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Das Maschinengewehr auf Zweibein – früher „leichtes” Maschinengewehr genannt – ist keineswegs so leicht wie man sich das wünschte. Es entwickelt zwar eine große Feuerkraft, ist aber in der Bewegung sehr schwerfällig. Spähtrupps können es beispielsweise kaum mitführen. Seit automatische Gewehre eingeführt sind, mit denen neben Einzelfeuer auch Feuerstöße abgegeben werden können, hat es immer wieder Bestrebungen gegeben, das MG auf Zweibein abzuschaffen.

Den Anstoß dazu gaben Schießversuche, bei denen Gewehrschützen unter vergleichbaren Bedingungen mehr Treffer erzielten als ein MG. Zum Teil wird auch heute noch die Auffassung vertreten, das MG habe keinen nennenswerten Kampfwert. Andererseits verfügen alle wichtigen Armeen nach wie vor über MG auf Zweibein – nicht zuletzt die Bundeswehr. Woran liegt das?

„Der Beitrag Maschinengewehr auf Zweibein – Ballast oder Schwerpunktwaffe der Gruppe?“ von Jochem Peelen erschien erstmalig in der 9/1977 Ausgabe der Zeitschrift „Soldat und Technik“ und wurde hier mit dem Einverständnis des Autors in der Originalfassung noch einmal veröffentlicht. Bild 1 (Titelbild) wurde durch ein aktuelles Bild ersetzt.

Blicken wir zuerst auf Kriegserfahrungen zurück. Die deutsche Wehrmacht führte im Zweiten Weltkrieg mit dem Sturmgewehr 44 erstmals ein automatisches Gewehr ein. Man stattete damit sogenannte Sturmzüge bei den Grenadierkompanien aus. Diese Züge zu je drei Gruppen führten einheitlich das Sturmgewehr (abgesehen von Scharfschützen und Gewehrgranatschützen) und kein einziges MG. Im Kampf bewährte sich diese Lösung nicht. Für den Nahkampf und auf normale Gewehrschußentfernung eignete sich das Sturmgewehr ganz vorzüglich. Die Truppe war von der Waffe begeistert. Auf mittlere Entfernung konnte das Sturmgewehr jedoch keinen Ersatz für das MG auf Zweibein bilden. Einhellig forderte die Truppe Ausstattung mit MG wegen der höheren Feuerdichte und größeren Reichweite. Bereits nach recht kurzer Zeit verfügten die Sturmzüge wieder über ein MG pro Gruppe.

Bild 2: Automatische Gewehre (hier: MPi KmS der NVA mit eingeklappter Schulterstütze und aufgepflanztem Seitengewehr) können Einzelfeuer und Feuerstöße schießen. Das verleitete manche zu der Annahme, diese Waffen seien in der Lage, das MG auf Zweibein zu ersetzen. (Foto: Jochem Peelen)

Ähnliche Erfahrungen machte die Fallschirmtruppe. Das Maschinengewehr konnte beim Absprung nicht mitgeführt werden, der Karabiner 98k nur schlecht. So entstand das Fallschirmjägergewehr 42, welches dazu geeignet war, beim Fallschirmabsprung am Mann zu bleiben. Es sollte einerseits als Gewehr und andererseits als MG einsetzbar sein. Gewicht und Baulänge entsprachen etwa dem Karabiner, die Feuergeschwindigkeit der des damaligen MG 34. Im Feuerstoß brachte der starke Rückstoß das leichte FG 42 derart aus der Richtung, daß die Streuung viel zu groß wurde. Um bessere Treffaussichten zu erzielen, reduzierte man beim Fallschirmjägergewehr 42 neuer Art die Kadenz und machte die Waffe schwerer. Unabhängig davon führte die Wehrmacht zwischenzeitlich das MG 42 ein. Das Ergebnis eines mit MG 42 und FG 42 n/A durchgeführten Truppenversuches lautete unmißverständlich: Das Fallschirmjägergewehr kann das MG 42 nicht ersetzen, da seine Feuergeschwindigkeit zu gering und seine Streuung zu groß ist.

