Print Friendly, PDF & Email

Die Produkttechnologien von W.L. Gore & Associates (Gore) sind seit etwa Ende der 80er Jahre ständiger Begleiter des Bundeswehrsoldaten. Gore Ausrüstungs- und Bekleidungsgegenstände schützen Soldaten vor extremen Wetterbedingungen und helfen damit die Kampfkraft des Soldaten zu erhalten. Soldat & Technik sprach mit Thomas Meyer, über die unterschiedlichen Gore Produktgenerationen und Verwendung bei den Streitkräften sowie Praxistipps für die Nutzung.

S&T: Herr Meyer können Sie sich, ihre Funktion bei W.L. Gore und die einzelnen, für Streitkräfte relevanten Gore-Technologien kurz vorstellen?

Meyer: Ich bin knapp 20 Jahre bei Gore als Key Account Manager Funktionstextilien für militärische Anwendungen. In dieser Funktion betreue ich zum einen unsere Lizenz Partner, die aus Laminaten dann die Funktionsbekleidung, Schuhe oder Handschuhe herstellen und zum anderen bin ich der direkte Ansprechpartner für die Streitkräfte in der D/A/CH Region und NL. Davor war ich 13 Jahre als Offizier mit Studium in der Fallschirmjägertruppe. Als Oberstleutnant bin ich immer noch in der Reserve im Bereich Zivil-militärische Zusammenarbeit aktiv.

Als global aufgestelltes Technologieunternehmen legen wir bei Gore besonderen Wert auf Produktinnovation und -integrität. Mit diversem Produktangebot verfügt Gore, neben Nordamerika und Asien, über Vertriebsniederlassungen und Fertigungsstätten in den wichtigsten europäischen Ländern und bedient die hiesigen Märkte mit Produkten aus allen Unternehmensbereichen von Medizin, Elektronik, Industrie, Luft- und Raumfahrt bis Textilien. Im Standort Putzbrunn bei München, Sitz der W.L Gore Associates GmbH, ist unter anderem auch die Produktion und Entwicklung für alle technischen Funktionstextilien (d.h. Militär, Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte und Arbeitsschutz) für den europäischen Markt. Dies spiegelt auch die Bedeutung der Bundeswehr und des deutschen wehrtechnischen Marktes für Gore und ist ein klares Bekenntnis zum Standort Deutschland.

Seit etwa Mitte der 80er Jahre ist Gore Hauptlieferant und Entwicklungspartner für Funktionstextilien für fast alle NATO Armeen, insbesondere auch für die Bundeswehr. Das prominenteste Produkt ist sicherlich der GORE-TEX Nässeschutzanzug. In den letzten Jahrzehnten wurden aber zusammen mit den verschiedenen Dienststellen der Bundeswehr zahlreiche weitere Gore Produkte eingeführt; dazu gehören beispielsweise das neue Kampfstiefel-Konzept mit dem leichten und schweren Stiefel, diverse Winterhandschuhe, unterschiedliche Nässeschutzbekleidung, Schlafsacküberzüge, aber auch Kälteschutzbekleidung. Dazu kommen noch Produkte für speziellere Anwendungen wie Seenotrettung oder Produkte, wo es in erster Linie um Schutz vor Hitze und Flammen geht, wie bspw. der Bordparka Marine oder die Fliegersonderbekleidung bestehend aus Fliegerjacke und -overall und Fliegerstiefel.

Zudem sind wir in Europa und Nordamerika in viele große Entwicklungs- und Beschaffungsprogramme eingebunden, wo die Streitkräfte meistens querschnittlich mit einem neuen Bekleidungssystem komplett ausgerüstet werden, wie z.B. der IdZ ES (Infanterist der Zukunft erweitertes System) der Bundeswehr, ECWCS (Extended Cold Weather Clothing System) in den USA, Soldato Sicuro in Italien,  MBAS (Modulares Bekleidungs- und Ausrüstungssystem) in der Schweiz oder DOCS (Defense Operational Clothing System) in den Niederlanden.

