StartBewaffnungEinsatzsofortbedarf der Marine – Bundeswehr bestellt neue Munitionssorte des Wirkmittel 90

Einsatzsofortbedarf der Marine – Bundeswehr bestellt neue Munitionssorte des Wirkmittel 90

Waldemar Geiger

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Das Bundesamt für Ausrüstung Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hat die Dynamit Nobel Defence jüngst mit der Herstellung und Lieferung von insgesamt 1.000 Systemen des Wirkmittel 90 mit der neuen Patrone DM26 (Leucht, Visuel) beauftragt. Dies geht aus einer heute veröffentlichten Mitteilung des BAAINBw auf der europäischen Ausschreibungsplattform TED hervor.

Interessant an der Bekanntmachung ist, dass das BAAINBw auch die Verwendung der neuen Munitionssorte – die es bisher nur in der IR-Variante, also im nicht sichtbaren Spektrum, gab – veröffentlicht hat. So sollen 500 Patronen für die UN Beobachtermission UNIFIL im Libanon und die 500 restlichen Systeme für die VJTF-Truppen beschafft werden. Den Angaben des BAAINBw nach, handelt es sich bei dem Auftrag um eine „Erstbeschaffung einer neuen Leuchtpatrone mit visuellem Leuchtsatz, welche zur Beleuchtung asymmetrischer Seeziele vorgesehen ist“. Damit ist auch klar, dass die Marine in den Nutzerkreis der Wirkmittel 90 Nutzer der Bundeswehr aufgenommen wird. Gut informierten Kreisen zufolge soll die neue Munitionssorte die Fähigkeit der aus der Nutzung gegangenen Leuchtbüchse ersetzen.

Das BAAINBw beschreibt die Funktionsweise der Patrone 90 mm Leucht, DM26, VIS, PT wie folgt: Die Patrone ist „eine einmal verwendbare, leichte Schulterwaffe, die nach dem ,Davis Gun‘ Prinzip arbeitet und einen visuellen Leucht-Gefechtskopf besitzt. Sie kann ein Projektil mit hoher Geschwindigkeit und hoher Genauigkeit bis zu einer Zielentfernung von bis zu 1.200 m abfeuern. Eine Abschussgeräteelektronik sorgt dafür, dass die Steuerelemente die das Feuerleitvisier bereitstellt, an Feuerleitvisier und Zünder weitergegeben werden. Daneben werden innerhalb dieser Abschussgeräteelektronik Eingangsparameter für den Ballistikrechner im Feuerleitvisier berechnet. Das Projektil fliegt zum ausgewählten Ziel. Der Zünder wird spätestens 20 m nach Verlassen des Startrohres entsichert. Zwecks Kompensation des Seitenwinds kompensiert ein Raketentriebwerk den Luftwiderstand des Projektils während des Fluges. Dadurch ist das Geschoss weitestgehend seitenwindunempfindlich. Der Zünder zündet die Ausstoßladung und der Leuchtsatz leuchtet bestimmungsgemäß in der vorher festgelegten Entfernung in einer Höhe von 300 m ca. 40 Sekunden lang. Das Geschoss besteht aus einem Gefechtskopf, einem Marschtriebwerk, einem Zünder mit Zünderelektronik und einem Leitwerksträger mit Leitwerk. Der Gefechtskopf besteht aus einem Leuchtkörper mit einem visuellen Leuchtsatz und einem Fallschirm. Der Schaft dient zur Aufnahme der Flügel und des Raktenmotors.“

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Wirkmittel 90 mm

Als rückstoßarmes und schultergestütztes Mehrzweckwaffensystem entwickelt, wird das Wirkmittel 90 mm durch Dynamit Nobel Defence (DND) seit Ende 2016 an die Spezialkräfte der Bundeswehr ausgeliefert. Anfang 2021 wurden im Zuge einer Nutzerkreiserweiterung weitere Truppengattungen des Heeres – Infanterie, Pioniere und Heeresaufklärung – mit dem Waffensystem Wirkmittel 90 mm ausgestattet.