Bild 3: Es hat nicht an Versuchen gefehlt, die Feuerkraft des Maschinengewehrs und die Handlichkeit des Gewehrs in einer Waffe zu vereinigen. Im Bild das deutsche Fallschirmjägergewehr 42 neuer Art. (Foto: Jochem Peelen)

Zusammenfassend kann man anhand dieser Beispiele sagen: Eine im Kampf stehende Truppe, auch wenn sie mit automatischen Gewehren ausgerüstet ist, will erfahrungsgemäß auf das Maschinengewehr nicht verzichten – dies, obwohl die Waffe eine erhebliche Belastung für die Soldaten darstellt. In den Augen des kämpfenden Mannes überwiegen offenbar deutlich die Vorteile.

Diese Erkenntnis beschränkt sich keineswegs auf die ehemalige deutsche Wehrmacht, sondern bestätigte sich seitdem in jeder bewaffneten Auseinandersetzung zwischen regulären Streitkräften. Manchen, der das MG nur als bleischwere Belastung auf Märschen kennt, mag das Ergebnis überraschen. Wie im folgenden gezeigt werden soll, lassen sich die geschilderten Ansichten nicht nur gefühlsmäßig begründen, sondern auch durch Zahlen und Daten belegen.

Bild 4: Gewicht und Feuergeschwindigkeit im Vergleich. Das FG 42 erwies sich als viel zu leicht für die hohe Kadenz, die es hatte. Das langsamer schießende und etwas schwerere FG 42 neuer Art konnte sich mit dem inzwischen eingeführten MG 42 an Kampfkraft nicht messen. (Graphik: Jochem Peelen)

Verfügt man über einige grundlegende Angaben, kann man bekanntlich ausrechnen, ob ein Ziel voraussichtlich getroffen wird oder nicht. Dazu vergleichen wir ein angenommenes MG, aus dem kurze Feuerstöße von durchschnittlich 4 Schuß abgegeben werden (Kadenz 1200 Schuß/Min.) mit einem – ebenfalls angenommenen – Gewehr im Einzelfeuer. Als Streuung dieser Waffen legen wir die Werte der Tabelle 1 zugrunde. Da von der größeren Reichweite der MG die Rede war, betrachten wir zuerst die Leistungen auf mittlere Entfernung. Die Kampfentfernung des Gewehrs betrage deshalb 400 m (G 3 – 300 m). Die Folgen kürzer werdender Kampfentfernungen erörtern wir später.

Als Ziel wird ein feindliches MG angenommen, welches in Feuerstellung eine Zielfläche von je 40 cm Höhe und Breite bieten soll. Da im Gefecht die wahre Zielentfernung unbekannt ist, gehen wir davon aus, sie werde auf 400 m geschätzt. Die an der eigenen Waffe eingestellte Visierentfernung beträgt also 400 m; Haltepunkt ist Zielmitte. Das feindliche MG gilt als erfolgreich bekämpft, wenn in seiner Zielfläche mindestens 1 Treffer erzielt wird. Wenden wir uns jetzt den typischen Merkmalen des Schießens im Gefecht zu, die wir für eine wirklichkeitsnahe Beurteilung berücksichtigen müssen.

Treffpunktverlagerungen

Auf dem Gefechtsfeld ist die Entfernung zum Ziel unbekannt und muß geschätzt werden. Dieses Verfahren ist mit sehr großen Fehlern behaftet. Nach dem Ergebnis von umfangreichen Versuchen beträgt die Standardabweichung des Entfernungsschätzfehlers ca. 20% der Entfernung. Überträgt man diesen scheinbar nichtssagenden Begriff der Technikersprache in die Praxis, zeigt sich folgendes: Ist die Zielentfernung 400 m, entsprechen 20% 80 m. Von 100 Soldaten werden erfahrungsgemäß im Durchschnitt 68 die Entfernung auf ± 80 m genau schätzen, also zwischen 320 und 480 m. Die übrigen 32 Soldaten machen einen größeren Schätzfehler; bei 28 von ihnen bleibt er innerhalb ± 160 m. 68 + 28 = 96 Soldaten werden also die Entfernung 400 m irgendwo zwischen 240 m und 560 m einschätzen. Bei den restlichen 4 ist ein noch größerer Schätzfehler zu erwarten. Mit anderen Worten: Nur in seltenen Ausnahmefällen stimmt die geschätzte und am Visier eingestellte Entfernung mit der wirklichen Zielentfernung überein. Wird das Ziel auf 400 m Entfernung geschätzt, kann es sehr wohl in Wahrheit 300 m oder auch 500 m entfernt liegen. Da die Geschoßflugbahn gekrümmt ist, verlagert sich bei falschem Visier der Treffpunkt. Visier 400 bei den hier zu vergleichenden fiktiven Waffen soll auf 300 m einen Hochschuß von 40 cm, auf 500 m einen Tiefschuß von 82 cm ergeben. (Die wirklichen Werte der NATO-Patrone sind besser, die der WP-Patrone 7,62 x 39 ungünstiger.) Im Gefecht wird der mittlere Treffpunkt demzufolge unter oder über dem Haltepunkt liegen.

