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ST Engineering Land Systems steht vor dem Abschluss der Entwicklung des Bronco 3 und hatte am Ende einer mehrwöchigen Testkampagne Interessenten aus Europa, Amerika und Asien sowie internationale Fachjournalisten nach Ivalo/Finnland – 300 km nördlich des Polarkreises – zur Vorstellung und Leistungsdemonstration des Fahrzeugs unter arktischen Bedingungen eingeladen.

Der Bronco 3 kann dank besonders niedrigem Bodendruck (0,3 bar) bei 16 Tonnen Gefechtsgewicht und der ungewöhnlichen Knicklenkung unwegsames Gelände mit niedriger Tragfähigkeit ohne Vorbereitung überwinden. Er schafft den Übergang von weichem über sumpfigen Boden bis ins Wasser aus eigener Kraft. Von den Ketten angetrieben, schwimmt er mit bis zu fünf km/h. Auf festem Boden erreicht das Fahrzeug – motorisiert mit einem Mercedes-MTU 106 TD21 Dieselmotor (Euro 3) mit 240 kW – eine Höchstgeschwindigkeit von 65 km/h. Die Fahrzeuge der Bronco-Familie werden über ein Knickgelenk, das die beiden Fahrzeughälften verbindet, gelenkt. Die vier Ketten laufen dabei mit gleicher Geschwindigkeit.

Weiterentwicklung in der Bronco-Familie

Die Weiterentwicklung zum Bronco 3 erfolgte auf der Basis von Erfahrungen, die mit seinen Vorgängern u.a. dem als Warthog von der British Army in Afghanistan eingesetzten Bronco 2, in Einsätzen gewonnen wurden. Entwicklungsziel war vor allem die Reduzierung des Leergewichts um zwei Tonnen unter Beibehaltung des Schutzlevels durch Optimierung der Struktur und mit leichteren Komponenten. Die Schwimmfähigkeit sollte durch die Zuladung von vier Tonnen nicht beeinträchtigt werden. An Land sollte die Zuladung systemverträglich um zwei Tonnen erhöht werden können (Gefechtsgewicht 18 Tonnen). Durch ein neues Verstaukonzept und die Platzierung der Sitze nicht über den Ketten konnte der Schutz der Besatzung vor dem Blast von Minen/IED verbessert und gleichzeitig mehr Raum für die Besatzung verfügbar gemacht werden. Im Vorderwagen steht jetzt ein Innenraumvolumen von 5,9 m³ und im Hinterwagen von 7,9 m³ bei einer Innenraumhöhe von 1,25 m zur Verfügung. In der Version für Personentransport bietet der Bronco 3 Platz für fünf (vorn) bzw. acht Soldaten (hinten). Die hinteren Sitze sind zum Schutz vor Blast an der Seitenwand angebracht und mit Fußrasten versehen.

Graphik: ST Engineering

Für den Schutz gegen Minen ist der Unterboden beider Fahrzeugteile mit je einem durchgehenden, V-förmig gebogenen Panzerstahlblech versehen. Der Hinterwagen hat eine Bodenfreiheit von ca. einem Meter. Die Seitenwände der Kabinen sind ebenfalls aus Panzerstahl gefertigt, zum Schutz vor ballistischen Bedrohungen. Der Grundschutz liegt bei 2a/2b nach STANAG 4569 und kann bedarfsgerecht bis auf Level 4 (nur ballistisch) gesteigert werden, allerdings zulasten der frei verfügbaren Nutzlast. Für den Selbstschutz kann auf dem Dach eine fernbedienbare Waffenstation mit einer schweren (Kaliber 12,7 mm) Maschinenwaffe integriert werden, die ST Engineering nicht weiter spezifiziert hat.

Das Laufwerk mit fünf Laufrollen nutzt eine Endlos-Gummiband-Verbundkette (Composit Rubber Track, CRT) von Soucy. Standardbreite ist 0,6 m. Es können aber auch Ketten mit 0,65 m bzw. 0,7 m Breite aufgezogen werden, um den niedrigen Bodendruck trotz erhöhten Gesamtgewichts zu erhalten. Die 0,65 m-Kette kann mit Metallelementen versehen werden, um die Steigfähigkeit z.B. im Gebirge zu erhöhen. Die Kette erreicht in Abhängigkeit von Fahrweise und Bodenbeschaffenheit eine Laufleistung in der Größenordnung von 6.000 km. Der Wechsel erfordert grundsätzlich Instandsetzungspersonal und besondere Betriebsmittel.

Um den in der modernen Gefechtsführung benötigten Umfang an elektronischen Geräten z.B. für Beobachtung, Aufklärung, Führung und Kommunikation betreiben zu können, liefert ein Generator 550 A Strom bei 24 V. Das Fahrzeugkonzept sieht die Integration eines zusätzlichen Stromerzeugers (Auxiliary Power Unit, APU) vor. Die Verteilung von Energie und Daten erfolgt über eine offene elektrische Architektur, die mit der Generic Vehicle Architecture (GVA) kompatibel ist. In der Standardausführung ist der Bronco 3 bereits mit einem Rundum-Kamerasystem ausgestattet, das nicht nur den Fahrer bei der Fahrzeugführung unterstützt, sondern auch die gesamte Besatzung über die Außensicht mit Informationen zur Lage im nahen Umfeld versorgt.