Neben Textilien bietet Gore noch eine Vielzahl anderer Produkte im Bereich Defense an, die für den Soldaten nicht so leicht erkennbar, aber oft lebenswichtig sind. Das Produktspektrum geht von dünnen, leichten und langlebigen Datenkabel für Kommunikation am Soldaten über Hochleistungskabel in modernen Panzern wie Boxer, Lynx oder Leopard II, die diverse Aufklärungskameras und Radarsysteme verbinden bis Hochgeschwindigkeitsdatenkabel und Kabelbaugruppen, die in modernen Kampfjets wie dem Eurofighter oder im Hubschrauber NH 90 verbaut werden. Gore Kabel zeichnen sich durch ihre Kompaktheit sowie Langlebigkeit in widrigen Umgebungsbedingungen aus. Ebenso zuverlässig sind Gores Flugzeugdichtungen. Seit mehr als 20 Jahren verwenden führende Militärflugzeughersteller Gore Dichtungen, um ihre Anforderungen zur Abdichtung und zum Oberflächenschutz an Paneelen, Bodenbrettern, Windschutzscheiben, Antennen und Treibstofftanks zu meistern.

Neben Textilien bietet Gore noch eine Vielzahl anderer Produkte im Bereich Defense an, die für den Soldaten nicht so leicht erkennbar, aber oft lebenswichtig sind. (Graphik: W.L. Gore)

S&T: Nur um ein Beispiel herauszugreifen, wie kommt es, dass viele Soldaten privat beschaffte Nässeschutzjacken als funktionaler empfinden als dienstlich gelieferte Jacken? Gibt es etwa unterschiedliche Gore-Tex Membranen?

Meyer: Es ist immer etwas schwierig zivile mit militärischer Nässeschutzbekleidung direkt zu vergleichen. Die Anforderungen an militärische Bekleidung sind generell sehr hoch und komplex. Es gilt hierbei immer die drei wesentlichen Einflussfaktoren – Schutz, Haltbarkeit und Tragekomfort – bestmöglich aufeinander abzustimmen. Insbesondere beim Schutz haben wir neben dem Nässe- und Windschutz weitere Anforderungen, die technisch in die Funktionstextilien dauerhaft intergriert werden müssen wie z.B. Tarnung, oder auch teilweise Vektorenschutz (Insekten und Kriechtiere) sowie Hitze- und Flammschutz. Zudem muss militärische Bekleidung möglichst lange halten und eine hohe Wasch- und Pflegebeständigkeit erfüllen. So hat zum Beispiel ein sehr leichtes, dünnes Material in der Regel eine geringere Strapazierfähigkeit.

Hinzu kommt auch, dass die bei der Bundeswehr querschnittlich getragene GORE-TEX Nässeschutzbekleidung noch zum größten Teil aus der ersten Generation GORE-TEX Membrane stammt, die Anfangs der 90er Jahre mit der damals neuen Feldbekleidung im 5-Farb-Tarndruck eingeführt wurde. Im Zuge der Entwicklungsprogramme IdZ ES und Kampfbekleidung Einsatz/Übung wurde etwa im Jahr 2006 eine zweite Generation Nässeschutzbekleidung konzipiert, die nun seit 2019 für die nächsten Jahren der Truppe zugeführt wird. Diese Technolgie zeichnet sich vor allem durch einen verbesserten Tragekomfort sowie mehr Funktionalität beim Design aus und ist auch im 3-Farb-Tarndruck verfügbar.

Zeitstrahl Innovations-/Beschaffungszyklen am Beispiel des Bundeswehr Nässeschutz (Graphik: W.L. Gore)

S&T: Kennen Sie Möglichkeiten und Wege wie Beschaffungsprozesse und die Technologieinnovationszyklen im Bereich der Bekleidung und persönlichen Ausrüstung etwas näher zusammengebracht werden konnten?

Meyer: Die Bekleidung und persönliche Ausrüstung der Bundeswehr wurde aufgrund der zunehmenden Auslandseinsätze in den letzten Jahren modernisiert, aber die Truppe ist querschnittlich immer noch nicht vollständig damit ausgestattet. Hinzu kommt, dass die Beschaffungszyklen mit neuen Bekleidungstechnologien im Durchschnitt zur Zeit bei etwa 20 Jahren liegen. Das würde bedeuten, dass unsere Soldatinnen und Soldaten im Jahr 2040 mit der Technologie ausgestattet werden, die heute schon marktverfügbar ist, aber in 20 Jahren sicherlich nicht mehr auf dem neuesten Stand sein wird. Es besteht also dringender Handlungsbedarf die Zukunftsfähigkeit bei Bekleidung zu optmieren, ganz besonders vor dem Hintergrund etwaiger Haushaltseinsparungen durch die Corona-Krise.

Aus Sicht der Industrie gibt es diverse Handlungsfelder, die die Rüstung und Beschaffung effizienter und flexibler gestalten können. Zunächst die Frage wie und welche Anforderungen müssen an die militärische Bekleidung gestellt werden, um zu verhindern, dass viele miteinander konkurrierende Anforderungen in einem Textil intergriert werden und es immer wieder zu Absicherungsdenken von Beteiligten kommt und auch die Zulassungsverfahren für die Hersteller langwierig, teuer und kompliziert werden.