Einen vergleichbaren Einfluß haben Richtfehler. Unter der körperlichen und nervlichen Belastung des Gefechts unterlaufen auch gut ausgebildeten Soldaten sehr leicht Fehler wie Verkanten usw. Zudem ist möglicherweise die Zieleinrichtung dejustiert. Schlechte Erkennbarkeit des Ziels (Tarnung) kann zu unsicherem Abkommen führen. Dies alles verursacht unter Umständen erhebliche Treffpunktverlagerungen, die nicht nur in der Höhe, sondern auch seitlich auftreten. Normalerweise überlagern sich die durch Entfernungsfehler und Richtfehler hervorgerufenen Treffpunktverlagerungen.

Beim Schießen auf bewegliche Ziele kommt noch der Vorhaltfehler hinzu. Die Vorhaltstrecke kann nur auf Grund der geschätzten Zielentfernung und der vermuteten Zielgeschwindigkeit bestimmt werden. Die richtige Beurteilung des Vorhalts steht demzufolge auf besonders unsicheren Füßen. Zusammenfassend ist zu sagen, daß beim Schießen im Gefecht der mittlere Treffpunkt in der Regel deutlich von der Zielmitte abweichen wird.

Zeitfaktor

Gefechtsmäßige Ziele zeigen sich nicht beliebig lange. Jeder Soldat ist bestrebt, sich dem feindlichen Feuer so wenig wie möglich auszusetzen. Ein Ziel wird daher sehr bald wieder in Deckung verschwinden. Dies ist für unsere weiteren Überlegungen ganz entscheidend. Im Gefecht ist die Zeit, in der ein Ziel bekämpft werden kann, sehr kurz. Es kommt darauf an, innerhalb dieser Bekämpfungszeit mit möglichst großer Wahrscheinlichkeit mindestens einen Treffer zu erzielen.

Beispielsweise kann man annehmen, das eingangs als Ziel definierte feindliche MG habe einen Feuerauftrag auszuführen. Das bedeutet, es taucht auf, schießt einige Feuerstöße und verschwindet wieder. Nehmen wir an, es zeige sich dabei 10 Sekunden lang (Möglichkeit 1). Wir müssen in dieser Zeit das Ziel erkennen, die eigene Waffe in Anschlag bringen und gezieltes Feuer eröffnen. Wir gehen davon aus, daß ein Gewehrschütze bis zum 1. Schuß 3,5 Sekunden braucht. Ein MG-Schütze soll wegen der geringeren Beweglichkeit seiner Waffe 5 Sekunden bis zum 1. Feuerstoß benötigen. Der Zeitbedarf für jeden weiteren Schuß bzw. Feuerstoß betrage 1,5 Sekunden. Dann kann ein Gewehrschütze innerhalb der 10 Sekunden 5 gezielte Schüsse abfeuern. Das MG vermag 4 gezielte Feuerstöße abzugeben, also 16 Schuß.

Es ist aber auch denkbar, daß der Schütze hinter dem feindlichen MG Deckung nimmt, sobald er registriert, daß direkt auf ihn geschossen wird (Möglichkeit 2). Er bemerkt ein fehlgegangenes Geschoß am gut hörbaren Knall oder am Einschlag in der Nähe. In diesem Fall kann das Gewehr nur einen Schuß auf das Ziel feuern, das MG einen Feuerstoß. Wegen der hohen Feuergeschwindigkeit erreicht das vierte Geschoß aus dem MG den Gegner nur 2 Zehntelsekunden nach dem ersten Geschoß. So schnell kann niemand reagieren und während dieser Zeit in Deckung gehen.

Wir gehen deshalb davon aus, daß der Gegner während des ersten Feuerstoßes noch seine gesamte Zielfläche zeigt.

