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Tarnung dient dazu, das Erscheinungsbild von Personen, Fahrzeugen und Einrichtungen so zu verändern und an die Umgebung anzupassen, dass sie nicht mehr zu erkennen oder nur noch mit Mühe zu identifizieren ist.

Klassisch wird dies zum Beispiel mit Hilfe von Tarnkleidung und Tarnnetzen mit Tarnmustern sowie Ausnutzung von natürlichen Phänomenen, Tarnmitteln und Gegebenheiten, wie beispielsweise Schatten, Bewuchs und Geländemerkmale, erreicht. Die bekannteste und einfachste optische Tarnung im Bereich der Bundeswehr sind der seit 1991 eingeführte Tarndruck „Flecktarn“ der Uniformen und Tarnanstriche für Fahrzeuge. Mit unterschiedlichen Farben und Tarnmustern wurde die Tarnung für verschiedene Umgebungen (z.B. Wald, Wüste, Trockengebiete, Winter) angepasst.

Durch technische Entwicklungen im Bereich der sensorgestützten Signal- und Signaturerkennung kommen auf die rein optische Tarnung abzielende Maßnahmen mittlerweile an die Grenzen. Es ist daher kaum mehr möglich sich der Auffindbarkeit zu entziehen. In dem heutigen Sprachgebrauch muss daher eher von Signaturreduzierung gesprochen werden. Ziel ist somit nicht die Unsichtbarkeit, sondern die Erschwerung der Auffindbarkeit.

Die moderne Tarnung ist facettenreich und muss daher auf viele Bereiche angewendet werden, unter anderem auf optische, thermische und elektronische (multispektrale) Tarnung, akustische Tarnung, Verwischung von Spuren sowie Geruchstarnung.

Um diesen facettenreichen Herausforderung begegnen zu können, unterhält die Bundeswehr in Storkow (Mark) einen Technologiestützpunkt Tarnen und Täuschen, der aus dem Vorläufer bei der Nationalen Volksarmee (NVA) weiterentwickelt worden ist. Schon vorher – seit 1934 – arbeiteten Soldaten und Techniker in Brandenburg an Möglichkeiten, den Gegner zu täuschen, oder sich der gegnerischen Aufklärung durch Tarnung zu entziehen. Im „Pionierstützpunkt Tarnen und Täuschen“  werden Tarn- und Täuschmitteln wie Attrappen und Täuschreflektoren gegen Infrarot- und Radaraufklärung entwickelt und in Versuchsübungen untersucht. Aus der Zusammenarbeit mit wehrtechnischen Dienststellen und Forschungsinstituten ergeben sich Unterstützungsleistungen für die Gruppe Weiterentwicklung der Pioniertruppe und Hilfen für die Pioniertruppe und alle Truppen bei der Ausbildung im Gebiet „Tarnen und Täuschen“.

Tarnung von Fahrzeugen

Für Fahrzeuge ist seit 1996 das Mobile Camouflage System (MCS) aus dem Hause Saab Barracuda in der Truppe weit verbreitet. In der Bundeswehr wird das MCS als Multispektraler Mobiler Tarnsatz (MMT) bezeichnet und ist für den Kampfpanzer Leopard 2, die Panzerhaubitze 2000, den Schützenpanzer Marder, das GTK Boxer, Bergepanzer 3 Büffel, Wolf, Fennek eingeführt und für weitere Fahrzeuge in Entwicklung.

Das Mobile Camouflage System (MCS) ist wie eine Uniform für Gefechtsfahrzeuge. Es tarnt gegen Aufklärung durch das menschliche Auge sowie Sensoren, vermindert die Wärmeabstrahlung, führt aber zu keinerlei Einschränkung des Fahrzeuges in der Bewegung oder im Kampf. (Foto: Saab)