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Bis dato wurden durch die Bundeswehr folgende Munitionssorten des Wirkmittel 90 eingeführt:

  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Spreng MZ DM11, zum Bekämpfen von stehenden und beweglichen ungepanzerten Einzelzielen bis 600 m mit Aufschlagzündung, infanteristische Punktziele in und hinter Deckung bis 1200 m mit Luftzündung.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Nebel RP DM15, zum Blenden des Gegners bis 1.200 m.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Leucht IR DM16, zur Beleuchtung des Gefechtsfeldes bis 1.700 m im nicht sichtbaren Bereich.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm Übung DM18, zum Schul- und Gefechtsschießen, markieren von Zielen bis 600 m mit Aufschlagzündung und warnen des Gegners bis 1.200 m mit Luftzündung.
  • Abschussgerät und Patrone 90 mm ASM DM22, zum Bekämpfen von leicht gepanzerten, stehenden und beweglichen Fahrzeugen bis 600 m, infanteristischen Zielen in Schutzzuständen und zum Aufbrechen von Schutzzuständen.

Das hervorstechende Merkmal am Wirkmittel 90 ist die bis dahin unerreichte Fähigkeit, ein ungelenktes und ballistisch fliegendes Geschoss einer Schulterwaffe bis auf eine Distanz von 1.200 m präzise einzusetzen. Dazu misst der Schütze mittels des im Feuerleitvisier integrierten Laserentfernungsmessers die exakte Distanz zum Ziel und gibt an, mit welchem Zündermodus (Aufschlag oder Luftzündung) das Ziel bekämpft werden soll. Über einen Munitionsspeicher, welcher sich im Effektor befindet, erhält das Feuerleitvisier die ballistischen Daten. Diese werden durch das Feuerleitvisier ausgewertet. Nach dem Einschalten des Feuerleitvisiers findet eine Kommunikation mit dem Munitionsspeicher statt. Die geladene Munitionssorte wird dem Schützen im Display angezeigt. Alle notwendigen Informationen werden nach dem Entsichern an den Zünder weitergegeben und dem Schützen in Sekundenbruchteilen in Form einer geänderten Zielmarke einblendet.

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Als rückstoßarmes und schultergestütztes Mehrzweckwaffensystem entwickelt, wird das Wirkmittel 90 mm durch Dynamit Nobel Defence (DND) seit Ende 2016 an die Spezialkräfte der Bundeswehr ausgeliefert. (Foto: DND)

Das Wirkmittel 90 mm basiert auf dem Daviskanonenprinzip (Gegenmassenprinzip). Nach dem Abfeuern des Wirkmittels sorgt eine gelbasierte Gegenmasse dafür, dass das Wirkmittel rückstoßarm eingesetzt werden kann. Das im flügelstabilisierten Geschoss integrierte Marschtriebwerk sorgt für eine konstante Geschwindigkeit des Geschosses. Diese konstante Geschwindigkeit und die hochpräzise Messung der anfallenden Beschleunigungswerte mittels des von Junghans Defence gefertigten Zünders DM1625 (Spreng) / DM1626 (Leucht/Nebel/Übung) macht es einerseits möglich, dass das Wirkmittel 90 mm zu einem hohen Maße seitenwindunabhängig verschossen und andererseits auch auf Distanzen von 1.200 m punktgenau vor, hinter oder über dem gewünschten Ziel eingesetzt werden kann. Dies entspricht einer Verdreifachung der sonst üblichen Einsatzreichweiten von ballistisch abgefeuerten Schulterwaffen. Am Detonationspunkt werden, beispielsweise bei der Patrone Spreng MZ, ca. 3.500 Wolframschwermetallkügelchen in alle Richtungen über dem Ziel beschleunigt.

Die Kombination der präzise arbeitenden und leicht zu bedienenden Technik befähigt den Schützen – selbst in Stresssituationen – auch bei weiten Entfernungen zu einer hohen Ersttrefferwahrscheinlichkeit. Der Schütze wählt nur das zu bekämpfende Ziel und den dafür zu nutzenden Effektor aus. Alle weiteren Bedienschritte werden im Feuerleitvisier angezeigt.

Waldemar Geiger