Außerdem sollten Zuständigkeiten und Entscheidungen in der Aufbau- und Ablauforganisation sowie eine regelmäßige Kommunikation aller Beteiligten – intern wie extern – eindeutig geregelt werden, denn nicht selten bleiben wichtige Informationen innerhalb und zwischen den Dienststellen auf der Strecke, was auch oft mit der räumlichen Disslozierung und den unterschiedlich berechtigten Interessenlagen der vielen Beteiligten zu tun hat. Nicht zuletzt mangelt es auch an textilem Fachpersonal, also „boots on the ground“ in der Verwaltung und Technik, die die Vielzahl der häufig komplexen Projekte adäquat und fachgerecht betreuen können.

Lösungsansätze gibt es sicherlich viele und und einiges ist bereits auch schon in der Planung und Umsetzung. Eine Möglichkeit ist – wie bereits bei den US-Streitkräften seit Jahren gängige Praxis – die Aufstellung von Test- und Versuchskräften, die als Nutzer in einer Art „Innovation Hub“ für Bekleidung und Ausrüstung mit Industrie, Wissenschaft und Bedarfsdecker eingebunden sind. Damit könnte auch in Deutschland ein kontinuierliches Test- und Lernumfeld institutionlisiert werden, ohne dass dadurch gleich ein Rüstungs- und Beschaffungsprozess eingeleitet oder gar gegen Vergaberecht verstoßen wird.

S&T: Wie sieht Ihrer Meinung nach ein modernes Bekleidungskonzept aus, gibt es erfolgreiche Praxisbeispiele?

Meyer: Wenn wir uns das Einsatz-/Kampfbekleidungssystem der Spezialkräfte der Bundeswehr anschauen, dann sehen wir dort schon technologisch ein sehr zeitgemäßes, modular aufgebautes Konzept, wo der notwendige Schutz mit der hohen Bewegungsfreiheit des Soldaten sowie einem gutem Tragekomfort im gesamten Einsatzspektrum erfüllt wird; natürlich immer kombiniert mit speziellen Ausstattungssätzen wie z.B. für Arktis oder Wüste.

Einsatzkampfbekleidung der Spezialkräfte mit GORE® PYRAD® Textiltechnologie, die den Träger im geforderten Maße vor Hitze und Flammen schützt, nachgewiesen in realitätsnahen Beflammungstests bei der EMPA Schweiz und WIS Munster. (Foto: W.L. Gore)

Auch das vor ein paar Jahren eingeführte „Zwei-Stiefel-Konzept“ wurde sehr erfolgreich und positiv von der Truppe aufgenommen. Viele ehemalige oder ältere Soldatinnen und Soldaten erinnern sich sicherlich noch an die einfachen Lederstiefel, die im Winter nass und kalt waren und lange zum Trocknen brauchten und die Passform meistens ein Problem war. Mit dem neuen Konzept können die Soldatinnen und Soldaten nun zwischen einem leichten und schweren GORE-TEX Kampfstiefel von namhaften deutschen Herstellern (Meindl, Haix, Lowa) auswählen und mit entsprechenden Funktionssocken aus Wolle-Gemisch ein breites Temperatur- und Einsatzspektrum problemlos abdecken.

Kampfstiefel schwer und leicht mit GORE-TEX Technologie, Beispielmodelle. Es gibt spezielle Herren- und Damenleisten. (Foto: W.L. Gore)

Interessant finde ich auch das DOCS (Defense Operational Clothing System) für die niederländischen Streitkäfte. Dort soll in den nächsten Jahren ein ganzheitliches Bekleidungssystem für alle Teilstreitkräfte für alle Klimazonen beschafft und weiterentwickelt werden. Das Projekt ist für acht Jahre angesetzt. Es sieht vor, dass marktverfügbare (off-the-shelf) Artikel von einem Industriekonsortium als Generalunternehmer angekauft werden, die dann in den ersten zwei Jahren in Trageversuchen an die Bedürfnisse der Truppe angepasst und dann ab dem dritten Jahr beschafft werden. Im Zuge der Vertragslaufzeit können dann weitere Entwicklungen und Anpassungen mit dem Generalunternehmer vorgenommen werden. Das halte ich für einen sehr pragmatischen und flexbilen Ansatz, denn damit besteht immer die Möglichkeit neue Technologien in das bestehende Konzept zu intergrieren und dieses anzupassen.