Das MCS/ MMT ist wie eine Uniform für das Gefechtsfahrzeug. Die Soldaten können ihre Fahrzeuge ohne Einschränkungen einsetzen und ihre Aufgaben vollständig erfüllen. Gleichzeitig bietet das MCS/MMT den vollen multispektralen Schutz, statisch und in der Bewegung. Die Tarnnetze, z.B. ULCAS (Ultra Lightweight Camouflage System), kommen zum Einsatz, wenn das Fahrzeug für längere Zeit steht. Das Netz bietet volle Fahrzeug-Abdeckung und es ist nahezu unmöglich, das Fahrzeug darunter zu entdecken. Für vollständige Unsichtbarkeit werden das MCS und das ULCAS-Netz zusammen verwendet. Die Eigenschaften im ULCAS und im MCS ergänzen sich gegenseitig, so Saab. Sowohl UV-Strahlen, das gesamte visuelle Spektrum, Infrarotabstrahlungen, kurz-, mittel- und langwellige Wärmesignaturen als auch Radarfrequenzen von 0 bis 100 Gigahertz werden somit absorbiert.

So wird zum Beispiel im Radarbereich ein Radarimpuls zuerst im Netz absorbiert und die Reste des Impulses werden durch das MCS absorbiert. Barracuda ist in der Lage, die Tarnung mit MCS und Netzen auf ein bestimmtes Fahrzeug zuzuschneiden, sowohl in Bezug auf die Tarnperspektive als auch auf die Benutzerfreundlichkeit.

ULCAS wird von Hersteller Saab in den Ausführungen Woodland, Desert und Artic in jeglichen Größen angeboten. Die Anpassung an kundenspezifische Anforderungen hinsichtlich Tarnmuster, Farbgebung und Größe kann Saab nach eigenen Angaben jederzeit und in beliebiger Stückzahl gewährleisten.

Wüsten sind mit extremer Hitze am Tag und zum Teil Frost bei Nacht eine echte Herausforderung für die Tarnung. Hinzu kommen komplexe Oberflächen und Staub, der die Ausrüstung erheblich beansprucht. Auch in Wäldern bietet sich im Verlauf der Jahreszeiten eine extreme Varianz an optischen Gegebenheiten und Temperaturen. Die Arktis ist die bei weitem herausfordernde Umgebung für Besatzungen und Tarnung. Große Kälte und Stürme, erhebliche Temperaturunterschiede zwischen der Umwelt, den Fahrzeugen und den Menschen erschweren effektive Tarnung ungemein.

Der leitende Entwicklungsingenieur Dr. Johan Jersblad, der seit 17 Jahren bei Saab Barracuda arbeitet, erläutert: „Jedes Gelände erfordert eine andere Art der Tarnung. Für Wüsten haben wir eine Bibliothek mit Sand aus allen Regionen der Erde. Für einen maximalen Schutz braucht man die besten Farben und Schattierungen von Anfang an. Dann muss sich das Netz den Temperaturbedingungen seiner Umgebung anpassen können. Im Wald ist es ein bisschen einfacher. Der Trick dabei ist, dafür zu sorgen, dass das Netz die gleiche Temperatur wie der Untergrund hat. Beispielsweise strahlen Kampfpanzer sehr viel Wärme ab, die unsere Netze verbergen muss, zumal der Wald nachts erheblich abkühlt. Jegliche Wärme muss auf natürlichem Wege abgeführt werden, zum Beispiel durch den Wind. Bei Bedarf kann unserer Tarnung auch natürliche Vegetation hinzugefügt werden, um sich noch besser in die Umgebung einzufügen. Die Arktis ist bei weitem die komplexeste Umgebung, in der man arbeiten kann. Fahrzeuge geben in sehr kalter Umgebung große Wärmemengen ab und sind dadurch schwer zu tarnen. Wir verwenden hier spezielle Materialien, um die Tarnung dennoch zu gewährleisten. Wärme- oder Infrarotuntersuchungen sind für unsere technologische Weiterentwicklung besonders wichtig. Unsere Materialien reflektieren die Infrarotspiegelungen des Schnees, so dass ein Beobachter nur die Spiegelungen sieht und nicht das Fahrzeug. Jedes Gelände stellt uns vor neue Herausforderungen, deshalb müssen wir innovativ bleiben und unsere weltweit führenden Systeme weiterentwickeln. Permanent forschen wir daher besonders in den Bereichen Material, Textilien, Farben und Pigmentierung.“

Neue Tarnnetze

Die Bundeswehr beabsichtigt die Beschaffung von statischen Tarnnetzen. Dabei handelt es sich um multispektrale Tarnnetze der 3. Generation. Anvisiert sind rund 60.000 Stück in den Farben Grün, Wüste und Schneetarn.