Wie man sieht, übt der beim friedensmäßigen Schießen oft vernachlässigte Zeitfaktor im Gefecht sehr großen Einfluß aus. Die verfügbaren Bekämpfungszeiten sind ungewöhnlich kurz. Wir wollen wissen, ob mit Gewehr oder MG auf Zweibein eher ein Erfolg gegen gefechtsmäßige Ziele auf mittlere Entfernung möglich ist. Dazu berechnen wir zuerst die Treffwahrscheinlichkeit aus Waffenstreuung, Treffpunktverlagerung und Zielausdehnung. Anschließend berücksichtigen wir den Zeitfaktor.

Bild 5 und 6 rechts: Zur Berechnung der Treffwahrscheinlichkeit. (Graphik: Jochem Peelen)

Treffwahrscheinlichkeit

Diese Größe besagt, wieviele von z. B. 100 unter den gegebenen Bedingungen abgefeuerten Schüssen voraussichtlich das Ziel treffen werden. Sie ergibt sich im wesentlichen aus dem Verhältnis von Zielausdehnung und Waffenstreuung. In einer sogenannten Wahrscheinlichkeitstafel, welche die Gesetzmäßigkeiten des Treffbildes (Erfahrungswerte) wiedergibt, kann man aus diesem Verhältnis die Treffwahrscheinlichkeit in Prozent ablesen. Sie wird für Höhe und Seite getrennt ermittelt. Ein Ziel bestimmter Größe kann nur getroffen werden, wenn die Abweichungen der Geschoßbahn nach Höhe und Seite jeweils gleichzeitig kleiner als die Zielausdehnung sind. Deswegen ist die Treffwahrscheinlichkeit kleiner als die Einzel-Treffwahrscheinlichkeiten nach Höhe und Seite. Beispiel (vergleiche Bild 5):

Von 100 Schuß werden wahrscheinlich 52 das Ziel treffen. Etwas umständlicher ist die Berechnung, wenn der mittlere Treffpunkt nicht mit der Zielmitte übereinstimmt. Auch hier erfolgt die Rechnung nach Höhe und Seite getrennt. Beispiel (vergleiche Bild 6): Wir nehmen spiegelbildlich zum tatsächlichen Ziel ein gleich großes Hilfsziel an.Von 100 Schuß werden unter diesen Bedingungen wahrscheinlich nur 3 das Ziel treffen. Unsere Betrachtung soll nicht zu unübersichtlich werden. Daher beschränken wir uns darauf, den Einfluß von Entfernungsfehlern auf die Treffwahrscheinlichkeit zu berechnen. Die Auswirkung der anderen Ursachen für Treffpunktverlagerungen ist im Prinzip gleich.

Bild 7: Treffwahrscheinlichkeit von Gewehr und MG (in Prozent) auf den Entfernungen 300, 400 und 500 m, wenn das Visier auf 400 m gestellt ist. (Graphik: Jochem Peelen)

Das Resultat der Rechnung zeigt Bild 7. Sofern Ziel- und Visierentfernung übereinstimmen, oder allgemeiner ausgedrückt, wenn der mittlere Treffpunkt korrekt in Zielmitte liegt, hat das Gewehr die höhere Treffwahrscheinlichkeit. Im Gefecht ist dieser Idealfall die Ausnahme. Weicht der mittlere Treffpunkt dagegen deutlich von der Zielmitte ab – wie hier durch Entfernungsschatzfehler –, liegt die Treffwahrscheinlichkeit beim Maschinengewehr höher. Die stärkere Streuung vermindert die Auswirkung von Treffpunktverlagerungen.

Allerdings darf die Streuung nicht zu groß werden. Je größer sie ist, desto kleiner der Einfluß von Treffpunktverlagerungen. Desto kleiner ist aber auch die noch erreichbare Treffwahrscheinlichkeit. Diese darf selbstverständlich nicht beliebig klein werden. Daher hat es keinen Sinn, mit dem MG auf Zweibein lange Feuerstöße oder Dauerfeuer zu schießen. Man darf auch nicht im Vertrauen auf die Streuung schlampig schießen. Vermeidbare Ursachen für zusätzliche Streuung müssen unbedingt abgestellt werden, um eine möglichst hohe Treffwahrscheinlichkeit zu erhalten. Aus dem gleichen Grunde ist es zwecklos. das MG so leicht wie das Gewehr zu machen oder das Gewehr als MG einzusetzen. Starker Rückstoß und geringes Waffengewicht bedingen eine zu starke Streuung. Theoretisch kann man übrigens bei gegebener Zielgröße und Treffpunktverlagerung eine optimale Streuung ermitteln, die eine möglichst hohe Treffwahrscheinlichkeit erlaubt. Die praktische Verwirklichung solcher Vorhaben stößt bei Schulterwaffen jedoch auf außerordentliche Schwierigkeiten. Zahlreiche kaum kalkulierbare Variable beeinflussen die Zusammenhänge.

