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Nach dem mutmaßlich islamistischen Terroranschlag von Wien am 2. November 2020 werden nun immer mehr Details zur Lagebewältigung bekannt. Erste Notrufe über ein „Active Shooter Szenario“ in einem beliebten Ausgehviertel gingen gegen 20:00 Uhr bei der Polizei ein. Bereits um 20:09 Uhr konnte ein Sturmgewehrschütze der Einsatzeinheit WEGA den 20 Jahre alten Attentäter neutralisieren. Dieser hatte zuvor vier Menschen getötet und 28 verletzt – darunter einen Polizeibeamten. Bei dem Attentäter handelt es sich um einen wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung vorbestraften Mann mit österreichischer und nordmazedonischer Staatsangehörigkeit. Seine Wurzeln soll er im Sandschak haben. Ob es weitere Täter gab ist noch nicht abschließend geklärt, zeitweise ging man von mindestens einem zweiten Mann aus.

Bewaffnet war der islamistische Terrorist mit einem Sturmgewehr nach AK-47-Bauart (7,62 mm x 39) vermutlich eine Zastava M70. Dazu kam eine Pistole Zastava M57, dabei handelt es sich um eine jugoslawische Lizenzversion der Tokarew TT-33 im Kaliber 7,62 mm x 25 Tokarew. Ebenso führte er eine Machete und eine Umhängetasche mit Reservemagazinen mit sich. Weiterhin hatte er eine Sprengstoffwesten-Attrappe angelegt. Das erscheint ungewöhnlich, zumal terroristische Netzwerke mit Verbindungen zur Organisierten Kriminalität auf dem Balkan technisch und materiell in der Lage sind, Sprengstoffwesten zu bauen. Eine Attrappe kann aber in anders gelagerten Fällen, so sagen Beobachter, für eine perfide Taktik genutzt werden. Stattet man jugendliche Täter mit Attrappen aus und provoziert so gegebenenfalls die Sicherheitsorgane, diese Täter zu neutralisieren, ließe sich das propagandistisch ausschlachten.

Aufgrund der bisherigen Indizienlage und vor dem Hintergrund, dass der Covid-19-bedingte Lockdown eine noch höhere Opferzahl wahrscheinlich verhindert hat, halten es österreichische Insider für wahrscheinlich, dass dieser Anschlag eine Art Testballon gewesen sein könnte, um die Reaktionsfähigkeit der Sicherheitsbehörden auszukundschaften.

Die schnelle Reaktion der Polizei Wien trug ihrerseits dazu bei, dass nicht noch mehr Opfer zu beklagen waren. Das schnelle Heranführen starker Kräfte mit Schutzausstattung, das Abriegeln und systematische Absuchen der Umgebung des Anschlagortes, der Zugriff auf weitere Verdächtige gelten als Schlüssel zum Erfolg. Durch den Objektschutzeinsatz des Bundesheeres konnten weitere Polizeikräfte eingesetzt werden. Zudem hielt sich das Jagdkommando, der Spezialkräfteverband des Bundesheeres, als Eingreifreserve bereit. Auf taktischer Ebene hat sich die querschnittliche Ausstattung auch der Streifenpolizei mit Schutzausstattung, Sturmgewehr und Laser-Licht-Modul bewährt (auch wenn die LLM nicht überall im Einsatz waren).

WEGA

Neben Streifenpolizisten kam vor allem die Einsatzeinheit WEGA (vom früheren Namen Wiener Einsatzgruppe Alarmabteilung) zum Einsatz. Sie zählt zu den Spezialeinheiten der österreichischen Polizei in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien. Sie ist der Landespolizeidirektion Wien, genauer der Abteilung für Sondereinheiten (ASE), unterstellt. Die WEGA wird in erster Linie bei Einsätzen mit erhöhtem Gefährdungsgrad angefordert und am ehesten mit den amerikanischen Special Weapons And Tactics (SWATs) oder deutschen Spezialeinsatzkommando (SEK) vergleichbar. Auch wenn die WEGA im Laufe der Jahre vielfach reformiert wurde, ist sie die älteste polizeiliche Sondereinheit Österreichs.