In Deutschland waren Tarnnetze der ersten Generation (Typ 1) die eingeschnittenen PVC-Netze. Das Tarnnetz der zweiten Generation (Typ 2) war ein flaches 2D-Netze, das auf der einen Seite (Rückseite) uni-grün und auf der anderen Seite in Tarnfarben bedruckt war. Das Netz ist schwer entflammbar und gegen Verrottung behandelt. An den Ecken befinden sich Befestigungsbänder. Heute bieten die Tarnnetze der zweiten Generation keinen ausreichenden Schutz gegen die modernen Sensoren auf dem Gefechtsfeld, insbesondere gegen Infrarotkameras (IR) als Drohnennutzlast oder abbildende Radarsysteme.

Die Tarnnetze der Zukunft sind dreidimensional (3D). Sie müssen in jeder Hinsicht der Umgebung ähnlich sein, um Schutz zu bieten. Die Netze der 3. Generation bestehen aus zwei Schichten, einer blattähnlichen Garnierung und einer Unterlage. Diese Netze ähneln dann der Natur sowohl im Aussehen (3D-Blattaufschnitt) als auch in der Farbe. Zudem absorbieren diese Netze die Radarstrahlung, in dem die Beschichtungen der Unterlage so ausgelegt ist, dass sie die einfallende Radarstrahlung absorbiert.

Die heutigen Sensoren zur Aufklärung arbeiten in verschiedenen Wellenlängen des elektromagnetischen Spektrums: visuell, nahes Infrarot, thermisches Infrarot und Radar. Ein leistungsfähiges Tarnnetz schützt in mehreren Bereichen dieser Spektren und schützt den Benutzer so vor allen Sensoren. Deshalb wird es multispektral genannt.

Reflektiertes Licht wird von einem Objekt zurück geworfen, im Bereich Ultraviolet (UV), VIS (sichtbar) 380 bis 780 nanometers (nm), Near-infrared (NIR) 780 bis 1200 nm, Shortwave-infrared (SWIR) 900 bis 1700 nm, und im Bereich Thermal-Infrared (TIR) als MWIR (Midwave-infrared) 3 bis 5 µm (3000 – 5000 nm) sowie LWIR (Longwave-infared) 8 bis 12 µm (8000 – 12000 nm). (Grafik: Saab)

Tarnsysteme wie MCS/MMT – insbesondere die Variante Heat-Reduction, HTR – sind gleichzeitig Strahlungsschutz und können die Aufwärmung durch Sonneneinstrahlung von Fahrzeugen, Kommandoständen, Zelten und Containern um bis zu 80 Prozent reduzieren, insbesondere bei Betriebstemperaturen von -21°C bis +80°C. Dadurch kann die Innentemperatur eines Fahrzeugs gesenkt und die Durchhaltefähigkeit von Personal und elektronischer Ausrüstung verlängert werden Neben der Tarnwirkung führt dies zu einem effizienteren Wärmemanagement vor Ort und spart Treibstoff ein, zum Beispiel durch die Reduzierung der zur Kühlung von Fahrzeugen und Motoren benötigten Energie. Aus operationeller Sicht sind Tarnnetze wie ULCAS einfach zu verwenden und zu handhaben, sie bieten alle erforderlichen Eigenschaften in einem einzigen Stück Textil und sind zudem mit 250 Gramm pro Quadratmeter sehr leicht.

Die U.S. Army nutzt das U.S. Army’s Next-Generation Ultra-Light Camouflage Netting System (ULCANS) von Fibrotex USA Inc., einer Tochtergesellschaft von Fibrotex aus Israel. Der Vertrag von 2018 hat eine Laufzeit von zehn Jahren, mit einem Gesamtwert von 480 Millionen US Dollar. Zwei Jahre lang testete die U.S. Army (durch das Natick Soldier Systems Center) verschiedene Produkte. Dabei mussten die Tarntechnologien gegen die fortschrittlichsten Gefechtsfeldüberwachungssensoren der U.S. Army antreten. Die Produkte der Muttergesellschaft Fibrotex Technologies Ltd (FTL) wurden dabei speziell für das US-Verteidigungsministerium modifiziert.

André Forkert