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Lehrstück Hansa Stavanger: Führung und Vertrauen

Jan-Phillipp Weisswange

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Am 4. April 2009 hatten somalische Piraten am Horn von Afrika den deutschen Frachter Hansa Stavanger in ihre Gewalt gebracht und Lösegeldforderungen gestellt. Eine durch die GSG 9 der Bundespolizei geplante und vorbereitete Befreiungsaktion wurde im Mai 2009 seinerzeit buchstäblich in letzter Minute abgeblasen.

Ein rund 200 Mann starker Einsatzverband mit sechs Hubschraubern hatte sich auf dem US-Hubschrauberträger U.S.S. Boxer bereit gehalten, um die Lage aktiv zu lösen und die Geiseln zu befreien. Doch der Operationsplan wurde trotz guter Aussichten auf Erfolg nicht in die Tat umgesetzt. Letztlich wurde die Lage „alternativ gelöst“. Am 3. August 2009 verließen die Piraten nach Zahlung von 2,75 Millionen US-Dollar Lösegeld das Schiff. Die Fregatte Brandenburg (im Bild) erhielt daraufhin den Auftrag, die Hansa Stavanger in den sicheren Hafen von Mombasa zu eskortieren.

In seiner Ausgabe vom 1. September 2022 berichtet das ARD-Magazin „Kontraste“ über die Hansa-Stavanger-Geisellage aus dem Jahr 2009. Kontraste berichtet nun unter Berufung auf Recherchen des Autors Michael Götschenberg zu seinem aktuellen Buch „GSG 9. Terror im Visier“, dass das Bundesministerium der Verteidigung bzw. interessierte Kreise im Bendlerblock die GSG9-Aktion möglicherweise hintertrieben hätten.

Unabhängig davon, was weitere Recherchen zeigen werden, erscheint eines sicher: Die Hansa Stavanger-Lage ist ein Lehrstück dafür, worauf es bei dem Einsatz von Spezialkräften als strategische Hochwertinstrumente ankommt, nämlich auf Führung und Vertrauen.

So ist ein wenig bekannter Aspekt der Hansa Stavanger-Lage, dass die ersten deutschen Spezialkräfte vor Ort seinerzeit ein Kampfschwimmer-Einsatzteam waren.

Zwar stand früh fest, dass die GSG 9 die Geiselrettung vornehmen sollte, doch es kam darauf an, schnell eine „Ad Hoc“-Eingreiffähigkeit vor Ort zu haben. Das bedeutete in diesem Falle die Fregatte Mecklenburg-Vorpommern, die Tuchfühlung zur Hansa Stavanger hielt. Aufgrund der Kürze der Zeit entschied man sich dazu, den Einsatzraum im Lufttransport und Freifallschirmsprung zu erreichen.

Am 5. April 2009 kam das I. Kampfschwimmer-Einsatzteam in Eckernförde zusammen. Von dort aus ging es über Rendsburg und Köln/Wahn ins kenianische Mombasa. Dort lud man in ein bereitstehendes Transall-Transportflugzeug um.

Ein Zeitzeuge: „Jeder der Kampfschwimmer bereitete sich unmittelbar nach Ankunft auf dem Flughafen von Mombasa für den großen Sprung vor, persönliche Ausrüstung wurde auf ein Minimum reduziert, sodass der Sprung durchführbar und eine Notzugriffsfähigkeit sofort gewährleistet war; Waffen, Munition, Funk, ein paar Ersatzakkus, Nachtsichtgeräte, ballistischer Schutz. Fünf der Springer waren Scharfschützen und brachten ihre großen Gewehre an den Sprunggepäckbehältern an. Jeder sprang in Wüstentarnkleidung, darunter Neopren-Tauchanzüge, sowie Flossen an den Füßen […]. In den Abendstunden des 7. April 2009 erreichten wir unseren DOP [Absetztpunkt/Dropp off Point] […]. Langsam öffnete sich die Heckrampe, kühle Außenluft drang herein und bepackt mit durchschnittlich 150 kg Ausrüstung und Flossen an den Füßen stapften wir zum Exit und führten den bislang einzigen Einsatz-Fallschirmsprung in der Geschichte der Bundeswehr durch. Kurze Zeit später standen wir an Deck der Mecklenburg-Vorpommern, die für weitere fünf Wochen unsere Heimat sein sollte. Binnen 54 Stunden war es gelungen, ein Kampfschwimmerteam vollzählig und mit der notwendigen Ausrüstung vom Zeitpunkt der Alarmierung bis Eintreffen in der Area of Operation zu verbringen und so eine ,In Extremis‘-Handlungsfähigkeit zu gewährleisten.”

Fazit: Die aktive Lösung der Hansa-Stavanger-Lage und die Befreiung der Geiseln scheiterte offenbar nicht an vorhandenen Kräften oder gar deren Fähigkeiten, sondern aufgrund politisch-strategischer Führungsschwäche, ressortübergreifender Bedenkenträgerei innerhalb mehrerer Ministerialbürokratien und letztlich mangelnden Vertrauens in die Fähigkeiten von Spezialkräften. Diese können ihre Wirkung nur entfalten, wenn politischer Wille und Mut zu ihrem Einsatz sowie Vertrauen in sie gegeben sind. Diese Führungsleistung und das Vertrauen brachte die damalige Regierung offensichtlich im Fall der Hansa-Stavanger-Lage nicht auf. Somit verpasste sie damit ein wertvolles Zeichen zu setzen, Erpressungen durch international agierende Gewaltkriminelle nicht hinzunehmen.

Jan-Phillipp Weisswange