Die WEGA gilt als reine operative, nicht als ermittelnde Einheit. Das Aufgabengebiet umfasst vor allem verbarrikadierte Personen, Selbstmörder oder wie diese Woche Amokläufer/Terroristen aufzuhalten und zu ergreifen. Die WEGA-Einsatzkräfte werden eingesetzt bei Razzien und Durchsuchungen, bei denen mit Widerstand gerechnet wird, bei risikoreichen Verhaftungen sowie anderen Einsätzen, bei denen mit Widerstand gerechnet werden muss oder Zugriffe bei denen Seiltechnik erforderlich sind. Sie werden auch gerufen bei der Auflösung von Hausbesetzungen, bei Greiftruppeinsätzen im Rahmen des Großen Sicherheits- und Ordnungsdienstes (GSOD), oder zum Objektschutz von besonders gefährdeten Einrichtungen.

Die Ausrüstung und die Struktur der Einheit orientiert sich an jener diverser US-amerikanischer SWAT-Teams. Die Kräfte warten nicht, wie andere Spezialkräfte in Liegenschaften auf ihren Einsatz, sondern sind in speziell ausgerüsteten Sektorfahrzeugen in Zwei-Mann-Teams im überlagernden Streifendienst unterwegs. Der große Vorteil dieser Sektorstreifen ist, dass binnen kürzester Zeit ein vollausgerüstetes Zugriffsteam verfügbar ist. Als gutes Beispiel kann der Einsatz von Montag in Wien angeführt werden. Die Spezialisten waren sofort vor Ort und Griffen bereits wenige Minuten nach Alarmierung ins Geschehen ein. Glaubt man der Berichterstattung, gelang es nach „nur“ neun Minuten das Ausschalten eines Terroristen. Außerdem werden generell in Wien alle Aufgaben, die den normalen Risikorahmen der Polizei übersteigen, allerdings noch nicht in den Aufgabenbereich des Einsatzkommandos Cobra, den Spezialkräften der österreichischen Bundespolizei, fallen bzw. dieses nicht rechtzeitig einschreiten kann, der WEGA überlassen.

Primärwaffe ist die in der österreichischen Polizei übliche Pistole Glock 17 mit einem zusätzlichen Laser-Lichtmodul, im Sektorstreifen- sowie Überwachungsdienst wird zusätzlich das Steyr StG 77 A3 als Langwaffe mit einer Aimpoint-Optik und Surefire Laser-Lichtmodul mitgeführt, Beamte mit Sicherungsschützenausbildung haben zusätzlich einen zuklappbaren dreifach Magnifier. Weitere Waffen sind die Mehrzweckpistole MZP (Heckler & Koch HK69) zum Verschießen von Tränengas, der Taser X2, der Einsatzstock (Tonfa) und Pfefferspray

Die Kopfbedeckung für Angehörige der WEGA ist ein auch international bei Sondereinheiten übliches weinrotes Barett, im Einsatz stehen Beamten verschiedene Modelle von Schutzwesten und Helmen als Schutzausrüstung zur Verfügung, die auf verschiedene Einsatzlagen zugeschnitten sind.

Der Fuhrpark der WEGA umfasst neben Sektor- und Zivilfahrzeugen der Typen VW Sharan, VW Touareg und VW Passat auch Spezialfahrzeuge wie den Sonderwagen 4 (TM-170) von Rheinmetall als gepanzertes Einsatzfahrzeug, mehrere Wasserwerfer sowie sogenannte „Einsatzmittelfahrzeuge“ mit zusätzlicher Ausrüstung. Die Einsatzmittelfahrzeuge transportieren schweres Gerät wie z.B. Motorsägen, Rammen oder hydraulische Spreizgeräte, das unter anderem zum gewaltsamen Eindringen in Objekte dient.

Die Gründung der WEGA geht auf die Ereignisse im Zuge des Justizpalastbrandes im Jahr 1928 als Gründung der Alarmabteilung aus den Reihen der Wiener Sicherheitswache zurück. Ab dem 30. Juni 2017 unterstützten 200 österreichische Polizisten, darunter neben 20 Mitgliedern des Einsatzkommandos Cobra auch 70 Beamte der WEGA, die deutsche Polizei im Rahmen des G20-Gipfels in Hamburg.

André Forkert und Jan-Phillipp Weisswange