demselben Material (gemeint sind die Handwaffen Anm. d. Red.) befähigt.

SMASH-Feuerleitvisier für Handwaffen

Bei der SMASH Familie handelt es sich um Feuerleitsysteme für Handfeuerwaffen. SMASH kombiniert elektrooptische Hardware mit eingebetteter Bilderkennungssoftware und einem ballistischen Rechner. Nach Angaben des Herstellers kann das System für den Tag- und Nachtkampf genutzt werden und bietet verschiedenen Modi: Drohnenmodus, Zielerkennung, Lock & Track, Aufnahme (Foto; Video) – z.B. für trainingstechnische Nachbesprechungen oder juristische Zwecke. Das System unterstützt bei der Positionsstabilisierung, kann gegen statische und dynamische Ziele eingesetzt werden und hilft dem Schützen, Ziele vor verschiedenen Hintergründen eindeutig zu lokalisieren. Die erweiterten Echtzeit-Szenarienanalyse- und -Zielalgorithmen, die in das SMASH-Feuerleitsystem integriert sind, können so selbst schwer erfassbare Ziele wie Drohnen bei Tag oder Nacht ermitteln, verfolgen und bekämpfen.

Inspiriert von der Raketen-Lock-On- und Kampfflugzeug-HUD-Technologie schließt SMASH mehrere Fehler der Schützen aus, einschließlich falsches Zielen, Reißen am Abzug, Verkanten sowie falsches Abschätzen von Entfernungen und Vorhalt.

Ziel- und Schießvorgang

SMASH arbeitet automatisch, aber nicht autonom. Ist ein Ziel einmal erkannt und durch den Schützen festgelegt, errechnet der analytische Algorithmus eine Schusslösung, selbst wenn sich Schütze oder Ziel in der Bewegung befinden. Unter Berücksichtigung der jeweiligen Bewegung vom Ziel und dem Schützen berechnet das System kontinuierlich den für einen Treffer erforderlichen Haltepunkt. Dieser dynamische Haltepunkt wird kontinuierlich in dem Okular angezeigt und bietet dem Schützen so eine deutlich höhere Trefferwahrscheinlichkeit für jeden Schuss. Der Schütze betätigt den Abzug, das System sperrt den Abzug auf eine mechanische Art und erlaubt eine Schussauslösung nur dann, wenn der Schütze den Zielpunkt der Waffe über den errechneten Haltepunkt eines vorher markierten Ziels führt. Der Schuss bricht dann automatisch. Mittels Knopfdruck ermöglicht das System dem Schützen, das Gewehr bei Bedarf auch manuell abzufeuern (unter Umgehung des Feuerleitsystems). Mit einem weiteren Tastendruck kann das System wieder eingeschaltet werden.

Der Hersteller verspricht, dass mittels dieser Lösung jede Standard-Handfeuerwaffe – egal ob Sturmgewehr, Scharfschützengewehr oder Maschinengewehr – in eine effektive Drohnenabwehrwaffe verwandelt werden kann.

Waldemar Geiger