S&T: Die Einsatzrealitäten von Soldaten sind vielfältig, was bedeutet das für Sie in der Produktentwicklung? Welche Anforderungen sehen Sie sich gegenübergestellt?

Meyer: Die Realität von weltweiten Einsätzen in allen Klimazonen macht es erforderlich, dass die Truppe auch querschnittlich mit einem Bekleidungssystem ausgestattet ist, das ein sehr hohes Maß an Flexibilität und Modularität bietet. Das Ziel muss es immer sein, dass Soldatinnen und Soldaten mit möglichst wenig, leichten und klein verpackbaren Bekleidungsartikeln, möglichst schnell und gut geschützt ein großes Einsatzspektrum abdecken können.

Eine wesentliche Anforderung sehen wir künftig immer noch darin, die Schutzmöglichkeiten (z.B. Hitze/Flammen, Vektoren, Tarnung, Ballistik etc.) mit hohem Tragekomfort und möglichst viel Bewegungsfreiheit in einer dauerhaft strapazierfähigen Bekleidung zu integrieren.

S&T: Gibt es da noch weiteres Entwicklungspotenzial? Wenn ja, wohin geht die Reise bei den einzelnen Technologien und wann wird man die ersten Produkte auf dem Markt sehen?

Meyer: Eine spannende Herausforderung für unsere Entwicklung ist es, die heute bereits für den GORE-TEX Nässeschutz verfügbaren Innovationen in neue Bekleidungskonzepte einzubringen: Die neue Membrantechnologie für flexible Materialien erhöht den Tragekomfort der Bekleidung und die Bewegungsfreiheit des Trägers deutlich, ohne die notwendige Haltbarkeit herabzusetzen. Die Verbesserung eines Bekleidungsteils muss allerdings, wie erwähnt, in bestehende Beschaffungszyklen und Programme eingepasst werden. Die ersten Armeen in Europa haben schon großes Interesse bekundet diese neue Technologie in den nächsten drei Jahren einzuführen.

S&T: Zum Schluss vielleicht noch ein Tipp für die Produktpflege. Haben Sie Tipps für die Nutzer wie Gore-Produkte zweckmäßig genutzt und gepflegt werden sollten, damit deren volle Funktionsleistung möglichst lange erhalten bleibt?

Meyer: Als ich 1988 zur Bundeswehr kam und wir dann so nach und nach mit dem ersten GORE-TEX Nässeschutzanzug mit Tarndruck ausgestattet wurden, hatte wir noch keine Ahnung, wie diese damals neuartige Bekleidung gewaschen oder gepflegt werden soll. Also haben wir es eher vermieden sie bei Verschmutzung überhaupt zu waschen, sondern lediglich unter kaltem Wasser versucht auszubürsten. Damit haben wir natürlich alles falsch gemacht und ich hoffe, dass die Soldatinnen und Soldaten heute mehr über das Waschen und die richtige Pflege von Funktionstextilien wissen.

Eine große Leidenschaft von Thomas Meyer ist es die Praxistauglichkeit, d.h. das „Fitness-for-Use“ der Gore Produkte in verschiedenen Outdoor Aktivitäten selber zu testen und diese Erfahrungen an andere weiterzugeben. (Foto: W.L. Gore)

Grundsätzlich gilt, dass GORE-TEX Bekleidung problemlos gewaschen werden kann, militärische Nässeschutzbekleidung ist sogar für 60 Grad ausgelegt. Wir empfehlen auch einen Trockner, damit die Imprägnierung auf der Oberfläche möglichst lange erhalten bleibt.

Bei Schuhen oder Kampfstiefeln wird das GORE-TEX Laminat als Futter verarbeitet. Die Wahl des richtigen Imprägniermittels hängt daher vom Obermaterial ab: Imprägniersprays für Rauleder und Kunstfasern sowie Schuhwachs für Glattleder.Ölige oder stark fettende Pflegemittel sind bei GORE-TEX Schuhen tabu, da sonst die Funktionalität der Membran beeinträchtigt werden kann.

Viele weitere hilfreiche Praxistipps zur Pflege und Waschen unserer GORE-TEX Professional Produkte finden sich auch auf unserer neuen Internetseite: Care & Repair

Und für alle privaten Nutzer von GORE-TEX Bekleidung, Schuhen oder Handschuhen, die einen kompetenten Wasch-, Reparatur- und Imprägnierservice suchen, empfehle ich: Wasch-, Reparatur- und Imprägnierservice

Die Fragen stellte Waldemar Geiger.