Eine Besonderheit des Hinterwagens ist die konsequente Aufteilung in Chassis und Missionsaufbau. Damit kann der Hinterwagen über Schnellverbindungen in kurzer Zeit für andere Missionen ausgerüstet werden. Neben der Standardkabine für Personentransport, die für schnellen Aufgabenwechsel mit Geräteschienen ausgestattet ist, stehen ein offener Kasten und ein Wechselrahmen (Flatbed) für Logistiktransporte zur Verfügung. ST Engineering hat zahlreiche weitere Varianten entwickelt mit Spezialausrüstung für Aufklärung, Kampf (mit erhöhtem Schutz, Waffenstation und verlängerter Reichweite), indirektes Feuer, Verwundetenbergung sowie Bergung und Instandsetzung.

Mit dem Bronco Dawn wurde ein hochmobiles Mörsersystem realisiert. Der Vorderwagen trägt ein Radar zur Aufklärung, Zielverfolgung und Freund-Feind-Erkennung (Identification Friend-or-Foe, IFF), einen Schussdetektor sowie eine fernsteuerbare 12,7 mm-Waffenstation und der Hinterwagen einen automatischen 120 mm-Mörser. Das System kann langsam fliegende Objekte mit niedrigem Radarquerschnitt wie UAS, Gleitschirme und Hubschrauber entdecken und mit der Waffenstation bekämpfen.

Die Arktik-Tests in Ivalo stehen am Ende der Firmenerprobung. Es  folgen noch abschließende Tests in heißem Wetter. Aus Sicht von ST Engineering ist der Bronco 3 serienreif. Die Produktion kann in kürzester Zeit beginnen mit einer Produktionsrate von acht Fahrzeugen pro Monat. Bei Bedarf ist im zwei-Schicht-Betrieb eine Verdoppelung der Rate möglich.

Der nächste Schritt

Der nächste Entwicklungsschritt ist eingeleitet und bereits bis zum Prototypen gediehen. ST Engineering führt auf Basis eines schon zehn Jahre alten Patents einen diesel-elektrischen Hybridantrieb ein und nutzt das Konzept für den autonomen Betrieb des Hinterwagens.

Foto: Heiming

Dazu erhält der Hinterwagen im Chassis Batterien und einen Motor/Generator (MoGen), der im (gekoppelten) Normalbetrieb durch das Knickgelenk hindurch angetrieben wird und mit einem Anteil der Leistung des Hauptmotors im Vorderwagen die Batterien lädt. Die Lenkung erfolgt in diesem Betriebsmodus unverändert über das Knickgelenk mit gleich laufenden Ketten. Für Schleichfahrt kann der Hauptmotor abgeschaltet werden und der – wegen der CRT ohnehin leise – Bronco 3 kann sich mit Elektroantrieb fast lautlos an seine Beobachtungsposition oder Stellung annähern.

Graphik: ST Engineering

Der Elektroantrieb im Hinterwagen ermöglicht aber auch dessen autonomen Betrieb (Manned-Unmanned Teaming, MUT). Dafür wird die Verbindung zwischen den beiden Wagen getrennt, was derzeit trotz Schnellkupplungen noch rund 30 Minuten dauert. Neue Lenkgetriebe in beiden Wagen ermöglichen den Leistungstransfer zwischen der kurveninneren und der kurvenäußeren Kette für eine verlustarme Lenkung. Jetzt kann der Hinterwagen über ein Autonomie-Kit ferngesteuert allein in Position gebracht werden, um Sensoren oder Waffen in Stellung zu bringen, ohne die Besatzung zu gefährden. Der Energievorrat wird eine Fahrstrecke bis 20 km erlauben.

Markt

ST Engineering sieht Möglichkeiten der Vermarktung des neuen Bronco 3 bei Streitkräften, die mit diesem Fahrzeug neue Fähigkeiten realisieren wollen und hatte entsprechendes Fachpersonal zur Demonstration eingeladen. Absatzmöglichkeiten werden aber auch bei Nationen gesehen, die den vor Jahrzehnten (mit gleichem Fahrzeugkonzept) eingeführten BV206 ersetzen wollen/müssen. Erfahrungen aus Katastropheneinsätzen – wie z.B. die Schneekatastrophe Anfang des Jahres – zeigen, dass der eingebaute Schutz auch die Gefährdung durch umstürzende Bäume oder Trümmer verringern kann. Daher zählen zivile Katastrophenschützer auch zur Zielgruppe. Japan beispielsweise verwendet Bronco 2 auf diesem Gebiet.

Bisher hat ST Engineering rund 1.200 Bronco in über 20 Versionen verkauft. Mit der Neuentwicklung Bronco 3 wächst die Aussicht, den Verkaufserfolg zu erweitern.

Gerhard Heiming