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Das Tempo der internationalen Evakuierungsmissionen in Afghanistan ebbt deutlich ab, nachdem die Taliban, wie am Vortag angekündigt, den Zugang der afghanischen Bevölkerung zum Bereich rund um den Kabuler Flughafen merklich eingeschränkt haben. Dies hat auch Auswirkungen auf den Einsatz der Bundeswehr, welcher gestern offiziell durch den Bundestag nachträglich mandatiert wurde. Die Bundeswehr konnte am gestrigen Mittwoch 538 Personen, und damit nur knapp halb so viele Menschen wie an den beiden Vortagen, aus Kabul ausfliegen.

Das Zeitfenster für die Evakuierung scheint sich nach Angaben von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer zu schließen. Grund dafür ist die zunehmende Bedrohungslage, erklärte die Ministerin am Mittwochabend im ZDF heute journal. Die deutschen Streitkräfte sind offenbar dazu übergegangen, einzelne Gruppen von zu Evakuierenden aktiv aus der Stadt in den Flughafenbereich zu verbringen. General Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr, bestätigte am Mittwoch gegenüber Pressevertretern, dass die Bundeswehr in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in einer gemeinsamen Aktion mit US-Streitkräften 21 Menschen mittels eines Hubschraubereinsatzes aus der Stadt in den gesicherten Teil des Flughafens evakuieren konnte. Im Vorfeld wurde durch die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass deutsche Spezialkräfte in Zusammenarbeit mit US-Spezialkräften die Aktion durchgeführt haben. Dabei sollen Soldaten des Kommando Spezialkräfte als Sicherung mit den kleinen US-Hubschraubern vom Typ MH-6 Little Bird mitgeflogen sein.

Ob diese Art der Evakuierung in der verbleibenden Zeit der Evakuierungsmission weiter forciert wird, ist unklar, nach gestrigen Angaben des Auswärtigen Amtes sollen sich noch mindestens 200 deutsche Staatsbürger in Afghanistan befinden und auf eine Evakuierung warten.

Unterdessen konnte Markus Potzel, früherer Botschafter in Afghanistan sowie derzeitiger Sonderbeauftragter der Bundesregierung für diese Region, einen Verhandlungserfolg aus Doha vermelden. Potzel wurde vor knapp einer Woche nach Katar entsandt und sollte dort mit Vertretern der Taliban über eine Ausreise der afghanischen Ortskräfte verhandeln. Potzels Angaben auf Twitter zufolge hätten die Taliban zugesagt, dass Afghanen mit „gültigen Dokumenten“ auch nach Abzug der internationalen Truppen mit kommerziellen Flügen aus Afghanistan ausreisen können. Nach derzeitigem Sachstand wird dies spätestens am 31. August der Fall sein. Wann mit einem zivilen Luftverkehr gerechnet werden kann, ist unklar, derzeit ist der zivile Teil des Flughafens nicht einsatzbereit. Lediglich der militärische Teil wird durch US-Streitkräfte betrieben, welche den gesamten Flugverkehr regeln. Die Taliban haben Medienberichten zufolge die Türkei um Unterstützung bei der Inbetriebnahme des zivilen Teils des Flughafens gebeten. Eine Antwort steht noch aus. Gleichzeitig haben die türkischen Streitkräfte gestern mit dem Abzug ihres Truppenkontingentes begonnen, dies gab das türkische Verteidigungsministerium am Mittwochabend bekannt. Rund 500 türkische Soldaten waren in Kabul stationiert und sollten dort eigentlich in Zusammenarbeit mit einigen weiteren Nationen die Sicherheit des Kabuler Flughafens nach Abzug der Resolute Support-Truppe gewährleisten.

Deutsche Evakuierungsflüge am Mittwoch

Der erste deutsche Evakuierungsflug am Mittwoch erfolgte am Mittag und brachte 218 Personen aus Kabul heraus. Am Nachmittag erfolgte der zweite Flug, diesmal mit 153 Personen. Der Dritte Flug, mit 167 ausgeflogenen Menschen, wurde am Mittwochnachmittag durchgeführt.

Alle Flüge gingen wie gewohnt von Kabul in die usbekische Hauptstand Taschkent. Die Bundeswehr hat dort ein Drehkreuz eingerichtet, von wo aus die Menschen in gecharterten Maschinen der Lufthansa sowie teilweise auch bundeswehreigenen Transportfliegern weiter nach Deutschland verbracht werden.

Am zehnten Evakuierungstag wurden durch die Bundeswehr insgesamt 538 Personen aus Kabul ausgeflogen, im Gesamtverlauf des Einsatzes haben die deutschen Streitkräfte somit eigenen Angaben zufolge mit 35 Flügen 5.193 Menschen aus 45 Nationen aus Afghanistan evakuiert.

Unsere weitere Berichterstattung zu dem Thema finden sie hier:

Militärische Evakuierung in Afghanistan: Explosion am Osttor des Kabuler Flughafens

Unsere vorherige Berichterstattung zu der militärischen Evakuierungsmission der Bundeswehr in Afghanistan:

Waldemar Geiger