Erfolgswahrscheinlichkeit

Bild 8: Erfolgswahrscheinlichkeit gegen ein Ziel, das sich 10 Sekunden lang zeigt. (Graphik: Jochem Peelen)

Weiter oben haben wir festgestellt, wieviele Schüsse in der verfügbaren Zeit auf das Ziel abgegeben werden können. Wir kennen deren Treffwahrscheinlichkeit und können daraus errechnen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dabei mindestens einen Treffer zu erzielen. Wir wollen diese Wahrscheinlichkeit Erfolgswahrscheinlichkeit nennen. Beispiel: Die Treffwahrscheinlichkeit betrage 50% = 0,5. Die Schußzahl sei 4. Dann rechnet man (nach Brändli):

E = 1 – (1 – 0,5)4 = 1 – 0,54 = 1 – 0,0625 = 0,9375 = 93,75%

Käme diese Situation im Gefecht 100mal vor, würde wahrscheinlich in 94 Fällen mindestens 1 Treffer und damit ein Erfolg erzielt.

Bild 9: Erfolgswahrscheinlichkeit gegen ein Ziel, das nach Feuereröffnung verschwindet. (Graphik: Jochem Peelen)

Die Durchrechnung unserer Annahme für den Fall, daß sich das feindliche MG 10 Sekunden lang zeigt, ergab die in Bild 8 dargestellten Resultate. Unter optimalen Bedingungen (hier: Zielentfernung gleich Visierentfernung) sind Gewehr und Maschinengewehr praktisch gleichwertig. Treten Treffpunktverlagerungen auf, sind die Erfolgsaussichten mit dem Maschinengewehr viel besser. Wegen der kurzen Bekämpfungszeit steigert die hohe Feuergeschwindigkeit des MG die Erfolgswahrscheinlichkeit.

Das Verhältnis verschiebt sich noch mehr zugunsten des MG, wenn gemäß der Möglichkeit 2 das Ziel verschwindet, sobald es beschossen wird. Das Ergebnis zeigt Bild 9. Die Erfolgswahrscheinlichkeit mit Gewehr ist hier gleich der Treffwahrscheinlichkeit, da nur 1 Schuß abgegeben werden kann. Mit MG ist jetzt die Aussicht auf Erfolg in jedem Fall besser als mit Gewehr. Damit wird klar, warum die Kriegserfahrung das Maschinengewehr auf Zweibein für den Feuerkampf auf mittlere Entfernung als unentbehrlich ansieht. Unter Gefechtsbedingungen erzielt das MG Erfolge. die mit dem Gewehr nahezu unmöglich sind.

Bild 10: Graphische Darstellung der Wahrscheinlichkeitstafel. Sie zeigt den Zusammenhang des Verhältnisses Zielausdehnung : Streuung mit der Treffwahrscheinlichkeit. (Graphik: Jochem Peelen)

Geleiteter Feuerkampf mit Gewehr

Aufmerksame Leser dieser Betrachtung werden vermutlich fragen. warum in die Rechnungen nur ein einziges Gewehr einbezogen wurde. In der Gruppe sind bekanntlich mehrere vorhanden, die im geleiteten Feuerkampf auf Grund der Überlagerung an Feuergeschwindigkeit und Streuung zweifellos dem Maschinengewehr gleichkommen können. Dies trifft zu. Das Problem ist die ordnungsgemäße Leitung des Feuerkampfes auf dem Höhepunkt des Gefechts. Die acht Punkte des Feuerkommandos müssen alle Soldaten der Gruppe erreichen, von ihnen verstanden und zum richtigen Zeitpunkt ausgeführt werden. Wenn ringsum sich das Gefecht im Gang befindet, ist das nur unter großen Schwierigkeiten oder überhaupt nicht möglich. Auf jeden Fall nimmt es viel Zeit in Anspruch, die nicht zur Verfügung steht. Feuerkraft muß im richtigen Augenblick eingesetzt werden, nicht eine halbe Minute später. Der Schütze am MG kann vom Gruppenführer viel schneller, einfacher und genauer im Kampf geleitet werden als die Feuertätigkeit der gesamten Gruppe. Das wird bei Vergleichsversuchen im Frieden allzu leicht vergessen, ist aber im Gefecht ganz wesentlich. Eine Anzahl Gewehrschützen kann die Feuerkraft des Maschinengewehrs erreichen, ist aber unter Gefechtsbedingungen unterlegen, da dann ein ordnungsgemäß geleiteter Feuerkampf kaum möglich ist.

