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Am 30. November hat die bayerische Polizei zwei Anti-Terror-Geländewagen vom Typ LAPV (Light Armoured Patrol Vehicle) ENOK erhalten. Mitte Dezember führten die bayerischen Polizei-Spezialkräfte erneut ein Schießen mit dem Fahrzeug und seiner Waffenanlage durch. Danach wurde das Gesamtsystem, inklusive der Waffenanlage, für den Dienstgebrauch freigegeben und hat damit die volle Einsatzreife (Full Operation Capability – FOC) erreicht.

Das Fahrzeug

Als Plattform wird der mehr als sechs Tonnen schwere geschützte Geländewagen ENOK 6.2 des Herstellers ACS aus Derching bei Augsburg genutzt. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hatte bereits im Februar am Standort des Herstellers das erste Fahrzeug übernommen. Die Bezeichnung ENOK 6.2 nimmt Bezug auf das Gesamtgewicht des Fahrzeugs. Es weist günstige technische Parameter, wie eine hohes Leistungsgewicht, große Rampenwinkel etc. auf. Diese Parameter, kombiniert mit einer Fahrzeugbreite von unter zwei Metern, erhöhen die taktische Beweglichkeit und geben den Nutzern deutlich mehr Flexibilität, ohne Abstriche bei Nutzlast oder Schutz machen zu müssen. Der ENOK 6.2 ist Teil eines Familienkonzeptes, bei dem mit den ENOK 5.4 und ENOK 7.5 noch jeweils eine größere und kleinere Fahrzeugvariante erhältlich ist. An weiteren ENOK-Varianten wird aktuell gearbeitet. Als Basis wird das Chassis des G-Modells von Mercedes-Benz genutzt.

Das Fahrzeug kann in Flugzeugen und Hubschraubern verladen werden. Das Fahrgestell lässt auch den Transport als Außenlast unter einem MTH/STH zu.

Die Entscheidung für den Erwerb solcher Fahrzeuge für Bayern war 2016 nach dem Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum in München mit zehn Toten gefallen. Für den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann sind die Geländewagen “eine wichtige Ergänzung” für die bayerische Polizei. “Ihnen kommt eine immer größere Bedeutung zu“, so der Minister. Das zeigten vor allem die zunehmenden terroristischen Aktivitäten auf traurige Art und Weise. Als Beispiel führte Hermann die Anschläge von Halle, Dresden, Wien und Frankreich an.

Um eine Flächenpräsenz bieten zu können, erhalten die Spezialeinsatzkräfte (SEK) in München und Nürnberg je eines dieser Offensivfahrzeuge.

Der ENOK ist bei der Bundeswehr, der Bundespolizei, beim SEK Niedersachsen, in Montenegro sowie den Schweizer und finnischen Streitkräften im Einsatz. Laut Polizei-Kreisen zeigen auch weitere Bundesländer sowie Österreich und die Schweiz Interesse. Auch soll das Fahrzeug in Bayern bereits mehrfach zum Einsatz gekommen sein und sich dabei bestens bewährt haben.

Fahrzeuge gegen schwer bewaffnete Täter

Anders als die üblichen Polizeifahrzeuge, wird der ENOK nicht in silber-blau, sondern in einem matten Oliv lackiert. Der ENOK ist besonders stark gegen Beschuss, aber auch gegen Ansprengungen und Splitter, gepanzert. Die Fahrzeuge sollen zum Einsatz kommen, wenn schwer bewaffnete Täter größtmöglichen Schaden anrichten wollen bzw. der Verdacht auf eine Terrorlage besteht. „Darauf müssen wir bestmöglich vorbereitet sein, auch wenn unseren Sicherheitsbehörden derzeit keine konkreten Anschlagsgefahren bekannt sind”, meinte Herrmann.

Als Bewaffnung verfügt der bayerische ENOK über eine Waffenanlage mit Krähennest (Südbayern) als Schutz für den Bediener und eine fernbedienbare Waffenstation für Nordbayern. Hersteller ist der israelische Rüstungskonzern Rafael, die geforderten polizeilichen Anpassungen nahm Dynamit Nobel Defence vor. Als Waffe dient ein Maschinengewehr MINIMI MK3 von FN Herstal in 7,62×51 mm.

