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Die internationale Evakuierungsmission in Afghanistan nimmt zwar weiter Tempo auf, das Ende ist jedoch in Sicht. Am gestrigen Dienstag wurden 983 Personen, und damit mehr als jemals zuvor, durch die deutschen Streitkräfte von Kabul nach Taschkent ausgeflogen.

Neben der Bundeswehr führen viele weitere Nationen militärische Evakuierungsoperationen aus Kabul durch, koordiniert und abgesichert durch die US-Truppenpräsenz auf dem Kabuler Flughafen. Nach offiziellen Angaben von Vertretern der US-Streitkräfte wurden von Montag auf Dienstag innerhalb von 24 Stunden insgesamt etwa 21.600 Personen aus Kabul ausgeflogen, auch dies eine bis dahin nicht erreichte Zahl. Rund 12.700 dieser Personen wurden von insgesamt 37 US-Flugzeugen evakuiert, etwa 8.900 durch 57 Maschinen anderer Nationen – rund 1.000 davon durch die Bundeswehr.

Ob und wie lange dieses Tempo aufrechterhalten werden kann, ist unterdessen fraglich. US-Präsident Joe Biden hat gestern entschieden, am 31. August 2021 als spätesten Abzugstermin für die letzten US-Truppen festzuhalten. Biden hat den Abzugstermin an einen freien Zugang der afghanischen Bevölkerung zum Flughafengelände in Kabul geknüpft. Darüber hinaus hat er das Pentagon damit beauftragt Alternativplanungen zu erstellen, falls der Termin nicht haltbar sein könnte. Ursächlich für das Festhalten an dem angekündigten Abzugstermin ist offenbar die sich stetig verschlechternde Sicherheitslage. „Jeder Tag, an dem wir vor Ort sind, ist ein weiterer Tag, an dem wir wissen, dass ISIS-K [ISIS-Khorasan ist der afghanische Ableger des Islamischen Staats, Anm. d. Red.] versucht, den Flughafen anzugreifen, um die Streitkräfte der USA und ihrer Verbündeten sowie unschuldige Zivilisten anzugreifen“, sagte der US-Präsident während seiner gestrigen Rede.

Erste Nationen haben Presseangaben nach angekündigt, die Evakuierungsbemühungen bereits zum Ende dieser Woche einzustellen zu wollen. Neben den vor Ort befindlichen Soldaten der internationalen Evakuierungstruppe müssen auch die afghanischen Sicherungskräfte bis zum Ende des Monats ausgeflogen werden. Darüber hinaus muss sicherheitsempfindliches Wehrmaterial ebenfalls ausgeflogen oder vor Ort zerstört werden, damit es nicht in die Hände der Taliban fallen kann.

Es gilt bereits jetzt schon als gesichert, dass nicht alle afghanischen Ortskräfte der internationalen Streitkräfte bzw. Regierungs- und Hilfsorganisationen samt deren Familien rechtszeitig zum Abzugstermin aus dem Land ausgeflogen werden können. Daher wird derzeit durch die internationale Gemeinschaft händeringend nach einer Lösung gesucht, wie der Flughafen in Kabul, derzeit der einzige betriebsbereite Flughafen in Afghanistan, auch nach Abzug der internationalen Truppen betriebsbereit gehalten werden kann. Sollte dies gelingen, könnten so auch über den 31. August hinaus Hilfslieferungen in das Land gebracht werden und den verbliebenen Ortskräften unter Umständen eine Evakuierung mittels ziviler Maschinen ermöglicht werden.

Ob sich die Taliban auf einen solchen Vorschlag einlassen werden, bleibt abzuwarten. Ein Sprecher der Taliban hat gestern öffentlich angekündigt, dass keine afghanischen Fachkräfte mehr aus dem Land gelassen werden sollen. Es ist daher davon auszugehen, dass das Durchkommen afghanischer Ortskräfte zum Flughafen – die Taliban kontrollieren den äußeren Ring rund um das Flughafengelände – bereits in den nächsten Tagen oder Stunden deutlich schwieriger werden wird.

Auch die akute Sicherheitslage vor Ort scheint sich weiter zu verschärfen. General Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr, unterrichtete Pressevertreter darüber, dass sowohl nach eigenen Erkenntnissen, als auch der USA, damit gerechnet werden muss, dass Selbstmordattentäter des sogenannten Islamischen Staats (IS) nach Kabul einsickern und die Lage vor Ort noch weiter verschlimmern könnten.

Deutsche Evakuierungsflüge am Dienstag

Der erste deutsche Evakuierungsflug am Dienstag erfolgte am Vormittag und brachte 206 Personen aus Kabul heraus. Am Mittag erfolgte der zweite Flug, diesmal mit 204 Personen. Der Dritte Flug, mit 221 ausgeflogenen Menschen, wurde am Dienstagnachmittag durchgeführt. Am Abend und kurz vor Mitternacht folgten die Flüge vier und fünf mit 174 beziehungsweise 178 evakuierten Personen.

Alle Flüge gingen wie gewohnt von Kabul in die usbekische Hauptstand Taschkent. Die Bundeswehr hat dort ein Drehkreuz eingerichtet, von wo aus die Menschen in gecharterten Maschinen der Lufthansa sowie teilweise auch bundeswehreigenen Transportfliegern weiter nach Deutschland verbracht werden.

Am neunten Evakuierungstag wurden durch die Bundeswehr insgesamt 983 Personen aus Kabul ausgeflogen, im Gesamtverlauf des Einsatzes haben die deutschen Streitkräfte somit eigenen Angaben zufolge 4.648 Menschen aus mindestens 41 Nationen aus Afghanistan evakuiert.

Unsere weitere Berichterstattung zu dem Thema finden sie hier:

Militärische Evakuierung in Afghanistan: Zusammenfassung 10. Tag

Unsere vorherige Berichterstattung zu der militärischen Evakuierungsmission der Bundeswehr in Afghanistan:

Waldemar Geiger