Nahe Entfernung

Unsere bisherigen Feststellungen beziehen sich auf mittlere Kampfentfernungen. Mit kürzerer Entfernung wird die Überlegenheit des MG geringer. Die Gründe dafür sind leicht einzusehen. Je kleiner die Entfernung, desto kleiner auch der Entfernungsschätzfehler. Auf 100 m ist dessen Standardabweichung nur noch 20 m. Gleichzeitig verläuft die Flugbahn flacher. Die Treffpunktverlagerung im Vergleich zur Größe des Ziels ist dann nur noch minimal. Gleiches gilt für Richtfehler, die sich als Winkelfehler äußern und mit der Entfernung abnehmen. Wie wir gesehen haben, fallen die wesentlichen Ursachen für die Überlegenheit des MG im Gefecht bei kleiner Entfernung fort. Im Nahkampf schließlich ist das automatische Gewehr die eindeutig überlegene Waffe. Es kommt hier auf große Beweglichkeit, schnellen Zielwechsel und kürzeste Reaktionszeit an. Dazu ist das Maschinengewehr wegen seiner zwangsläufig schweren, langen Bauweise nicht in der Lage. Die hohe Feuerkraft dieser Waffenart kann unterhalb einer gewissen Entfernung nicht mehr an den Feind gebracht werden.

Feuergeschwindigkeit

Die Frage, welche Kadenz – theoretische Feuergeschwindigkeit – ein Maschinengewehr haben sollte, wird sehr kontrovers beantwortet. In einigen Staaten sind langsam schießende MG (um 600 Schuß/Minute), in anderen schnell schießende MG (um 1200 Schuß/Minute) eingeführt. Unterschiede in der Feuergeschwindigkeit kommen besonders zum Tragen bei sehr kurzen Bekämpfungszeiten und großen Schußzahlen. Dies ist der Fall beim Flugzielbeschuß sowie beim Einsatz als Maschinengewehr auf Lafette.

Infolge der Fluggeschwindigkeit stehen zur Bekämpfung eines Jagdbombers mit MG etwa 3.3 Sekunden zur Verfügung: es wird mit Feuerstößen von 10-15 Schuß geschossen[1]). Da macht es schon einen Unterschied, ob ein solcher Feuerstoß nur 0.6 oder 1,2 Sekunden beansprucht. Das schnell schießende MG ergibt die höhere Feuerdichte und läßt dem Schützen Zeit für Verbesserungen der Richtung oder zusätzliche Feuerstöße.

Das Maschinengewehr auf Lafette schießt Dauerfeuer. Da der Gegner überrascht werden und keine Zeit zu Gegenmaßnahmen haben soll, ist es wesentlich, ob ein MG für 50 Schuß 5 Sekunden braucht oder nur halb so lange.

Mit dem Maschinengewehr auf Zweibein schießt man kurze Feuerstöße. Das Verhältnis der Bekämpfungszeit zur reinen Schießzeit ist groß. Für das eingangs angenommene Beispiel beträgt es 10 Sekunden zu 0.6 bzw. 1,2 Sekunden. Die Höhe der Kadenz wirkt sich weniger stark aber immer noch spürbar auf die Zahl der abgegebenen Schüsse aus. Andererseits hat unter sonst gleichen Bedingungen das schneller schießende MG die größere Streuung. Die Nachprüfung zeigt jedoch, daß der günstige Einfluß der hohen Schußfolge auf die Erfolgswahrscheinlichkeit stärker ist als die negative Wirkung der vermehrten Streuung[2]). Somit überwiegen in allen drei Rollen – MG auf Zweibein, MG auf Lafette und Fliegerabwehr – eindeutig die Vorteile hoher Kadenz. Diese Ansicht deckt sich mit der deutschen Kriegserfahrung. Das aus Forderungen der Truppe entstandene MG 42 schoß bei etwa gleichem Gewicht um rund 50% schneller als sein Vorläufer, das MG 34. Die Waffe wurde von der Truppe als Verbesserung begrüßt und war beim Gegner gefürchtet.