Bayerns Polizei bekommt ein Modell, das trotz des besonderen Schutzes aufgrund seiner geringen Abmessungen auch für Einsätze in Städten geeignet ist. Damit können die Spezialeinheiten sicher an den Einsatzort gelangen und gegen die Täter vorgehen. Außerdem können Opfer oder gefährdete Personen unter Schutz aus Gefahrenzonen gebracht werden. Der ENOK ist in der leichteren Variante 5.4 bei der finnischen Polizei und Streitkräften im Einsatz, die Bundespolizei hat mehrere ENOK 6.2 für den Schutz von Flughäfen und für die spezialisierte Einheit BFE+ beschafft. Auch bei der Landespolizei Niedersachsen gibt es ein Fahrzeug.

Weitere Waffenstation integriert

Im Oktober wurde auf den TeutoDefence Germany Behördentagen eine weitere Version des ENOK 6.2 vorgestellt. Diese war ausgestattet mit einer „Fernbedienbaren Leichten Waffenstation“ (FLW) deFNder Light des belgischen Herstellers FN Herstal. Das neue taktische Fahrzeugsystem wurde unter der Federführung von TeutoDefence Germany und der Integration einer Waffenstation von FN Herstal und dem LAPV ENOK erfolgreich umgesetzt.

Holger Veh, Geschäftsführer der TeutoDefence Germany, betont, dass „die deFNder Light nicht nur sehr leicht, sondern auch einfach und schnell in Fahrzeuge integrierbar ist“. Dem schließt sich auch Sebastian Schaubeck, COO bei ACS, mit den Worten an: „Die Integration der FN Waffenstation war erstaunlich problemlos!“ Damit sind auf dem ENOK bereits drei fernbedienbare Waffenstationen erfolgreich eingerüstet und erprobt worden. Dem Vernehmen nach laufen aktuell Gespräche, eine weitere fernbedienbare Waffenstation einzurüsten und zu erproben.

Nach dem Entschluss, die Waffenstation auf das Fahrzeug zu integrieren, vergingen gerade mal zwei Wochen bis zur Einsatzreife des Systems. Die Montage/Integration der Waffenstation erfolgte in den Räumlichkeiten von TeutoDefence Germany. Die technische Unterstützung wurde aus einem Dreimann-Team, bestehend aus jeweils einem Mitarbeiter von TeutoDefence Germany, FN Herstal und ACS, erfolgreich umgesetzt.

Als Waffen kann die FLW deFNder Light die Maschinengewehre MINIMI 5,56×45 mm NATO (M249), MINIMI 7,62×51 mm NATO und MAG 58 (M240) 7,62×51 mm NATO aufnehmen. Die Waffenstation deFNder Light besteht aus zwei Hauptbaugruppen: die Oberdeck-Baugruppe mit Waffenmodul, einschließlich Maschinengewehr, Visiermodul, Munitionskasten (250 Patronen 7,62×51 mm), Mast mit Azimut- und Elevationsauslösern (-60 Grad bis +80 Grad) und Schleifring, sowie das Unterdeck mit Bedienerkonsole mit Display für die Zielvisualisierung und -bekämpfung (Farb-CCD-Kamera mit Zoom) und Bedienungsgriff (Joystick) für Ziel-, Schuss- und Visierauswahl.

Das Gesamtgewicht liegt bei 90 kg, die Aufbauhöhe der Waffenanlage bei weniger als 520 mm. Mit der MINIMI 5,56×45 mm ist sie mit 80 kg sogar leichter. Die Waffenanlage ist gyroskopisch stabilisiert, einschließlich eines stabilisierten Aufklärungsbildes und der Zielverfolgung. Damit kann die Waffenanlage bei Tag und Nacht eingesetzt und direkt an ein Battle Management System (BMS) angebunden werden. Die patentierte Stabilisatoranlage ermöglicht den qualifizierten taktischen Einzelschuss und kommt damit einer der wichtigsten Anforderung der Polizei nach: Der Stabilisator (Wiegensystem) – im Zusammenspiel mit dem geringen Rückstoß – erhöht nicht nur die Erstschusstrefferwahrscheinlichkeit, sondern garantiert auch, dass der zweite, dritte und vierte Schuss identisch mit dem ersten im Ziel liegt. Nach Aussage von Veh wurde das Wiegensystem speziell auf die FN Herstal-Maschinengewehre abgestimmt.

Die Bedienmöglichkeiten der Waffenanlage ermöglichen sowohl den Einzelschuss als auch einstellbare Längen von Feuerstößen. Eingebaut ist auch ein Schusszähler.

André Forkert