Für Oktober wird der Global Force Posture Review des US-Verteidigungsministeriums zur aktuellen und künftigen Truppenstärke der amerikanischen Streitkräfte in aller Welt erwartet. Die Regierung von Präsident Donald Trump hat bereits seit längerem mal mehr, mal weniger deutlich verlauten lassen, dass sie die militärische Präsenz in Europa verringern will, insbesondere um sich auf den Pazifikraum mit der aufstrebenden Weltmacht China zu konzentrieren. Dieser „pivot to Asia“ ist nicht neu und wurde bereits in den 1990er Jahren unter Bill Clinton angestrebt. Der Ukrainekrieg und die Bedrohung von NATO-Territorium durch Russland hatte dem jedoch in den letzten Jahren entgegengewirkt.
Entsprechend nervös warten die europäischen Verbündeten, insbesondere diejenigen an der Ostgrenze der NATO, auf kommende Entscheidungen. Zumindest scheint mittlerweile ein von Trump früher gern angekündigter weitgehender Abzug vom Tisch. Die Realität hat während der ersten sechs Monate seiner Präsidentschaft gezeigt, dass die USA auch über gemeinsame Interessen in Europa hinaus auf Verbündete angewiesen sind – etwa zum Abstützen auf dortige Basen für amerikanische Operationen im Nahen und Mittleren Osten. Mit dem NATO-Gipfel in Den Haag und der Einigung auf das „3,5 plus 1,5“-Prozent-Ziel bei den Verteidigungsausgaben scheint auch dieser Streit vorerst befriedet.
US-Truppenstärke in Europa könnte um bis zu 30 Prozent sinken
So hat sich Trump zuletzt mehr oder weniger deutlich zur Bündnissolidarität der USA bekannt und nimmt auch gegenüber Russland mittlerweile eine kritischere Haltung ein. Dennoch geht man in NATO-Kreisen davon aus, dass der Global Force Posture Review eine bis zu 30-prozentige Reduzierung der amerikanischen Truppenstärke in Europa ankündigen könnte. Angaben zur aktuellen Stärke schwanken zwischen 85.000 und 100.000, davon allein 35.000 in Deutschland und 20.000 auf rotierender Basis im Rahmen der Operation Atlantic Resolve. Ein Schwerpunkt der Kampftruppen-Präsenz ist Polen, das diese Stellung zu erhalten hofft.
So erklärte der polnische Stellvertretende Verteidigungsminister Pawel Zalewski kürzlich, das sein Land nach allen Gesprächen mit der amerikanischen Seite bei eventuellen Reduzierungen „das letzte auf der Liste“ sein werde. Vielmehr wolle man aufgrund der strategischen Lage, der großen nationalen Anstrengungen im Rüstungsbereich und insbesondere den umfangreichen Käufen von US-Waffensystemen möglichst die bisherige Rolle Deutschlands als logistische Drehscheibe für Europa übernehmen. Allerdings stützen sich die USA dabei in Deutschland auf lange etablierte und ausgebaute Einrichtungen wie die Luftwaffenbasis Ramstein, deren Verlegung kostenintensiv wäre.
Verschiedene Optionen zur Reduzierung
Die Bundesregierung versucht ihrerseits, die gegenwärtige deutsche Position in der Partnerschaft mit den USA beizubehalten. Neben der vorhandenen Infrastruktur kann sie dabei auf eigene Anstrengungen verweisen, die Bundeswehr laut Kanzler Friedrich Merz „konventionell zur stärksten Armee Europas“ zu machen. Eine Reduzierung der amerikanischen Truppenstärke könnte daher auch bei den rotierenden Kontingenten erfolgen, die zwar Deutschland regelmäßig als Transitland nutzen, aber hauptsächlich in den osteuropäischen Partnerländern präsent sind. Dies wäre auch der schnellste Weg, die Ankündigungen der Regierung Trump umzusetzen.
Allerdings würde das zu einer Schwächung der Abschreckung gegenüber Russland führen, solange die europäischen Verbündeten die Lücke noch nicht füllen können. Aus amerikanischen Kreisen heißt es daher auch, dass mögliche Reduzierungen geordnet erfolgen und keine Sicherheitslücken in Europa verursachen sollten. Wahrscheinlich ist ohnehin, dass Änderungen nicht über Nacht, sondern bis zum Ende von Trumps Amtszeit Anfang 2029 erfolgen werden. Wie es dann weitergeht, ist angesichts der zunehmenden Volatilität in der US-Politik unsicher. Allerdings müssen sich die NATO-Verbündeten in jedem Fall auf eine Verlagerung der amerikanischen Prioritäten nach Asien einstellen.
Stefan Axel Boes