Daher überrascht es etwas, daß auch heute noch keine Einigkeit in der Kadenzfrage besteht. Die Trennungslinie zwischen den Befürwortern hoher und niedriger Feuergeschwindigkeit geht quer durch die Bündnissysteme und das Lager der Neutralen. Langsam schießende MG (ca. 500-800 Sch/Min) verwenden unter anderem Frankreich, Schweden, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten. Schnell schießende MG (ca. 1000-1500 Sch/Min) sind z. B. eingeführt in der Bundesrepublik Deutschland, Finnland, Jugoslawien und der Tschechoslowakei. Es würde hier zu weit führen, die Gründe für die Unterschiede im einzelnen zu untersuchen. Teils sind es technische Fragen, teils unterschiedliche taktische Auffassungen.

Um die eigene Kampfkraft zu erhalten, muß im modernen Gefecht jeder bestrebt sein, sich der feindlichen Waffenwirkung so lange wie möglich zu entziehen. Im infanteristischen Feuerkampf wird die Entscheidung daher innerhalb kurzer Zeitabschnitte fallen, auch wenn das Gefecht als Ganzes längere Zeit dauert. Feuerpausen von unter Umständen erheblicher Dauer und kurze, sehr intensive Feuergefechte werden sich ablösen. Erfolg hat, wer in der verfügbaren Zeit mehr gutliegende Schüsse an den Feind bringt. Hohe Kadenz bietet die nötige Voraussetzung dazu.

Zusammenfassung

Der hohe Kampfwert des MG auf Zweibein wird von den Soldaten in der Friedensausbildung oft nicht erkannt. Anhand von Beispielen aus dem Zweiten Weltkrieg, die beliebig durch ähnliche Erfahrungen aus Korea, Vietnam und dem Nahen Osten ergänzt werden könnten, wurde gezeigt, wie hoch eine im Kampf stehende Truppe das MG auf Zweibein einschätzt. Um die Gründe dafür deutlich zu machen, wurden die typischen Merkmale des Schießens im Gefecht und ihre Auswirkungen dargestellt Beim Durchspielen einer typischen Gefechtssituation – Bekämpfung eines feindlichen MG – zeigten sich die Ursachen für die Überlegenheit des MG auf Zweibein gegenüber dem Gewehr. Unter Gefechtsbedingungen trifft man auf mittlere Entfernung mit dem MG schneller und besser als mit dem Gewehr.

Autor: Jochem Peelen war 35 Jahre in einer Bundesbehörde tätig. 1974 schrieb er erstmals über Waffentechnik (Funktionsweise von Rollenverschlüssen). Spätere Artikel erschienen vor allem im Deutschen Waffen-Journal und in Soldat und Technik. Seit 2007 liegt der Schwerpunkt auf Außenballistik und Treffwahrscheinlichkeit. Vorträge zum Thema hat er bei der Carl-Cranz-Gesellschaft, dem Bildungszentrum der Bundeswehr und beim Small Arms Symposium in Shrivenham gehalten.


[1] „Wehrausbildung in Wort und Bild“ 1975. S 233 u. 423

[2] Vergleiche die Arbeit von H. Thøgersen

Literaturhinweis (Auswahl):

Bader, Walter: Trends bei der Entwicklung von Gewehren. In: Jahrbuch der Wehrtechnik, Folge 9 (1975), Seite 126-132 (u. a Schießfehler unter Gefechtsbedingungen).

Brändli, Hans: Allgemeine Erkenntnisse auf dem Gebiete des Schießens und Treffens. Zürich 1966.

Curti, Paul: Automatische Waffen. 2. Auflage, Frauenfeld 1936.

Dathan, Heinz: Waffenlehre für die Bundeswehr. 2. Auflage. Bonn o. J. (3. Auflage ist erschienen).

Eckardt/Morawietz: Die Handwaffen. 2. Auflage. Hamburg 1973.

Thøgersen, H.: Untersuchungen und Vergleiche der schießtechnischen Eigenschaften von Maschinengewehren mit verschiedenen Feuergeschwindigkeiten, unter besonderer Berücksichtigung des MG 42 (7,62 mm MG 62). Übersetzung unter Mitwirkung von Otto Morawietz. Wehrtechnische Monatshefte 60 (1963). Heft 11, Seite 455-466.